„In Sachen Schule fühlt sich jeder als Experte“

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„In Sachen Schule fühlt sich jeder als Experte“

In Bremen diskutierten Bildungsforscher, wie die Befunde ihrer Arbeit den Weg in den Alltag der Schule finden. Ihr Lösungsvorschlag war pragmatisch: Wir brauchen exzellente Forschung auf allen Ebenen

Erkenntnis kostet Geld. Ein beinahe kurioses Beispiel zitierte die Bildungsforscherin Christiane Spiel auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Bremen: Da hatte ein zuständiges Ministerium 15 Schulen in sozial problematischen Gegenden der USA jeweils eine Viertel Million Dollar bewilligt, um damit die Bildung zu verbessern. 13 von ihnen taten, was nahe lag: Sie reduzierten die Schülerzahlen in den vermeintlich überfüllten Klassen. Die zwei anderen investierten in die Fortbildung der Lehrer – und blieben die einzigen, an denen bessere Leistungen bei den Schülern nachzuweisen waren.

 

Womit zumindest angedeutet wäre, so die Wiener Psychologin bei der Podiumsdiskussion über „Evidenzbasierte Bildungspolitik“, wie schwierig es oft ist, die ideologischen oder auch nur die Barrieren der Beharrlichkeit in Politik oder Verwaltung mit wissenschaftlich sauberen Befunden zu überwinden. „In Sachen Schule“, so klagte Christiane Spiel, „fühlt sich jeder als Experte, weil jeder mal selber zur Schule gegangen ist. Das gilt auch für Politiker.“ Für die Forscher kommt erschwerend hinzu, dass es meist lange dauert, bis eine ihrer evidenzbasierten, durch Beobachtung und Messung belegten Verbesserungen auch Früchte trägt. Länger jedenfalls, als eine Legislaturperiode den Amtsträgern Zeit lässt.

 

Wenn es nur das wäre! sprang da die Kollegin Petra Stanat von der Freien Universität Berlin hinzu: „Wir haben auch selbst ein Erkenntnisproblem.“ In der Forschung zur Sprachförderung etwa könne die Psychologie den handelnden Bildungsplanern und Lehrern keine gültigen Vorschläge machen; allzu oft gehe die große Bedeutung der internen auf Kosten der externen Validität – mit anderen Worten: Je mehr Aufmerksamkeit der genauen Definition und detaillierten Kontrolle einzelner Faktoren im Experiment zukomme, desto größer die Gefahr der Lebensferne. Stanats Forderung: „Wir müssen die Idee des Feldexperiments stärken!“

 

Der Kognitions- und Medienpsychologe Friedrich Hesse vom Institut für Wissensmedien an der Universität Tübingen pflichtete dem bei: Zu spezifisch in ihrem Fokus und zu starr in ihren formalen Anforderungen seien gerade jene wissenschaftlichen Journale, in denen junge Wissenschaftler zu publizieren hofften. Die Gutachter dieser Edel-Magazine wären demnach Torwächter in zweifacher Hinsicht: erstens auf dem Weg zur Karriere als Forscher, zweitens aber auch auf dem Weg, den die Wissenschaft Psychologie in ihren Inhalten nimmt.

 

Kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen, mahnte Jürgen Baumert: Zwar sei es nach den gegenwärtig gültigen Maßstäben tatsächlich schwierig, eine realitätsnahe, ökologisch valide Studie in den einschlägigen Journalen zu veröffentlichen, räumte der als „PISA-Papst“ bekannte Berliner Bildungsforscher ein – doch funktioniere der Transfer von der Forschung in die Praxis sehr gut. Viele Verwaltungen seien inzwischen mit bestens geschulten Spezialisten ausgestattet, die den Gang der Arbeit wissenschaftlicher Institute kompetent verfolgten; wie in den Wirtschaftswissenschaften allerdings sei es kaum je die einzelne Studie, die den Lauf einer komplex gegliederten Realität nachhaltig beeinflusse: Forschung funktioniere kumulativ, so Baumert: „Mit einem Experiment kann man keine Profession verändern.“

 

Wo also liegt die Stelle, an der wissenschaftliche Erkenntnis den Stab an die Instanzen praktischer Umsetzung übergibt? „Wir können den Weg nicht ganz gehen“, stellte Hesse klar, und auch Baumert beharrte auf dem Prinzip der Funktionsteilung: „Ich habe noch nie eine Handreichung für die Anwendung geschrieben.“ Die Kehrseite der Medaille allerdings beschrieb Petra Stanat: Die zuständigen Verwaltungsapparate seien inzwischen zwar kompetente Ansprechpartner der Forschung, bestätigte die Psychologin, doch in der Praxis selbst, etwa in den Instituten für Lehrerfortbildung, komme noch zu wenig an. „In Berlin ist es den Schulen selber überlassen, ihr Sprachförderprogramm auszuwählen“, kritisierte die Bildungsforscherin: „Da ist viel Inkompetenz im Spiel.“ Und Friedrich Hesse erinnerte an die Zeiten, als Computer an den Schulen eingeführt wurden: Ein wissenschaftliches Konzept dafür hatte niemand parat. Liegt die Begründung für solchen Mangel an Abstimmung und Koordination vielleicht in der Kritik, die Albert Ziegler formulierte? „Wir sprechen mit vielfältiger Stimme“, sagte der Lern- und Begabungsforscher von der Universität Ulm. „Und die Politik hat ihren eigenen Takt und ihre eigene Währung.“

 

Bessere Forschung also? Am Geld jedenfalls liegt es nicht: „Ich habe keinen Fall erlebt, in dem ein gutes Projekt aus Geldmangel nicht bewilligt wurde“, stellte Baumert klar, der als Mitglied im Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG Jahre lang über die Mittel für neue Projekte mit zu entscheiden hatte. Petra Stanat bestätigte diese Einschätzung: Es gebe inzwischen so viele Einzelprojekte, dass sich ein Problem daraus entwickele; viele Doktoranden der Psychologie könnten in ihrer Forschungsarbeit kaum noch angemessen betreut werden.

 

„Wir genießen einen Respektsvorsprung, den wir so nicht verdient haben“, bemerkte Ziegler selbstkritisch – und legte damit den Finger auf die Wunde: Exzellenz in der Forschung tut Not, Klasse statt Masse, Qualität auch in der inhaltlichen Verzahnung wissenschaftlicher Arbeit. Baumert legte die Latte hoch: „Es stimmt nicht, dass man gut gemachte Beobachtungsstudien nicht in Top-Journalen veröffentlichen kann“, stellte er klar. „Es fehlt zudem an exzellenter Grundlagenforschung. Mit ihrer Hilfe sollten die Mechanismen geklärt werden, die in Beobachtungsstudien identifiziert wurden.“