Frage: Frau Prof. Abele-Brehm, die Terroranschläge in Frankreich, die Razzien in Belgien, die Festnahmen in Deutschland: terroristische Gefahren sind uns gefühlsmäßig noch näher gerückt. In der Politik werden Maßnahmen zur Terrorabwehr diskutiert - wie kann man persönlich mit der Bedrohung durch Terror und mit der Furcht, die dadurch ausgelöst werden kann, umgehen?
Abele-Brehm: Ich empfehle eine ganz rationale Analyse. Zuerst die Frage: Habe ich jetzt mehr Angst als vor diesen schrecklichen Anschlägen? Derzeit berichten Medien massiv über Terrorismusgefahr und entsprechend präsent sind diese Ereignisse. Forschung zeigt, dass Menschen in der Tat nach der Berichterstattung über beängstigende Ereignisse (z.B. einen Flugzeugabsturz) mehr Angst vor solchen Ereignissen empfinden - das hat mit der gestiegenen Aufmerksamkeit ("mir wurde vor Augen geführt, wie gefährlich Fliegen sein kann") zu tun - und üblicherweise reduziert sich diese Angst relativ schnell wieder, wenn auch die mediale Aufmerksamkeit zurückgeht. Eine erhöhte Angst nach solchen Ereignissen ist also in gewisser Weise "normal" und kann mit Prozessen der Informationsverarbeitung und Aufmerksamkeitszentrierung zu tun haben.
Frage: Wenn nun die Furcht und das Bedrohungsempfinden da sind, wie kann man damit umgehen?
Abele-Brehm: Furcht ist ja generell wichtig und notwendig, da sie uns zeigt, dass etwas "nicht in Ordnung" ist. Wir müssen uns mit ihr beschäftigen. Aber wir wollen sie ja auch wieder loswerden. Deshalb versuchen wir, sie zu "bewältigen". Und dazu gibt es generell zwei Möglichkeiten: die emotionsbezogene Bewältigung und die problembezogene Bewältigung. Beide ergänzen sich und am günstigsten ist eine Kombination beider Bewältigungsformen.
Frage: Was ist darunter zu verstehen?
Abele-Brehm: Bei der emotionsbezogenen Bewältigung geht es darum, Strategien zu entwickeln, wie man seine Angst reduzieren kann. Man kann z.B. versuchen, die eigene Aufmerksamkeit zu erweitern, auf Anderes, möglichst auch Positives zu lenken. Studien zeigen, dass Aufmerksamkeitslenkung auf Positives versus auf Negatives starke Auswirkung auf das emotionale Wohlbefinden hat. Man kann aber auch der Beschäftigung mit der eigenen Angst etwas Konstruktives abgewinnen, z.B. als Auslöser für "wie kann ich selbst im Kleinen dazu beitragen, dass die Welt friedlicher wird". Schließlich kann man den Auslöser der eigenen Furcht auch relativieren, indem man sich vor Augen führt, wie hoch - rein statistisch gesehen - die Gefahr ist, bei einem Autounfall verletzt zu werden im Vergleich zur Wahrscheinlichkeit, in eine terroristische Attacke verwickelt zu sein. - Erstere Wahrscheinlichkeit ist deutlich höher.
Bei der problembezogenen Bewältigung versucht man, den Auslöser der Furcht direkt anzugehen. Das kann bei terroristischen Anschlägen natürlich nicht wörtlich verstanden werden. Aber: "Wie kann ich im Kleinen dazu beitragen, dass die Welt friedlicher wird" könnte ja ein problembezogener Bewältigungsversuch sein. Dazu kann z.B. gehören, sich bei Kundgebungen für Toleranz und friedliches Zusammenleben verschiedener Gruppen zu beteiligen. Dazu kann gehören, am eigenen Arbeitsplatz oder im eigenen Freundeskreis ebenfalls für Toleranz zu werben. Dazu kann gehören, sich ehrenamtlich bei Gruppierungen zu engagieren, die das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, Religion, Herkunft oder Bildung zum Ziel haben. Dazu kann gehören, zum Dialog zwischen Religionen beizutragen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten. Dazu kann aber auch gehören, aufmerksam gegenüber Menschen in der eigenen Umgebung zu sein und darauf zu achten, ob und wie sie sich verändern. Bürgerschaftliches Engagement und Verantwortungsübernahme sind Möglichkeiten für problembezogenes Bewältigen im Kleinen.
Kontakt:
Prof. Dr. Andrea Abele-Brehm
Präsidentin Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Lehrstuhl Sozialpsychologie
Bismarckstr. 6 91054
Erlangen
Tel.: 09131 8522307
E-Mail: andrea.abele.brehm@fau.de
www.sozialpsychologie.phil.uni-erlangen.de
Das Interview führte:
Dr. Anne Klostermann
Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
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