Task Force "Verschwörungstheorien"

Die bereitwillige Akzeptanz von und der oftmals sehr änderungsresistente Glaube an Verschwörungstheorien stellen ein Problem für demokratische Gesellschaften dar, da sie das Vertrauen in demokratische Institutionen und Prozesse untergraben – etwa dann, wenn Teile der deutschen Bevölkerung die Corona-Schutzmaßnahmen (deren Angemessenheit man selbstverständlich kritisch diskutieren kann!) für Instrumente eines gezielten Komplotts zum Errichten einer Diktatur halten, oder wenn Millionen von US-Amerikanern ohne belastbare Evidenz nach wie vor glauben, die Präsidentschaftswahl sei „gestohlen“ worden.

Was versteht man unter Verschwörungstheorien und Verschwörungsmentalität?

Eine Verschwörungstheorie erklärt ein Ereignis oder einen Umstand durch geheime Absprachen einer Gruppe von Personen zu deren Vorteil und dem Schaden der Allgemeinheit. Eine allgemeine Neigung von Personen, sich die Welt über Verschwörungstheorien zu erklären, bezeichnet man als Verschwörungsmentalität.

Beispiel:Die Behauptung, dass die Krankheit COVID-19 gar nicht existiere, ist erst dann eine Verschwörungstheorie, wenn hier kein wissenschaftlicher Irrtum vermutet wird, sondern das planvolle Handeln einer im Verborgenen agierenden Gruppe, die die Existenz dieser Krankheit wider besseren Wissens behauptet, um daraus einen Vorteil zu ziehen.

Mitglieder der Task Force

Die vier Wissenschaftler:innen beschäftigen sich in ihrer Forschung mit Verschwörungstheorien und/oder Fake News. Seitens des DGPs-Vorstands wird die Task Force von Stefan Schulz-Hardt (Erster Vizepräsident der DGPs, U Göttingen) koordiniert. Im ersten Schritt hat die Task Force den wissenschaftlichen Forschungsstand zu Verschwörungstheorien zusammengetragen und in Form von FAQs aufbereitet. Praktische Empfehlungen dazu, wie man im Alltag mit Verschwörungstheorien und ihren Anhängern umgehen kann, werden folgen.

Prof. Dr. Roland Imhoff

Professur für Sozial- und Rechtspsychologie

Johannes Gutenberg Universität Mainz

Roland Imhoffs Forschungsschwerpunkte sind Kategorisierung, Stereotype, und Vorurteile, Repräsentationen von Geschichte und vergleichende Urteile.
Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien untersucht er insbesondere die kognitiven und behavioralen Korrelate von Verschwörungsmentalität.

Foto: Friederike Henschel

Pia Lamberty

Geschäftsführerin am Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS)

Mainz

Pia Lamberty ist Doktorandin an der Johannes Gutenberg Universität Mainz und Geschäftsführerin am Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Ihre aktuellen Forschungsschwerpunkte sind soziale Medien und welche Rolle sie für die Gesellschaft spielen. Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien befasst sie sich mit der Verschränkung von sozialen Medien und dem Verschwörungsglauben, insbesondere während der Pandemie.

Foto: Daniel Pasche

Prof. Dr. Tobias Rothmund

Professor für Kommunikations- und Medienpsychologie

Friedrich-Schiller Universität Jena

Tobias Rothmunds Forschungsschwerpunkte sind individuelle Unterschiede im politischen Denken und Handeln sowie die Entstehung von Konflikt und Kooperation in digitalen Kommunikationsräumen. Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien untersucht er den motivierten Umgang mit wissenschaftlicher Evidenz und beschäftigt sich mit der Wirksamkeit von  Interventionen zur Stärkung von Resilienz gegenüber Falschinformation.

Foto: Anne Günther, FSU Jena

 

Prof. Dr. Stephan Winter

Professor für Medienpsychologie

Universität Koblenz-Landau

Stephan Winters Forschungsschwerpunkte sind Informationsauswahl sowie Meinungsbildung und Meinungsäußerung in digitalen Medien.
Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien befasst er sich mit der Wirkung von Fake News sowie der Rolle von Social-Media-Plattformen und Instant Messengern.

Foto: privat

Prof. Dr. Stefan Schulz-Hardt

Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie

Georg-August-Universität Göttingen

Stefan Schulz-Hardt ist Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen und 1. Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. In dieser Funktion koordiniert er die Arbeit der Task Force und ist das Bindeglied zum DGPs-Vorstand. Seine Forschungsschwerpunkte sind Urteils- und Entscheidungsprozesse in Gruppen, der Umgang mit Ratschlägen sowie die Verstrickung in fehlgehende Handlungen.

Foto: Dr. Peter Zezula, Göttingen

 

FAQs zu Verschwörungstheorien und Verschwörungsmentalität

Verschwörungstheorien und Verschwörungsmentalität – was ist das?

Von einer Verschwörungstheorie spricht man, wenn Menschen glauben, dass ein Ereignis durch geheime Absprachen einer Gruppe von Personen zustande gekommen ist, und zwar zu deren Vorteil und dem Schaden der Allgemeinheit.
Ein Beispiel: Wenn Menschen glauben, dass die Krankheit COVID-19 gar nicht existiert, dann ist das noch keine Verschwörungstheorie. Dieser Glaube wird dann zur Verschwörungstheorie, wenn man annimmt, dass eine im Verborgenen agierende Gruppe die Existenz dieser Krankheit wider besseren Wissens erfunden hat, um daraus einen Vorteil zu ziehen.
Manche Menschen neigen allgemein dazu, die Welt durch Verschwörungstheorien zu erklären. Wir sprechen dann von einer Verschwörungsmentalität[1].


[1] Imhoff, R., & Bruder, M. (2014). Speaking (un-)truth to power: Conspiracy mentality as a generalized political attitude. European Journal of Personality, 28, 25-43.

 

Nein. Verschwörungstheorien können wahr sein, und zwar wenn hinter einem Ereignis tatsächlich eine geheime Absprache zum Nachteil der Allgemeinheit steckt. Es gibt ja wirklich manchmal Verschwörungen. Ein Beispiel: Die Vermutung, dass sich VW-Manager und Ingenieure abgesprochen haben, Schadsoftware in Dieselfahrzeuge einzubauen, damit diese auf dem Prüfstand bessere Ergebnisse erzielen, ist gerichtlich gut belegt und somit eine Verschwörungstheorie, die der Wahrheit entspricht. Viele weit verbreitete Verschwörungstheorien sind jedoch schwer überprüfbar, da sich die unterstellten Sachverhalte im Geheimen abspielen. Außerdem werden vermeintliche Widersprüche häufig in die Erzählung eingebettet, z.B. als Ablenkungsmanöver oder gezielte Falschinformation (z.B. „Dass es so wenig Belege für schwerwiegende Impffolgen gibt, liegt nur daran, dass die entsprechenden Studien zensiert werden.“). Für die allerwenigsten Verschwörungstheorien ist klar, unter welchen Umständen sie als widerlegt gelten könnten. Aus diesem Grund haben Verschwörungstheorien häufig auch eher den Status von Glaubenssätzen, also nicht belegbaren Überzeugungen, und weniger den von wissenschaftlichen Theorien.

Menschen unterscheiden sich im Grad ihrer Zustimmung zu konkreten Verschwörungstheorien und einer verschwörungstheoretischen Weltsicht. Es gibt also nicht pauschale Zustimmung oder Ablehnung, sondern die Zustimmung kann viele Abstufungen haben. Deshalb sind Sätze wie „10% der Bevölkerung glauben an Verschwörungstheorien“ ziemlich willkürlich, weil sie eben davon abhängen, wo man den „Cut-Off“ setzt, ab dem jemand an eine Verschwörungstheorie wirklich glaubt.
Dennoch lassen sich Trends in der Zu- oder Abnahme abschätzen, indem man z.B. schaut, wie sich die mittlere Zustimmung zu Verschwörungstheorien oder auch die mittlere Verschwörungsmentalität über die Zeit verändern. Die vorliegenden wissenschaftlichen Daten für Verschwörungsmentalität umspannen einen Zeitraum von knapp zehn Jahren und zeigen keinerlei Anstieg seit 2012. [1]


[1] www.joeuscinski.com/uploads/7/1/9/5/71957435/over_time.pdf

Es gibt zahlreiche Gründe, an Verschwörungstheorien zu glauben. In der psychologischen Forschung geht man überwiegend davon aus, dass Verschwörungstheorien übernommen werden, weil sie grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigen [1]. Schuldige zu benennen (was ja ein wesentliches Element von Verschwörungstheorien ist), kann die Welt vorhersehbarer und damit auch kontrollierbarer erscheinen lassen. Exklusives Geheimwissen zu besitzen und eine Verschwörung durchschaut zu haben, kann Menschen zudem das Gefühl geben, etwas Besonderes zu sein, und so ihr Bedürfnis nach Einzigartigkeit und Selbstwert befriedigen [2, 3].


[1] Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current directions in psychological science, 26(6), 538-542.
[2] Imhoff, R. & Lamberty, P. (2017). Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs. European Journal of Social Psychology, 47, 724-734.
[3] Lantian, A., Muller, D., Nurra, C., & Douglas, K. M. (2017). I know things they don’t know! Social Psychology, 48(3), 160-173. doi.org/10.1027/1864-9335/a000306

 

Menschen glauben unter anderem an Verschwörungstheorien, weil damit grundlegende menschliche Bedürfnisse befriedigt werden können [1]. Beispielsweise stimmen Menschen, die sich selbst als nur wenig selbstwirksam erleben und das Gefühl haben, nur wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben, Verschwörungstheorien tendenziell eher zu, weil ihnen dies ein gewisses Gefühl der Kontrolle gibt (man kennt die „Schuldigen“) [2]. Aber auch Menschen mit einem starken Bedürfnis danach, Muster zu erkennen [3], Verknüpfungen herzustellen und hinter den Ereignissen eine Absicht zu erkennen [4] (z.B. auch in Naturereignissen [5]), zeigen eine stärkere Zustimmung. Ähnliches lässt sich auch für Menschen sagen, die gerne einzigartig und besonders sein wollen [6, 7]. Es gibt keine belastbaren Hinweise, dass sich Männer und Frauen unterscheiden, wohl aber, dass Menschen mit geringerem Bildungsniveau Verschwörungstheorien eher zustimmen [8, 9]. Das liegt nach aktuellem Stand vor allem daran, dass Menschen mit einer geringeren formalen Bildung weniger Kontrolle über das eigene Leben wahrnehmen [9].


[1] Douglas, K. M., Sutton, R. M., & Cichocka, A. (2017). The psychology of conspiracy theories. Current Directions in Psychological Science, 26(6), 538-542.
[2] Imhoff, R., & Lamberty, P. (2018). How paranoid are conspiracy believers? Towards a more fine-grained understanding of the connect and disconnect between paranoia and belief in conspiracy theories. European Journal of Social Psychology, 48, 909-926.
[3] Van Prooijen, J. W., Douglas, K. M., & De Inocencio, C. (2018). Connecting the dots: Illusory pattern perception predicts belief in conspiracies and the supernatural. European Journal of Social Psychology, 48(3), 320-335.
[4] Douglas, K. M., Sutton, R. M., Callan, M. J., Dawtry, R. J., & Harvey, A. J. (2016). Someone is pulling the strings: Hypersensitive agency detection and belief in conspiracy theories. Thinking & Reasoning, 22(1), 57-77.
[5] Imhoff, R., & Bruder, M. (2014). Speaking (un-)truth to power: Conspiracy mentality as a generalized political attitude. European Journal of Personality, 28, 25-43.
[6] Imhoff, R. & Lamberty, P. (2017). Too special to be duped: Need for uniqueness motivates conspiracy beliefs. European Journal of Social Psychology, 47, 724-734.
[7] Lantian, A., Muller, D., Nurra, C., & Douglas, K. M. (2017). I know things they don’t know!. Social Psychology, 48(3), 160-173. doi.org/10.1027/1864-9335/a000306
[8] Imhoff, R., Zimmer, F., Klein, O., António, J. H. C., Babinska, M., Bangerter, A., Bilewicz, M., Blanuša, N., Bovan, K., Bužarovska, R., Cichocka, A., Delouvée, S., Douglas, K. M., Dyrendal, A., Gjoneska, B., Graf, S., Gualda, E., Hirschberger, G., Kende, A., Kutiyski, Y., ..., & van Prooijen, J.-W. (2022). Conspiracy mentality and political orientation across 26 countries. Nature Human Behavior.
[9] van Prooijen, J. W. (2017). Why education predicts decreased belief in conspiracy theories. Applied cognitive psychology, 31(1), 50-58.

 

Situationen, die Menschen das Gefühl geben, nur wenig Kontrolle über ihr Leben zu haben (zum Beispiel Arbeitslosigkeit [1] oder auch eine Niederlage der präferierten Partei bei wichtigen Wahlen [2]), führen zu stärkerer Zustimmung zu Verschwörungstheorien. Obwohl dies prinzipiell auch für gesellschaftliche Ausnahmesituationen gelten sollte, zeigt eine Studie aus Deutschland im Laufe der Corona-Pandemie keinen Anstieg im Glauben an eine allgemeine Weltverschwörung [3].


[1] Imhoff, R. (2015). Beyond (right-wing) authoritarianism: Conspiracy mentality as an incremental predictor of prejudice. In. M. Bilewicz, A. Cichocka, & W. Soral (Eds.) The Psychology of Conspiracy (pp. 122-141).London: Routledge.
[2] Imhoff, R., Zimmer, F., Klein, O., António, J. H. C., Babinska, M., Bangerter, A., Bilewicz, M., Blanuša, N., Bovan, K., Bužarovska, R., Cichocka, A., Delouvée, S., Douglas, K. M., Dyrendal, A., Gjoneska, B., Graf, S., Gualda, E., Hirschberger, G., Kende, A., Kutiyski, Y., ..., & van Prooijen, J.-W. (2022). Conspiracy mentality and political orientation across 26 countries. Nature Human Behavior.
[3] Roose, J. (2020). Verschwörung in der Krise. In Repräsentative Umfragen zum Glauben an Verschwörungstheorien vor und in der Corona Krise. Konrad Adenauer Stiftung, Forum empirische Sozialforschung. Berlin. www.kas.de/documents/252038/7995358/Verschw%C3%B6rung+in+der+Krise.pdf/7703c74e-acb9-3054-03c3-aa4d1a4f4f6a

 

Es gibt bisher kaum Forschung dazu, welche Ansätze im Umgang mit Verschwörungsgläubigen am hilfreichsten sind. Das meiste Wissen hierzu stammt aus praktischen Erfahrungen, zum Beispiel von Beratungsstellen. Wer mit Menschen konfrontiert ist, die Verschwörungstheorien verbreiten, kann sich zuerst einmal die folgenden Fragen stellen:

  1. Wie sehr ist die Verschwörungstheorie im Weltbild der Person verankert? Hat die oder der Bekannte/Verwandte einfach einmal nicht genau aufgepasst und daher Fake News verbreitet, oder handelt es sich hier um eine Person mit einem geschlossenen Weltbild? Je weniger geschlossen das Weltbild ist, desto mehr helfen Fakten.
  2. Wie nahe steht Ihnen die Person? Geht es um eine flüchtige (digitale) Bekanntschaft, oder um eine Person, die Ihnen sehr nahe steht? Je besser und tiefer die Beziehungsebene ist, desto eher gilt man als vertrauenswürdige Quelle und kann die andere Person noch erreichen.
  3. Welche Kapazitäten sind vorhanden, d.h. wie viel Zeit und Ressourcen möchten und können Sie verwenden? Insbesondere, wenn nahestehende Personen plötzlich überall böse Mächte am Werk sehen, ist es für Angehörige oft sehr schwierig. Gerade deswegen ist es wichtig, auch darauf aufzupassen, Grenzen zu setzen. Wer bemerkt, dass Angehörige oder nahestehende Menschen immer stärker überall Verschwörungen wittern (d.h. eine Verschwörungsmentalität ausbilden) und darunter leiden, sollte sich an Beratungsstellen wenden, die gemeinsam die individuellen Umgangsstrategien diskutieren. Die Beratungsstelle "veritas" beispielsweise arbeitet in Berlin speziell zur Beratung von Angehörigen. In den Bundesländern gibt es die kirchlichen Sektenberatungsstellen, in NRW, BaWÜ und Berlin arbeiten auch Sektenberatungen, die nicht kirchlich angebunden sind. Die sog. Mobilen Beratungen gegen Rechtsextremismus unterstützen in den Ländern auch, wenn es darum geht, Strategien zu entwickeln. Auch online gibt es mittlerweile einige Angebote. Das Online-Spiel "Talk to me" (https://www.talktome.games/) möchte Menschen dabei unterstützen, sicherer im Umgang mit Verschwörungsgläubigen im eigenen Umfeld zu werden.

 

Durch soziale Medien sind Verschwörungstheorien leichter zugänglich als in traditionellen Medien [1]. Wer beispielsweise YouTube-Videos zum Klimawandel sucht, sich bei Instagram durch Postings zum Hashtag #corona klickt oder bei Google nach Informationen zum Thema Impfungen sucht, stößt unter den vorgeschlagenen Beiträgen wahrscheinlich auch auf verschwörungstheoretische Inhalte [2, 3, 4]. Zudem ist es über Foren oder Gruppen/Kanäle in Instant Messengern wie Telegram oder WhatsApp einfach, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen und dort in einem geschützten Raum Inhalte auszutauschen. Insbesondere Telegram gilt als wichtiger Kanal für die Verbreitung von Verschwörungstheorien und die Vernetzung ihrer Anhänger:innen.
Soziale Medien sind demnach häufig Quellen, in denen Verschwörungsinhalte auftauchen oder diskutiert werden. Es ist aber noch nicht gesichert, inwieweit eine intensive Nutzung sozialer Medien auch zu einer Verstärkung von Verschwörungsmentalität führt und, wenn ja, welche Kommunikationsprozesse (z.B. in geschlossenen Gruppen) dazu beitragen.


[1]: Del Vicario, M., Bessi, A., Zollo, F., Petroni, F., Scala, A., Caldarelli, G., Stanley, H. E., & Quattrociocchi, W. (2016). The spreading of misinformation online. Proceedings of the National Academy of Sciences, 113, 554–559. doi.org/10.1073/pnas.1517441113
[2]: Allgaier, J. (2019). Science and environmental communication on YouTube: Strategically distorted communications in online videos on climate change and climate engineering. Frontiers in Communication, 4, 1–15. doi.org/10.3389/fcomm.2019.00036
[3]: Quinn, E. K., Fazel, S. S., & Peters, C. E. (2020). The Instagram infodemic: Cobranding of conspiracy theories, Coronavirus disease 2019 and authority-questioning beliefs. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking. doi.org/10.1089/cyber.2020.0663
[4]: Briones, R., Nan, X., Madden, K., & Waks, L. (2012). When vaccines go viral: An analysis of HPV vaccine coverage on YouTube. Health Communication, 27, 478–485. doi.org/10.1080/10410236.2011.610258

Als „Fake News“ bezeichnet man in der Kommunikationswissenschaft absichtlich verbreitete Inhalte (meist in sozialen Medien), die im Widerspruch zu überprüfbaren Tatsachen stehen, aber so aussehen sollen, als seien es „richtige“ Nachrichten [1]. Oftmals geht es darin auch um geheime Machenschaften mächtiger Gruppen, so dass Fake News dann Verschwörungstheorien oder zumindest Elemente von Verschwörungstheorien beinhalten können. Die Konzepte sind aber nicht deckungsgleich: „Fake News“ können auch andere Themen behandeln, und Verschwörungstheorien werden nicht immer in der Form von „Fake News” verbreitet. Erste Studien zeigen jedoch eine deutliche Verbindung: Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität neigen eher dazu, wissenschaftsbezogene „Fake News“ als glaubwürdig zu betrachten [2, 3].


[1]: Lazer, D. M. J., Baum, M. A., Benkler, Y., Berinsky, A. J., Greenhill, K. M., Menczer, F., Metzger, M. J., Nyhan, B., Pennycook, G., Rothschild, D., Schudson, M., Sloman, S. A., Sunstein, C. R., Thorson, E. A., Watts, D. J., & Zittrain, J. L. (2018). The science of fake news. Science, 359, 1094–1096. doi.org/10.1126/science.aao2998
[2]: Halpern, D., Valenzuela, S., Katz, J., & Miranda, J. P. (2019). From belief in conspiracy theories to trust in others: Which factors influence exposure, believing and sharing fake news. In G. Meiselwitz (Ed.), Social Computing and Social Media. Design, Human Behavior and Analytics. Springer International Publishing.
[3]: Landrum, A. R., & Olshansky, A. (2019). The role of conspiracy mentality in denial of science and susceptibility to viral deception about science. Politics and the Life Sciences, 38, 193–209. doi.org/10.1017/pls.2019.9

 

Auch in verschwörungstheoretischen Diskussionen zur Corona-Pandemie fällt auf, dass auf Fachpersonal und Expert:innen mit akademischen Titeln verwiesen wird. Gleichzeitig herrscht Skepsis gegenüber denjenigen Expert:innen, die einen wissenschaftlichen Mainstream vertreten und/oder (vermeintlich) der Regierung nahestehen. In Untersuchungen zeigte sich, dass Menschen mit ausgeprägter Verschwörungsmentalität Expert:innen, die sie zur Elite zählen oder als mächtig wahrnehmen, allgemein als weniger glaubwürdig beurteilen [1]. Wissenschaftlichen Außenseiter:innen oder Blogger:innen schreiben sie dagegen eine höhere Glaubwürdigkeit zu als dies Personen mit niedriger Verschwörungsmentalität tun. Während die meisten Menschen Expert:innen allgemein stärker vertrauen als Lai:innen, ist dieser Unterschied bei Menschen mit höherer Verschwörungsmentalität verringert.


[1]: Imhoff, R., Lamberty, P., & Klein, O. (2018). Using power as a negative cue: How conspiracy mentality affects epistemic trust in sources of historical knowledge. Personality and Social Psychology Bulletin, 44, 1364–1379. doi.org/10.1177/0146167218768779

 

Inhalte von Verschwörungstheorien (z.B. QAnon, Mikrochips in Impfungen) werden teilweise auch in journalistischen Medien aufgegriffen, oft als Faktencheck mit korrigierenden Informationen oder als Darstellung einer gesellschaftlichen Problematik [1]. Man kann vermuten, dass bestimmte Merkmale von Verschwörungstheorien (z.B. deren Negativität, Neuigkeitswert, Unterhaltungswert) dafür sorgen, dass sie in der Logik journalistischer Arbeit als interessant erachtet werden. Auch wenn sie in journalistischen Beiträgen in den allermeisten Fällen nicht unkommentiert verbreitet werden, wäre es denkbar, dass bei manchen Personen dadurch das Interesse an Verschwörungstheorien erst geweckt wird. Bisherige Studien deuten aber eher darauf hin, dass Personen, die häufiger traditionelle Medien nutzen, einen geringeren Glauben an Verschwörungstheorien aufweisen [2].


[1]: Tsfati, Y., Boomgaarden, H. G., Strömbäck, J., Vliegenthart, R., Damstra, A., & Lindgren, E. (2020). Causes and consequences of mainstream media dissemination of fake news: Literature review and synthesis. Annals of the International Communication Association, 44, 157–173. doi.org/10.1080/23808985.2020.1759443
[2]: Stempel, C., Hargrove, T., & Stempel, G. H. (2007). Media use, social structure, and belief in 9/11 conspiracy theories. Journalism and Mass Communication Quarterly, 84, 353–372. doi.org/10.1177/107769900708400210

 

Der Ursprung einzelner Verschwörungstheorien lässt sich oft nur schwer bestimmen. Während einige Narrative (insbesondere zum vermeintlichen jüdischen Einfluss) bereits sehr alt sind, werden neuere Verschwörungstheorien zu aktuellen Ereignissen oft über soziale Medien verbreitet. In der Forschung zu „Fake News“ wird angenommen, dass deren Verbreitung aus Überzeugung geschieht, mit dem Ziel, andere zu beeinflussen, oder auch aus kommerziellen Motiven (Werbeeinnahmen durch Klickzahlen). Die üblichen Ziele der Meinungsäußerung im Internet (a: man möchte andere über ein Thema informieren, b: man möchte andere von einer bestimmten Position überzeugen, c: man möchte sich selbst positiv darstellen [1]) sind prinzipiell auch für Personen, die Verschwörungstheorien streuen, plausibel; hierzu gibt es allerdings keine gesicherten Erkenntnisse. In Netzwerkanalysen der Kommunikationsprozesse in sozialen Medien zeigt sich, dass der Austausch von Informationen über Verschwörungstheorien verstärkt in homogenen Gruppen stattfindet [2].  


[1]: Winter, S., & Neubaum, G. (2016). Examining characteristics of opinion leaders in social media – A motivational approach. Social Media + Society, 2, 1-12. doi:10.1177/2056305116665858
[2]: Bessi, A., Coletto, M., Davidescu, G. A., Scala, A., Caldarelli, G., & Quattrociocchi, W. (2015). Science vs conspiracy: Collective narratives in the age of misinformation. PLOS ONE, 10, e0118093. doi.org/10.1371/journal.pone.0118093

 

Verschwörungstheorien können in bestimmten Fällen dem Gemeinwohl dienen, nämlich dann, wenn sie dazu führen, real existierende Verschwörungen aufzudecken (z.B. durch sogenannte Whistleblower wie Edward Snowden). Problematisch werden sie dann, wenn sie zu Verhaltensweisen führen, die für den Einzelnen oder die Allgemeinheit schädlich sind. Ein Beispiel: Verschwörungstheorien zur Corona-Impfung können dazu führen, dass sich weniger Menschen impfen lassen, was zur Folge hat, dass andere Menschen gefährdet werden und Schutzmaßnahmen nicht aufgehoben werden können. Problematisch sind Verschwörungstheorien auch deswegen, weil sie oft im Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft [1] und extremen politischen Überzeugungen [2] stehen. Darüber hinaus kann eine allgemeine Verschwörungsmentalität und ein damit verbundenes grundsätzliches Misstrauen gegenüber politischen und gesellschaftlichen Akteur:innen das Gesprächsklima vergiften und den rationalen Diskurs untergraben.


[1]: Imhoff, R., Dieterle, L., & Lamberty, P. (2021). Resolving the puzzle of conspiracy worldview and political activism: Belief in secret plots decreases normative but increases nonnormative political engagement. Social Psychological and Personality Science, 12(1), 71-79.
[2]: Krouwel, A., Kutiyski, Y., Van Prooijen, J. W., Martinsson, J., & Markstedt, E. (2017). Does extreme political ideology predict conspiracy beliefs, economic evaluations and political trust? Evidence from Sweden. Journal of Social and Political Psychology, 5(2), 435-462.

 

Es gibt zwei grundlegende Probleme, wenn man den Glauben an eine Verschwörungstheorie argumentativ verändern möchte. Zum einen sind Verschwörungstheorien allgemein schwer zu widerlegen, weil sie sich ihrer Natur nach auf Vorgänge im Geheimen beziehen. Dass keine Belege für eine solche Verschwörung vorliegen, wird in diesem Sinne sogar teilweise als Hinweis auf eine besonders gut gelungene Verschwörung interpretiert. Und zum anderen wird die Beurteilung von Argumenten durch den Glauben an die Verschwörungstheorie beeinflusst. Ein Beispiel: Wer annimmt, dass die Regierung mittels sogenannter Chemtrails die Bevölkerung systematisch manipuliert, der schenkt einer wissenschaftlichen Widerlegung dieser Annahme eher wenig Vertrauen. Schließlich sind entsprechende Gutachten wertlos, wenn die Wissenschaftler:innen entweder der verschwörerischen Elite angehören oder durch diese manipuliert werden. Entsprechend gibt es empirische Belege dafür, dass wissenschaftliche Widerlegungen von Verschwörungstheorien bei den Anhänger:nnen dieser Theorien wenig bewirken [1]. Wenn Menschen an eine bestimmte Sache glauben wollen, dann führt das zu sogenannten „motivierten Schlussfolgerungen“, d.h. Argumente werden nur dann als überzeugend bewertet, wenn sie die erwünschte Schlussfolgerung stützen [2].


1 : Zollo, F., Bessi, A., Del Vicario, M., Scala, A., Caldarelli, G., Shekhtman, L., ... & Quattrociocchi, W. (2017). Debunking in a world of tribes. PLOS ONE, 12(7), e0181821.
2: Rothmund, T., Gollwitzer, M., Nauroth, P., & Bender, J. (2017). Motivierte Wissenschaftsrezeption. Psychologische Rundschau, 68, 193-197, doi.org/10.1026/0033-3042/a000364.

 

Hierzu gibt es bislang noch keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Verschwörungsmentalität steht jedoch im Zusammenhang mit einer Reihe von Persönlichkeitsmerkmalen wie zum Beispiel einem niedrigen Vertrauen in andere Menschen [1], einem Bedürfnis nach Einzigartigkeit [2] sowie einer Neigung zu paranoiden Denkstilen [3]. Da Persönlichkeitsmerkmale durch eine gewisse Stabilität gekennzeichnet sind, kann angenommen werden, dass die Veränderung von Verschwörungsmentalität eher mittel- und langfristig als kurzfristig gelingen kann.


[1] : Meuer, M., & Imhoff, R. (2021). Believing in hidden plots is associated with decreased behavioral trust: Conspiracy belief as greater sensitivity to social threat or insensitivity towards its absence? Journal of Experimental Social Psychology, 93, 104081.
[2]: Lantian, A., Muller, D., Nurra, C., & Douglas, K. M. (2017). I know things they don’t know! Social Psychology, 48(3), 160-173. doi.org/10.1027/1864-9335/a000306
[3]: Imhoff, R., & Lamberty, P. (2018). How paranoid are conspiracy believers? Toward a more fine‐grained understanding of the connect and disconnect between paranoia and belief in conspiracy theories. European Journal of Social Psychology, 48(7), 909-926.

 

Die Unterscheidung zwischen einer falschen Verschwörungstheorie und einer tatsächlichen Verschwörung kann häufig nur rückblickend sicher getroffen werden. Man kann jedoch überprüfen, ob eine Verschwörungstheorie zumindest eine gewisse Plausibilität besitzt, d.h. ob überhaupt eine realistische Aussicht besteht, dass es einen wahren Kern gibt. Dies kann anhand der folgenden Kriterien geprüft werden:
Erstens, inwiefern werden nachvollziehbare Beobachtungen oder Argumente für die Existenz einer Verschwörung vorgebracht? Sind diese überprüfbar? Wie belastbar ist diese Evidenz?
Zweitens, lässt die Theorie die Möglichkeit zu, dass ihre Annahmen falsch sind? Wenn ja, wodurch könnte eine solche Widerlegung gelingen? Wenn eine Theorie noch nicht einmal die Option einer Widerlegung vorsieht, dann handelt es sich eher um eine ideologische Behauptung als um eine Theorie.
Drittens, wie groß ist der Kreis der vermeintlichen Verschwörer? Denn je größer der Personenkreis einer möglichen Verschwörung ist, desto unwahrscheinlicher ist die Annahme, dass aus diesem Kreis niemand mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit geht oder zumindest einmal so agiert, dass das Wirken der Verschwörer erkennbar wird.