Psychologische Tests für Piloten

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Psychologische Tests für Piloten

Pressemitteilung

Psychologen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) geben Antworten auf aktuelle Fragen, die in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Flugzeugabsturz diskutiert werden. Der Luft- und Raumfahrtpsychologe Prof. Dietrich Manzey beantwortet Fragen zu der aktuell diskutierten Forderung nach mehr psychologischen Tests für Piloten.

Frage: Herr Prof. Manzey, als Luft- und Raumfahrtpsychologe blicken Sie auf eine langjährige Erfahrung in der Auswahl von Piloten und der psychologischen Betreuung von Astronauten zurück. An welcher Stelle kommen psychologische Testverfahren überhaupt zum Einsatz?

Prof. Manzey: "Bei allen großen Fluggesellschaften steht vor der Einstellung von jungen Leuten, die eine Ausbildung zum Verkehrspiloten machen wollen, bereits heute eine sehr gründliche psychologische Eignungsuntersuchung. Mit der soll herausgefunden werden, inwieweit die Bewerber über die notwendigen Leistungsvoraussetzungen, persönlichen Eigenschaften und sozialen Kompetenzen verfügen, die man für diesen anspruchsvollen Beruf braucht. Nur etwa 10% aller Bewerber sind dabei erfolgreich. Die Abschätzung möglicher Risiken in Hinblick auf eine manifeste psychische Erkrankung, wie sie möglicherweise bei dem tragischen Geschehen in der letzten Woche eine Rolle gespielt haben könnte, ist nicht Gegenstand der psychologischen, sondern der medizinischen Eingangsuntersuchung. Hier wird vor allem auf Basis familiärer Vorbelastungen abgeschätzt, ob ein Bewerber eine erhöhte Wahrscheinlichkeit hat zu erkranken."  

Frage: Wie beurteilen Sie die Forderung nach mehr psychologischen Tests in regelmäßigen Abständen?  

Prof. Manzey: "Natürlich könnte man überlegen, inwieweit in diesem Bereich noch mehr gemacht werden sollte und zum Beispiel wiederholte psychologische und psychiatrische Beurteilungen von Piloten während ihrer Laufbahn eingeführt werden sollten. Allerdings sollte man die Wirkung derartiger Maßnahmen nicht überschätzen.
Ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass man damit ein Ereignis wie in der letzten Woche in letzter Konsequenz hätte verhindern können. Natürlich lässt sich eine psychologische oder psychiatrische Problematik diagnostizieren und erkennen, wenn sie gerade akut vorliegt. Sie ist aber enorm schwierig, wenn nicht gar unmöglich vorauszusagen."

Frage: Warum ist das so schwierig vorherzusagen?

Prof. Manzey: "Es ist wie auch in anderen Bereichen der Medizin: Die Tatsache, dass ein Kardiologe aufgrund einer gründlichen Untersuchung Ihnen heute bestätigt, dass Ihr Herz einwandfrei arbeitet, schließt nicht aus, dass Sie in vier Wochen einen Herzinfarkt erleiden. Menschliche Gesundheit und vor allem auch menschliches Verhalten sind nie perfekt vorhersehbar. Wenn es etwas gibt, das man aus diesem schrecklichen Ereignis lernen kann: auch Verkehrspiloten sind „nur“ Menschen, deren persönliche Entwicklungen und Verhaltensweisen sich niemals perfekt werden vorhersagen lassen. Wir werden also damit leben müssen, nicht nur im technischen, sondern auch menschlichen Bereich mit Restrisiken zu leben.“

Frage: Warum geht das Ereignis so vielen Menschen so nahe?  

Prof. Manzey: "Ereignisse wie der Germanwings-Absturz sind schrecklich, traurig und gehen uns allen nahe. Dies umso mehr, als uns nun ganz deutlich vor Augen geführt wurde, dass Dinge, von denen wir sonst nur aus anderen Ländern oder Kontinenten hören, auch bei uns geschehen können.

Es gehört aber auch zur Wahrheit, dass ein solches Ereignis mit einem so schlimmen menschlichen Versagen in der Luftfahrt sehr, sehr selten ist. In der bisher über sechzigjährigen Geschichte der kommerziellen Luftfahrt seit dem zweiten Weltkrieg hat es vielleicht 5-8 Abstürze gegeben, von denen man vermutet oder weiß, dass einer der Piloten sie willkürlich herbeigeführt hat. Berücksichtigt man die gewaltige Zahl von Starts und Landungen sowie die enorme Zahl aktiver Verkehrspiloten ist die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis also extrem klein. Das Risiko betroffen zu werden, ist sehr viel kleiner als die täglichen Risiken, die wir als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer in Kauf nehmen, wenn wir uns durch den Straßenverkehr bewegen. Das macht den Absturz in der letzten Woche nicht minder schrecklich und traurig. Es wäre aber auch nicht richtig, nun alles in Frage zu stellen oder gar das Vertrauen in den Luftverkehr und die Piloten zu verlieren."

Frage: Wie sollte Ihrer Ansicht nach die öffentliche Auseinandersetzung mit dem tragischen Ereignis geführt werden?

Prof. Manzey: "Mit einigem Befremden habe ich in der letzten Woche zur Kenntnis genommen, wie schnell dem Co-Piloten auf Basis auch heute immer noch spärlicher Informationen Etikettierungen wie Amokläufer oder gar Massenmörder zugeschrieben wurden. Das hilft nicht weiter, ist nicht angemessen und erscheint gegenüber sowohl den Opfern als auch den Angehörigen des Piloten verantwortungslos. Als Berufsstand sollten wir uns von derartigen laienpsychologischen Analysen und Zuschreibungen eindeutig distanzieren. Vielmehr sollten wir uns darum bemühen, den Angehörigen der Opfer und des Piloten zu vermitteln, dass wir das, was geschehen ist, vielleicht nie ganz verstehen werden und dass es gerade das ist, was die Verarbeitung der Geschehnisse so schwierig macht beziehungsweise machen wird.“


Kontakt:
Prof. Dr. Dietrich Manzey Technische Universität Berlin
Institut für Psychologie und Arbeitswissenschaft
Fachgebiet Arbeits-, Ingenieur- und Organisationspsychologie
Marchstr. 12
10587 Berlin
Tel.: 030 31425275  
E-Mail: dietrich.manzey@--no-spam--tu-berlin.de

 

Das Interview führte:
Dr. Anne Klostermann
Pressestelle DGPs
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle@--no-spam--dgps.de