Aktuelles

Machtmissbrauch in der Wissenschaft und wissenschaftliches Fehlverhalten - ein strukturelles Problem?

Vorstand

DGPs-Vorstand eröffnet Diskussionsforum

Markus Bühner, Christian Fiebach, Christina Bermeitinger, Jens Bölte, Karl-Heinz Renner, Anna-Lena Schubert, Stefan Schulz-Hardt (Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) e.V.)

(Dieser Text wurde in gekürzter Form in der Zeitschrift Forschung und Lehre (Ausgabe 8/21) veröffentlicht)

In den letzten Jahren wurden immer wieder Fälle schweren wissenschaftlichen Fehlverhaltens von prominenten Wissenschaftler*innen öffentlich, auch aus der Psychologie. Die Anschuldigungen umfassen neben wissenschaftlichem Fehlverhalten auch Machtmissbrauch gegenüber dem in einem Abhängigkeitsverhältnis stehenden wissenschaftlichen Nachwuchs - zum Teil gehen also wissenschaftliches Fehlverhalten und Machtmissbrauch Hand in Hand. Der betroffene Nachwuchs schweigt häufig aus Sorge um die eigene Karriere, Whistleblower*innen finden häufig kein Gehör und Universitäten und Forschungsinstitute scheinen ihre ‚besten Pferde im Stall‘ zu schützen. Das akademische System scheint also dem Führungspersonal einen Grad an Freiheit einzuräumen, welcher in Kombination mit teilweise sehr hohem Erfolgsdruck einen Missbrauch der real existierenden Abhängigkeitsverhältnisse ermöglichen kann. Die etablierten Kontrollmechanismen (z. B. Konfliktbeauftragte, Feedback durch Kolleg*innen) scheinen hierbei teilweise zu versagen, wodurch inakzeptable Arbeitssituationen für den wissenschaftlichen Nachwuchs entstehen können. Lässt sich über einen Fall nicht mehr hinwegsehen, stellt sich häufig heraus, dass die Probleme im Umfeld der jeweiligen Arbeitsgruppen durchaus bekannt waren, aber selbst etablierte, nicht angreifbare Kolleg*innen keine Stellung bezogen haben.

Aber auch jenseits der großen Forschungsskandale, die die öffentliche Aufmerksamkeit erlangen, sind fragwürdige Forschungspraktiken zu beobachten. Spätestens seit dem Reproducibility-Projekt der Open Science Collaboration aus dem Jahre 2015 wissen wir, dass dies auch für die psychologische Forschung gilt. Diese Art des eher ‚unterschwelligen‘ wissenschaftlichen Fehlverhaltens ist oft nicht bewusst intendiert, sondern reflektiert eine von vielen Personen als notwendig erachtete Anpassung an verzerrte Anreizsysteme im akademischen System. Wissenschaftliches Fehlverhalten wiederum – egal aus welcher Motivation heraus es entsteht – führt zu einer Verzerrung der wissenschaftlichen Befundlage und hat auf diesem Wege Auswirkungen auf wichtige systemische Faktoren wie die Verteilung von Forschungsgeldern oder die Berufung auf Professuren.

Die akademische Psychologie hat in den letzten Jahren die Strategie verfolgt, mit identifizierten Problemen im Wissenschaftssystem offen umzugehen. Die ‚Reproduzierbarkeitskrise‘ und die daraus resultierende Open-Science-Wende sind ein Beispiel dafür, dass aus diesem offenen Ansatz viel Potential für positive Veränderungen resultieren kann. Als Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) halten wir es für angebracht, ähnlich offen der Frage nachzugehen, welche strukturellen Gegebenheiten im Wissenschaftssystem Machtmissbrauch und unethisches Verhalten begünstigen und wie Abhilfe geschaffen werden kann.

Durch die hohe mediale Aufmerksamkeit, die Forschungsskandale aber auch prominente Plagiatsfälle erlangen, entsteht schnell der Eindruck, dass ‚die Wissenschaft‘ in ihrer Gesamtheit kompromittiert ist. Durch den aktiven Umgang der wissenschaftlichen Psychologie mit den Herausforderungen der Reproduzierbarkeitskrise könnte auch der Eindruck entstanden sein, dass die Psychologie in besonderem Ausmaß von Reproduzierbarkeitsproblemen und fragwürdigen Forschungspraktiken betroffen ist. Als Vorstand der DGPs sind wir jedoch davon überzeugt, dass beides nicht der Fall ist. Wir haben keinerlei Zweifel, dass der weitaus größte Anteil der Forscher*innen ihrer Arbeit redlich und unter Einhaltung hoher wissenschaftlicher und ethischer Standards nachgeht und dies auch unter angemessenen Arbeitsbedingungen an Universitäten und Forschungsinstitutionen tun kann. Wir glauben jedoch, dass wir weitere Maßnahmen benötigen, um Fehlverhalten, Machtmissbrauch und fragwürdigen Forschungspraktiken vorzubeugen und dass ein zentraler Schlüssel hierfür in strukturellen Aspekten des Wissenschaftssystems und in den aktuellen Anreizsystemen zu finden ist.
 
Der Vorstand der DGPs hat vor Kurzem ein Ombudsgremium eingerichtet, an das sich Wissenschaftler*innen aus dem Feld der Psychologie wenden können, wenn sie mit wissenschaftlichem oder anderem Fehlverhalten am Arbeits- oder Studienplatz konfrontiert werden. Wir danken Jutta Stahl, Susann Fiedler, Malte Elson und Peter Kirsch dafür, dass sie sich dieser Aufgabe gestellt und die für den Aufbau des Gremiums notwendige Arbeit geleistet haben und weiter leisten. In Abstimmung mit dem DGPs-Vorstand hat das Ombudsgremium eine Befragung unter allen DGPs-Mitgliedern und Mitarbeiter*innen an psychologischen Instituten und weiteren Forschungseinrichtungen durchgeführt, deren Ergebnisse zusammen mit diesem einführenden Kommentar auf der DGPs-Webseite veröffentlicht werden. Eine gekürzte Version dieses Berichts erscheint auch in Heft 8/2021 der Zeitschrift Forschung und Lehre. Auch wenn die Ergebnisse aufgrund der freiwilligen Teilnahme der kontaktierten Personen nicht als eine exakte Schätzung des Vorkommens unethischen Verhaltens am wissenschaftlichen Arbeitsplatz gelten können, so zeigt diese Befragung doch, dass Machtmissbrauch und bewusstes wissenschaftliches Fehlverhalten in der Psychologie keine Einzelfälle sind. Die Mehrheit der Betroffenen gaben an, Fehlverhalten in einem frühen Karrierestadium erlebt zu haben – also in dem Stadium der wissenschaftlichen Karriere, in dem die Abhängigkeiten von Vorgesetzten und Betreuer*innen am größten sind.

Als DGPs-Vorstand halten wir diese Situation für nicht akzeptabel. Grundlegende systemische Veränderungen sind nie leicht zu implementieren. Andererseits ist aber auch klar, dass es Veränderungen nur dann geben kann, wenn Probleme benannt werden und nach Lösungen gesucht wird. Solange wir Forschungsskandale und wissenschaftliches Fehlverhalten als Einzelfälle abtun, wird sich an strukturellen Gegebenheiten nichts ändern. Als Vorstand der DGPs möchten wir daher alle Kolleginnen und Kollegen einladen, gemeinsam die systemischen Probleme, die zu Machtmissbrauch und wissenschaftlichem Fehlverhalten führen können, zu identifizieren und nach Ansatzpunkten für eine Veränderung zu suchen.

Um diesen Prozess anzustoßen, haben wir vier Kolleginnen und Kollegen – Daniel Leising, Maja Dshemuchadse, Felix Schönbrodt und Stefan Scherbaum – gebeten, strukturelle Probleme des akademischen Systems pointiert zu benennen und zu diskutieren. Wir haben für diesen Diskussionsbeitrag gezielt Kolleg*innen angesprochen, die ein Spektrum zwischen dem Status als ‚Nachwuchswissenschaftler*innen‘ und etablierten Positionen im akademischen System abdecken. Aus unterschiedlichen Gründen haben die Autor*innen dieses Artikels in den letzten Jahren Einblick in missbräuchliche Machtverhältnisse im universitären System und in die Beharrungskräfte fragwürdiger Forschungspraktiken erlangt, und aus diesen Erfahrungen werden von ihnen Schlussfolgerungen und Empfehlungen abgeleitet. Ihr Diskussionsbeitrag, der auch auf der DGPs-Webseite veröffentlicht wird, ist sicher nicht ‚bequem‘. Er schildert eine Seite des akademischen Systems, die viele von uns im Alltag kaum wahrnehmen oder wahrnehmen wollen – die aber trotzdem existiert. Er mag bei vielen Kolleginnen und Kollegen auch zu kritischen oder abwehrenden Reaktionen führen. Dies ist explizit gewünscht, denn wir halten es für notwendig, uns auch aktiv mit problematischen Aspekten des Wissenschaftssystems auseinander zu setzen, um als Fachgesellschaft Positionen und Ziele entwickeln zu können, die von uns allen getragen werden!

Wir möchten Sie als Kolleginnen und Kollegen aus diesem Grund aufrufen, sich an dieser Diskussion zu beteiligen. Bis Ende Oktober können Kommentare und Stellungnahmen zu den beiden hier publizierten Beiträgen eingereicht werden, die wir dann auf der Webseite veröffentlichen werden.

(Kommentare sollten eine Länge von 4.000 Wörtern nicht überschreiten und sich auf einer sachlichen Ebene mit dem Thema auseinandersetzen. Der DGPs-Vorstand wird die eingereichten Beiträge einer redaktionellen Überprüfung unterziehen, um sicherzustellen, dass zu veröffentlichende Beiträge sachlich korrekt sind, keine Persönlichkeitsrechte Einzelner verletzen und generell mit den Standards der Veröffentlichung von Inhalten auf der DGPs-Webseite konform sind. Bei Verletzung dieser Grundsätze behält sich die DGPs vor, redaktionelle Überarbeitungen zu erbitten bzw. gegebenenfalls auch die Veröffentlichung abzulehnen. Bitte senden Sie entsprechende Beiträge als Word-Dokument an schriftfuehrer@dgps.de).

Wir planen darüber hinaus, zum Wintersemester eine Task Force oder Arbeitsgruppe zu berufen, die sich vertieft mit der Thematik von Machtmissbrauch und Fehlverhalten in der Wissenschaft beschäftigt und zu diesem Zweck die Beiträge aus diesem Diskussionsforum als Grundlage heranziehen wird. Eine gemeinsame Diskussion wird für den nächsten Kongress in Hildesheim geplant. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dieses Diskussionsforum öffentlich zugänglich zu machen, da die oben angesprochenen Herausforderungen nicht das Problem einer einzelnen oder unserer Disziplin sind, sondern vielmehr auf allgemeine Probleme wissenschaftlicher Anreizsysteme hinweisen. Wir haben daher in einem parallel in der Zeitschrift Forschung und Lehre veröffentlichten Kommentar alle Fachdisziplinen dazu aufgerufen, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Wir sollten über Fachgrenzen hinweg darauf hinarbeiten, wissenschaftliches Fehlverhalten und Machtmissbrauch zu beseitigen oder zumindest deutlich zu erschweren.