Honorar-Kürzungen in der Psychotherapie: Wissenschaftlich nicht begründbar und problematisch für die Versorgung

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Honorar-Kürzungen in der Psychotherapie: Wissenschaftlich nicht begründbar und problematisch für die Versorgung

Vorstand Stellungnahme

In Zeiten multipler Krisen und steigender psychischer Belastungen sehen sich Gesundheitssysteme wachsenden Herausforderungen gegenüber. Die geplanten Honorar-Kürzungen in der ambulanten Psychotherapie widersprechen dabei zentralen wissenschaftlichen Erkenntnissen – sowohl zur Krankheitslast psychischer Erkrankungen als auch zu den ökonomischen Effekten ihrer Behandlung. Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) hält diese Entscheidung daher für unverständlich und warnt vor langfristigen Folgen für die aktuelle und künftige Versorgung.

Berlin, den 01.04.2026.

Die Entscheidung des Erweiterten Bewertungsausschusses, die Vergütung ambulanter psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 % zu senken, erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung steigt, während gleichzeitig erhebliche Versorgungslücken und lange Wartezeiten bestehen.

Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten und folgenschwersten Erkrankungen in Deutschland.

Aktuelle Daten zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung jährlich betroffen ist und sich die psychische Gesundheit – insbesondere von Kindern und Jugendlichen – in den letzten Jahren weiter verschlechtert hat. Gleichzeitig verursachen psychische Erkrankungen erhebliches Leid bei den Betroffenen und Angehörigen sowie direkte und indirekte Kosten, unter anderem durch Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung und reduzierte Produktivität.

Sowohl der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung als auch die Nachfrage nach Therapieplätzen sind in den vergangenen Jahren gestiegen.

Dennoch erhält ein relevanter Anteil der Betroffenen keine oder keine ausreichende evidenzbasierte Behandlung. Besonders im ländlichen Raum warten Patientinnen und Patienten häufig bis zu einem halben Jahr auf einen Therapieplatz – Kinder und Jugendliche in Deutschland teils sogar deutlich länger.

Dabei wird in evidenzbasierten Leitlinien Psychotherapie für viele psychische Störungen als Therapie der ersten Wahl empfohlen.

Diese Empfehlung basiert – je nach Störungsbild auch in Kombination mit medikamentöser Behandlung – auf ihrer in vielen Studien und Metaanalysen empirisch nachgewiesenen Wirksamkeit.

Gesundheitsökonomische Analysen zeigen zudem, dass ambulante Psychotherapie nicht nur wirksam, sondern auch wirtschaftlich effizient ist:

Die durch Psychotherapie erzielten Einsparungen übersteigen die Behandlungskosten deutlich. Gesundheitsökonomische Analysen weisen darauf hin, dass sich pro in Psychotherapie investiertem Euro ein gesamtgesellschaftlicher Nutzen von etwa zwei bis vier Euro ergibt – insbesondere durch geringere krankheitsbedingte Ausfälle, weniger Erwerbsminderungsrenten und eine reduzierte Inanspruchnahme stationärer Versorgung.

Investitionen in Psychotherapie leisten damit einen individuellen wie auch gesamtgesellschaftlichen Beitrag zur Gesundheit, zur Stabilisierung von Erwerbsfähigkeit und zur Entlastung des Gesundheitssystems.

Vor diesem Hintergrund ist die Kürzung der Honorare ambulanter psychotherapeutischer Leistungen besonders problematisch. Sie betrifft ausgerechnet einen Versorgungsbereich, der vergleichsweise kosteneffizient ist und ein erhebliches Potenzial zur Vermeidung von Chronifizierung und langfristigen Folgekosten bietet.

Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der DGPs, betont:

„Gerade in Zeiten multipler Krisen, steigender psychischer Belastungen und immer länger werdender Wartelisten wird besonders deutlich: Investitionen in Psychotherapie zahlen sich aus – für die Betroffenen und für die Gesellschaft. Kürzungen setzen in dieser Situation ein fatales Signal und verschärfen bestehende Versorgungsprobleme weiter.“

Die Entscheidung sendet zudem ein kritisches Signal für die zukünftige Versorgung sowie die Qualifizierung angehender Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten an den Universitäten.

Bereits heute stellt die weiterhin ungesicherte Finanzierung der Weiterbildung eine zentrale Herausforderung dar. Weitere Kürzungen der allgemeinen Finanzierung gefährden unmittelbar die Schaffung neuer Weiterbildungsplätze.

Dr. Matthias Sperl, Vertreter der Jungmitglieder im Vorstand der DGPs, erläutert:

„Die aktuellen Entwicklungen verunsichern viele Studierende und junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erheblich. Die ungesicherte Finanzierung der Weiterbildung ist bereits heute ein zentrales Problem. Zusätzliche negative Signale gefährden die zukünftige Attraktivität des Berufs und damit langfristig die psychotherapeutische Versorgung.“

Aus Sicht der DGPs gilt daher:

Kürzungen in der ambulanten Psychotherapie sparen kurzfristig, führen aber langfristig zu höheren Kosten und einer Verschlechterung der Versorgung.

Notwendig sind stattdessen:

  • eine Stärkung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung,
  • Investitionen in frühzeitige ambulante Psychotherapien und in Prävention,
  • verlässliche Rahmenbedingungen für die psychotherapeutische Weiterbildung
  • sowie eine strukturelle Verzahnung von Weiterbildung und Promotion, um die wissenschaftliche Qualifizierung zukünftiger Fachkräfte und die Qualität der Versorgung langfristig zu sichern.

Die DGPs unterstützt die Aktivitäten der Kammern, Berufsverbände, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung sowie der Zivilgesellschaft, die sich für eine angemessene Finanzierung und die nachhaltige Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung einsetzen, und sieht hierin eine zentrale gesundheitspolitische Aufgabe.

Über die DGPs:

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die rund 6000 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag. Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs eine Expertendatenbank für unterschiedliche Fragestellungen zur Verfügung. 

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