In Studien konnte nachgewiesen werden, dass Placebo-Reaktionen bei Patienten bis zu 70 % der positiven Wirkung einzelner Medikamente ausmachen können. Placebos im regulären klinischen Einsatz das ist jedoch für viele kaum vorstellbar. Doch Prof. Dr. Winfried Rief und Dr. Bettina K. Doering von der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg zeigen einen Weg auf, wie der Placebo-Effekt mit Wissen der Patienten für eine verbesserte Therapie genutzt werden könnte. In einem Beitrag für die Zeitschrift Trends in Pharmacological Sciences nehmen sie klinische Studien unter die Lupe, die eine placebobegleitete Dosierungsreduktion (placebo-controlled dose reduction PCDR) bei der Behandlung verschiedener Krankheiten testen. Sie kommen zu dem Schluss, dass bei chronischen Erkrankungen, bei ernsthaften Nebenwirkungen von Medikamenten und bei sehr teuren Behandlungen Placebos einen Teil der Medikamente ersetzen könnten, ohne einen Nachteil für die Patienten zu bewirken.
Prof. Rief ist Sprecher einer überregionalen Forschungsgruppe, die derzeit im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) Placebo- und Nocebo-Effekte erforscht. Nocebo wird ein Phänomen genannt, beim dem ein Patient in einer Kontrollgruppe Placebos erhält, jedoch Symptome entwickelt, die Nebenwirkungen des vermeintlich erhaltenen Medikaments entsprechen. Zu den Hauptaufgaben der Forschungsgruppe gehört es, Mechanismen der Placebo-/Nocebo-Reaktionen zu analysieren sowie die klinische Relevanz von Placebo- und Nocebo-Effekte in verschiedenen Körpersystemen und Krankheitsbildern zu untersuchen. Dabei schlagen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Brücke von der neurobiologischen Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung dieser Effekte. In verschiedenen Teilprojekten werden die Placebo-Nocebo-Effekte unter psychologischen, biologischen und genetischen Gesichtspunkten untersucht. Die Ergebnisse werden wesentlich dazu beitragen, mögliche psychologische oder biologische Placebo-/Nocebo-Reaktionsmuster über verschiedene Symptome und medizinische Bedingungen hinweg analysieren zu können.
In ihrem Bericht über die placebobegleitete Dosierungsreduktion (PCDR) machen Prof. Rief und Dr. Doering darauf aufmerksam, dass es zwei Formen des Placebo-Effekts gibt:
1. Bei einer Gruppe von Patienten setzt bereits die Erwartung, ein wirksames Medikament zu erhalten, körpereigene Mechanismen in Gang, die zu einem Gesundungsprozess beitragen.
2. Bei einer zweiten Gruppe führt die klassische Konditionierung das bekannteste Beispiel dafür ist der Pawlowsche Hund zu einer Ausschüttung von Hormonen oder anderen Substanzen, wenn eine Pille eingenommen wird. Dabei ist es egal ob es sich um ein Medikament oder Placebo handelt in beiden Fällen wirkt die Konditionierung auf Regelkreisläufe im Körper.
Diese beiden Effekte auseinanderzuhalten, sei bei den meisten bisher durchgeführten Studien kaum möglich, schreiben die Autoren. Sie plädieren daher dafür künftige Studien so zu gestalten, dass sie u. a. diese Unterscheidung ermöglichen.
Mögliche Erleichterungen für chronisch Kranke
Einige Studien haben gezeigt, dass der Placebo-Effekt auch dann eintritt, wenn die Patienten wissen, dass ihnen teilweise Placebos verabreicht werden ohne allerdings zu wissen, wann genau sie das Placebo einnehmen. Bei der PCDR erhalten die Patienten über Wochen eine gleichbleibende Dosis Medikamente. Anfangs beinhalten alle den Wirkstoff, doch dann werden einzelne Gaben durch Placebos ersetzt, die in Größe und Geschmack nicht von den Medikamenten zu unterscheiden sind. Wenn der Patient positiv darauf reagiert, kann der Placebo-Anteil nach und nach auf bis zu 75 % gesteigert werden. Der Wirkstoff wird also weiterhin dem Körper zugeführt, aber in deutlich reduzierter Dosis, was sich für den Patienten in entsprechend geringeren Nebenwirkungen auszahlen könnte. Das könnte insbesondere bei der Behandlung chronischer Erkrankungen Erleichterungen bringen.
Multiple Sklerose, allergische Nasenschleimhautentzündung, Asthma bei Kindern und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) gehören zu den Krankheiten, bei denen in PCDR-Studien signifikante Reduktionen von Symptomen nachgewiesen werden konnten. Allerdings, so Dr. Doering und Prof. Rief, gebe es noch erheblichen Forschungsbedarf. Neben den Placebo- und Nocebo-Effekten müsse auch die Wirkung von Medikamenten auf das zentrale Nervensystem und die Antwort des Körpers darauf genauer untersucht werden. Zudem seien die genauen Wege der körperlichen Reaktionen weitgehend unbekannt. Nicht zuletzt sind Nebenwirkungen von Medikamenten selten systematisch erfasst. Für die Forschung bleiben also noch eine große Menge an Aufgaben, bevor das Placebo Einzug in die reguläre klinische Therapie halten kann.
