Immer noch stehe ein Möbelstück im Weg, sagte einer der Preisträger, der auf dem 47. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) ausgezeichnete Wissenschaftsjournalist Dr. Christian Stöcker ein Sofa nämlich, das in weiten Kreisen der Öffentlichkeit die Wahrnehmung von Psychologie bestimmt: Jeder kennt die therapeutische Couch des Psychoanalytikers Sigmund Freud, meinte Stücker auf dem Kongress in Bremen, aber nur wenige wissen um das Labor eines Wilhelm Wundt.
Um die Sichtbarkeit ihrer Disziplin ging es auch der Präsidentin der DGPs, Professor Dr. Ursula Staudinger, die zum Abschluss ihrer zweijährigen Amtszeit ihren Bericht zur Lage der Psychologie vorlegte. Auch sie stellte fest, dass die Psychologie in der Wahrnehmung von außen oft auf eines ihrer wenn auch zentralen Teilgebiete reduziert werde, die Klinische Psychologie. Wir sind eine Wissenschaft vom Erleben und Verhalten, zitierte die Bremer Altersforscherin eine bekannte Definition ihres Fachs, erweiterte diese jedoch programmatisch vom Individuum als abhängigem, aber auch gestaltendem Teil eines größeren Systems von Kontexten und Umgebungen.
In diesem Sinn definierte Staudinger die Kompetenzen ihrer Disziplin umfassend, als Wissenschaft, deren spezielle Aufgaben und Leistungen auch in den Wechselwirkungen liegen, in der Kooperation und Koordination. Wir haben von der molekularen Biologie gelernt, dass die Entschlüsselung des Genoms zwar ein wichtiger Schritt ist, doch nicht der Auffindung des heiligen Grals gleichkommt. Genetische Information wird nicht automatisch eins zu eins umgesetzt, sondern ist abhängig von kontextuellen Faktoren, die das Individuum herstellt oder denen es ausgesetzt ist. Die Sarrazin-Debatte um die Erblichkeit und Formbarkeit von Intelligenz mag anklingen Staudinger vermied es klug, sie zu erwähnen. Die Disziplin macht sich Gedanken um ihre Außenwirkung. Der Vermittlung psychologischer Expertise, so Staudinger, werde in Zukunft größere Aufmerksamkeit ihrer Fachkollegen gelten. Schon jetzt sei vielen von ihnen klar: Wir haben als Wissenschaft auch eine Bringschuld. Staudinger jedoch machte klar, dass gerade in der Vielfalt psychologischer Themen die Stärke ihrer Disziplin liegt, einer Disziplin, deren Aufgabe es sei, den immer wichtiger werdenden interdisziplinären Prozess zu erforschen und geeignete Instrumente zu dessen Optimierung zu entwickeln. Kein Zufall wohl, so merkte Staudinger mit einem Augenzwinkern an, dass immer mehr Universitätsrektoren aus den Reihen der Psychologen kommen; und kein Wunder vielleicht auch, dass die Bremer Finanzsenatorin Karoline Linnert, die den Kongress eröffnete, ebenfalls eine Psychologin ist.
So vielfältig wie ihre Themen und Kompetenzen ist auch die Verortung der Psychologie an den Universitäten und Hochschulen als Teil von Philosophischen Fakultäten, als Teildisziplin naturwissenschaftlicher Fachbereiche, als Sozialwissenschaft oder als eigenständiger Fachbereich. Ein Psychologiestudium lässt sich an 78 Hochschulen aufnehmen, 49 von ihnen sind Universitäten und wenn Ulm im Wintersemester seinen Lehrbetrieb aufnimmt, werden es 50 sein. Deutlich angestiegen, so Staudinger, sei die Zahl wissenschaftlicher Dozenten im Fach Psychologie, von 2396 im Jahr 2000 auf 3162 im Jahr 2008, die der Professoren im gleichen Zeitraum von 589 auf 648. Besonders überzeugend sei der Anstieg in der Zahl der bestandenen Abschlussarbeiten: Von 3054 bestandenen Examina (2000) stieg die Zahl auf 4835 (2008). Gleichwohl eröffnen sich gute Berufschancen für gut ausgebildete Psychologen. 1700 offene Stellen wurden 2008 gemeldet, zusätzlich 155 Angebote für nichtärztliche Psychotherapeuten wobei Staudinger noch hervorhob, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liege, weil längst nicht alle Stellen den Arbeitsagenturen gemeldet würden. Entsprechend liege die Zahl arbeitsloser Absolventen bei niedrigen 1,2 bis 1,4 Prozent. Wichtigste Arbeitsfelder eröffneten sich in Krankenhäusern und Reha-Kliniken, in Universitäten, Einrichtungen der Erwachsenenbildung, der öffentlichen Verwaltung, bei Sozialversicherungsträgern, in der Rechtspflege, in Pflegeheimen sowie in sozialen Betreuungs- und Beratungseinrichtungen aber auch in der Personalberatung, im Gesundheitswesen, der Marktforschung, in Personalabteilungen von Unternehmen oder in schulpsychologischen Diensten.
Die Umstellung der Ausbildung auf Bachelor- und Masterstudiengänge, so schloss Staudinger, habe fast vollständig stattgefunden. Für den Titel- und Berufsschutz ergebe sich daraus die Forderung, den Masterabschluss als notwendige Voraussetzung für eigenverantwortliche psychologische Berufstätigkeit zu definieren. Für die Zukunft sieht Staudinger neue Herausforderungen auf ihr Fach zukommen. Im akademischen Bereich werde zwar die Zahl der Studierenden infolge des demografischen Wandels zurückgehen, gleichzeitig aber werden mehr ältere Studierende an die Institute drängen, zudem gibt es geradezu einen Boom auf dem Markt für qualifizierte Weiterbildung. Hier liegen auch für die psychologische Praxis neue Schwerpunkte und ganz neue Arbeitsfelder: etwa in der Begegnung mit einer alternden Klientel, ob es sich dabei um Klienten der Psychotherapeuten handelt oder um Arbeitnehmer, deren Fähigkeiten zu erkennen und zu fördern sind. Neue Aufgaben warten auch in der Gesundheitspsychologie und in der Bewältigung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen wie dem nachhaltigen Umgang mit Energie, der Reaktion auf die Verknappung der Ressourcen und der Wahrung ökologischen Gleichgewichts. Wir haben viel zu bieten, rief Staudinger ihren Berufskollegen zu, wir haben gute Handlungsmodelle auch in Fragen zum Umgang mit unserer Umwelt.
