Was macht den Menschen religiös?

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Was macht den Menschen religiös?

Pressemitteilung

Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Die Religiosität eines Menschen hängt weder direkt von seiner Persönlichkeit ab, noch vom Stellenwert der Religion in seiner Kultur, sondern vom Zusammenspiel aus Persönlichkeit und Kultur.

Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Team von Wissenschaftlern um den Mannheimer Psychologen und Selbstkonzeptforscher Jochen Gebauer. Im Journal of Personality and Social Psychology berichten die Forscher über die Ergebnisse von drei Studien, in denen sie Daten von über drei Millionen Menschen aus 66 Ländern analysiert haben. Die Teilnehmer dieser groß angelegten Befragung wurden über mehrere Jahre hinweg zu ihrer Persönlichkeit und zu ihrer Religiosität befragt. 

Eine von vielen Forschern geteilte Annahme besteht darin, dass Menschen danach streben, die eigene Persönlichkeit auszuleben, weil das glücklich und zufrieden macht. Von dieser Annahme ausgehend, sollten sich insbesondere diejenigen Menschen von Religion angezogen fühlen, die verträglich (d.h. verständnisvoll, wertschätzend) und gewissenhaft (d.h. gut organisiert, verlässlich) sind, weil diese Persönlichkeitseigenschaften innerhalb einer religiösen Gemeinschaft sehr gut zum Ausdruck gebracht werden können. 

Persönlichkeit und gesellschaftliche Normen sind entscheidend

Die Ergebnisse der Studien erbringen allerdings ein deutlich differenzierteres Bild. Die Wissenschaftler unterschieden Kulturen, in denen Religion eine wichtige gesellschaftliche Norm ist von Kulturen, in denen Religion keine große Rolle spielt. Es zeigte sich: In den Kulturen, in denen Religion eine wichtige Rolle spielt, wie z.B. den USA, ist es tatsächlich so, dass verträgliche und gewissenhafte Menschen religiöser sind. Im weniger religiösen Deutschland ist dieser Zusammenhang schon kleiner. In den "weltlich" geprägten Kulturen, wie z.B. Schweden, ist es umgekehrt: verträgliche und gewissenhafte Menschen sind tendenziell weniger religiös. 

Bedürfnis nach Anpassung

Die Forscher erklären sich die Ergebnisse so, dass verträgliche und gewissenhafte Menschen ein tiefgreifendes Bedürfnis haben, sich an ihr soziales Umfeld anzupassen. Sie suchen danach, ihre Persönlichkeit mit Einstellungen und Aktivitäten auszudrücken, die gesellschaftlich anerkannt sind. 

Andere Studien des Forscherteams zeigen, dass der Wunsch nach Anpassung nicht nur Religiosität betrifft, sondern sich genauso auf andere Einstellungen und Verhaltensweisen beziehen kann. "Verträgliche und gewissenhafte Menschen setzen sich zum Beispiel besonders engagiert für den Tierschutz ein, wenn dieser ein großes gesellschaftliches Thema ist", sagt Jochen Gebauer, der die Datenerhebung in Deutschland geleitet hat. "Aus dem gleichen Grund besitzen verträgliche und gewissenhafte Menschen allerdings vergleichsweise wenig Interesse für den Tierschutz, wenn Tierschutz gesellschaftlich kein Thema ist." 

Die Originalstudie finden Sie hier:

Gebauer, J. E., Bleidorn, W., Gosling, S. D., Rentfrow, P. J., Lamb, M. E., & Potter, J. (2014). Cross-cultural variations in Big Five relationships with religiosity: A sociocultural motives perspective. Journal of Personality and Social Psychology, 107, 1064-1091.

 

Weitere Informationen:

Dr. Jochen Gebauer
Emmy Noether Nachwuchsgruppenleiter
Universität Mannheim
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung
A5, 6 (Gebäudeteil A)
68159 Mannheim, Deutschland
E-Mail: mail@JochenGebauer.info

Ansprechpartnerin für die Presse:

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