Wenn Sicherheit und wirtschaftliche Ziele miteinander konkurrieren

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Wenn Sicherheit und wirtschaftliche Ziele miteinander konkurrieren

Pressemitteilung

Der "Bombenkratereffekt" aus der Perspektive der Sicherheitspsychologie

Die Analysen großer Katastrophen wie Tschernobyl oder die Explosion der Raffinerie in Texas City zeigen, dass Mitarbeiter in produzierenden Unternehmen häufig ein Dilemma erleben: Sie müssen vorgegebene wirtschaftliche Ziele erreichen und gleichzeitig Sicherheitsvorschriften beachten. Wirtschaftliche Ziele können die Mitarbeiter oft aber nur dann erreichen, wenn sie nicht alle Vorschriften einhalten und gegen Regeln verstoßen. Viele Unternehmen setzen regelmäßig Sicherheitsaudits ein, um dem regelwidrigen Verhalten ihrer Mitarbeiter entgegenzuwirken. Dazu kommen unabhängige Beobachter in das Unternehmen und überprüfen, ob die Mitarbeiter sich in ihren täglichen Arbeitsabläufen an die Sicherheitsvorschriften halten. 

Wie angemessen sind solche Sicherheitsaudits, um Regelverstößen vorzubeugen? Dieser Frage sind Annette Kluge, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, und ihre Mitarbeiter nachgegangen. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen Sicherheitsmaßnahmen und Regelverstößen in einem Experiment mit 152 Probanden und fanden heraus: Sicherheitsaudits reduzieren Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften nicht zwangsläufig, sie können sie unter Umständen sogar begünstigen. 

Das Experiment

Die Probanden sollten als Mitarbeiter in einem Kontrollraum eine simulierte Wasseraufbereitungsanlage starten. Sie sollten entscheiden, ob sie die Anlage im vorgeschriebenen sicheren, aber nicht profitablen Modus starten oder ob sie den profitableren, aber unsichereren Start wählen und eine Regelverletzung begehen. Am Computerbildschirm wurde ihnen ebenfalls angezeigt, inwieweit sie die vorgeschriebenen Produktionsziele schon erreicht hatten. Eine Gruppe von Probanden erhielt dabei eine quasi  "negative" Rückmeldung, nämlich wie hoch der Rückstand vom Produktionsziel sei. Eine andere Gruppe erhielt die inhaltlich gleiche, aber  "positiv" formulierte Rückmeldung, wieviel des vorgegebenen Produktionsziels schon erreicht wurde. In unregelmäßigen Abständen fanden zusätzlich Sicherheitsaudits statt, über die die Probanden der einen Gruppe sehr detailliert, Probanden der anderen Gruppe nur vage informiert wurden. Die Bezahlung der Probanden war abhängig davon, wieviel Gewinn sie erzielten.

Der Bombenkratereffekt

Es zeigte sich, dass Probanden deutlich mehr Regelverstöße begingen, wenn sie gerade an einem Sicherheitsaudit teilgenommen hatten. Die Regelverstöße stiegen nach einer erfolgten Auditierung sprunghaft an, egal ob man "erwischt" oder nicht "erwischt" wurde. Dieses Phänomen wird als Bombenkratereffekt bezeichnet. Es besagt, dass die Probanden die Wahrscheinlichkeit als sehr gering einschätzen, dass direkt im Anschluss an ein stattgefundenes Audit ein weiteres folgen wird. Der Ausdruck geht auf einen Effekt zurück, der im ersten Weltkrieg beobachtet wurde. Während neuerlicher Bombardierungen suchten die Soldaten Schutz in vorhandenen Bombenkratern, weil sie annahmen, dass eine zweite Bombe nur sehr unwahrscheinlich den gleichen Ort kurz hintereinander treffen würde.

"Sicherheitsaudits können also auch genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigen", sagt Annette Kluge, "Je nachdem wie die Häufigkeit von Audits an die Mitarbeiter kommuniziert wird, rechnen diese sich die Chancen aus, zu welchem Zeitpunkt ein Verstoß gegen die Vorschriften wahrscheinlich unentdeckt bleibt und sich dieser "lohnt". Und dieser Zeitpunkt erscheint am günstigsten, wenn man gerade erst auditiert wurde."

Die Regelverstöße waren zusätzlich davon abhängig, wie den Mitarbeitern ihr bisheriger Ergebnisstand kommuniziert worden war: War ihnen ein Rückstand kommuniziert worden, dann waren sie eher zu Regelverstößen bereit als wenn ihnen die noch zu schaffende Distanz zum Produktionsziel rückgemeldet worden war.  "Hinkt man den Zielen hinterher, ist man eher bereit gegen die Vorschriften zu verstoßen", fasst Annette Kluge die Ergebnisse zusammen.

Unternehmen können entgegenwirken

Die Autoren erhoffen sich durch ihre Ergebnisse neue Anstöße für Unternehmen, die Arbeit so zu organisieren, dass Mitarbeiter sich sicherer verhalten können. Beispielsweise können sie Produktionsergebnisse so zurückmelden, dass der Produktionsfortschritt anstelle des Rückstands kommuniziert wird. Zusätzlich könnte es hilfreich sein, ab und zu zwei kurz aufeinanderfolgende Audits stattfinden zu lassen. Dieses Vorgehen könnte den Bombenkratereffekt aushebeln, weil die Mitarbeiter durch die Erfahrung lernen, dass Audits jederzeit stattfinden können.

Die Originalstudie finden Sie hier:

von der Heyde, A., Brandhorst, S. & Kluge A. (2015). The impact of the accuracy of information about audit probabilities on safety related rule-violations and the bomb crater effect. Safety Science 74 (2015) 160-171. www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0925753514003191dx.doi.org/10.1016/j.ssci.2014.12.004

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Weitere Informationen:

Prof. Dr. Annette Kluge
Ruhr-Universität Bochum
AE Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie
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