Anlässlich des aktuell von der Techniker Krankenkasse veröffentlichten "Depressionsatlas" stellt die Deutsche Gesellschaft für Psychologie drei Fragen an Jürgen Margraf, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum und ehemaliger Präsident der DGPs.
Frage: Am vergangenen Mittwoch hat die Techniker Krankenkasse den aktuellen "Depressionsatlas" veröffentlicht. Depression gehört zu den häufigsten psychischen Störungen in Deutschland. In den letzten zehn Jahren haben Krankschreibungen aufgrund der Diagnose Depression deutlich zugenommen. Herr Prof. Margraf, warum nimmt Depression zu?
Prof. Margraf: Wir sehen seit Jahrzehnten eine Zunahme der Depressionswerte in psychometrischen Fragebögen, nun drückt sich dieser Effekt auch in vermehrten Krankschreibungen aus. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass derartige Trends auf biologisch-genetische Ursachen zurückgehen. Stattdessen stehen psychosoziale Veränderungen im Zentrum. Wir haben auf der einen Seite ein Wegbrechen wichtiger Schutzfaktoren. Dies betrifft in erster Linie stabile, vertrauensvolle Beziehungen zu Menschen, die uns wichtig sind: Wir sehen höhere Scheidungsraten, geringere Geburtsraten und mehr Ein-Personen-Haushalte. Auf der anderen Seite beobachten wir eine Verschiebung der Wertorientierungen: Es gibt eine Abkehr von den früher bevorzugten intrinsischen Zielen wie Zusammengehörigkeit oder Sinnhaftigkeit und eine stärkere Verfolgung extrinsischer Ziele wie Geld, Status oder Aussehen. Wir werden narzisstischer. Wenn diese Erwartungen enttäuscht werden, sind die Betroffenen anfälliger für Depressionen.
Frage: Wie behandelt man Depression psychotherapeutisch? Was genau passiert da in der Therapie?
Prof. Margraf: Bei der Depression gibt es eine größere Bandbreite verschiedener psychotherapeutischer Maßnahmen. Therapien mit guten langfristigen Erfolgsraten sind eher kurz und gut strukturiert. Sie geben eine Erklärung für die Erfahrungen des Betroffenen und helfen häufig dabei, den typischen passiven Rückzug zu durchbrechen. Dies geschieht durch den Aufbau positiver Aktivitäten, die Veränderung falscher Bewertungen und Zielorientierungen und durch den Abbau kritischer Verhaltens- und Denkmuster wie etwa chronisches Grübeln.
Frage: Wie sind die Erfolgsquoten für die psychotherapeutische Behandlung von Depression?
Prof. Margraf: Hier ist es wichtig, zwischen kurz- und langfristigem Erfolg zu unterscheiden. Kurzfristig helfen viele Dinge, aber langfristig nach Ende der Therapie kommt es z.B. bei allen gängigen Medikamenten zu hohen Rückfallraten. Für die am besten belegte Form von Psychotherapie, die kognitive Verhaltenstherapie, gilt dagegen, dass rund drei Viertel der Patienten auch nach Ende der Therapie eine anhaltende deutliche Besserung erfahren. Dies gibt den Betroffenen eine bessere Chance, auch andere Dinge in ihrem Leben zu ändern, die für ihr Wohlergehen bedeutsam sind.
Weitere Informationen:
Prof. Dr. Jürgen Margraf
Fakultät für Psychologie
AE Klinische Psychologie & Psychotherapie
Bochumer Fenster 3/ 01
Massenbergstraße 9-13
44787 Bochum
Tel: 0234 32 23169
E-Mail: juergen.margraf@ruhr-uni-bochum.de
Das Interview führte:
Dr. Anne Klostermann
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Marienstr. 30
10117 Berlin
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle@dgps.de
