Prof. Dr. Gerhard Stemmler
Fachbereich Psychologie
Philipps-Universität Marburg
35032 Marburg
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Zur Person
Gerhard Stemmler legte sein Diplom in Psychologie mit den Nebenfächern Philosophie und Physiologie 1974 in Hamburg ab. Bis 1985 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 115 an der Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf und promovierte über „Psychophysiologische Emotionsprofile“.
Es folgte eine Zeit als Hochschulassistent bei Prof. Jochen Fahrenberg an der Universität Freiburg, Abteilung für Persönlichkeitspsychologie und Forschungsgruppe Psychophysiologie.
Stemmler habilitierte 1991 an der Universität Freiburg mit der Arbeit „Differential Psychophysiology: Persons in Situations“ und ist seit 1994 Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Philipps-Universität Marburg.
Gerhard Stemmler forscht in den Bereichen Persönlichkeit, Emotion und Psychophysiologie sowie in deren Zusammenspiel wie der Psychobiologie der Persönlichkeit, der Psychophysiologie von Emotionen oder der Verknüpfung von Persönlichkeit und situationsgebundenen emotionalen Prozessen.
Prof. Dr. Stemmler war 1995/96, 2004/06 und 2012/13 Dekan des Fachbereichs Psychologie an der Philipps-Universität Marburg und von 1996-1997 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychophysiologie und ihre Anwendungen, sowie von 2002-2004 auch Sprecher der Fachgruppe Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik.
Als Mitglied des Testkuratoriums der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen engagierte er sich 2007 bis 2010 in der Qualitätssicherung Psychologischer Testverfahren und in der Etablierung der DIN-Norm 33430 „Anforderungen an Verfahren und deren Einsatz bei berufsbezogenen Eignungsbeurteilungen“.
Seit 2010 gehört Gerhard Stemmler dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Psychologie als Vizepräsident 2 an.
Warum haben Sie sich für die Psychologie entschieden, warum sind Sie Psychologe geworden?
Vor Beginn des Studiums war ich sehr unsicher, ob ich Germanistik oder Psychologie studieren sollte. Mich faszinierte in beiden Bereichen die Darstellung und die Entwicklung von Personen, aus denen heraus Menschen verstehbar wurden. Im Psychologiestudium lernte ich dann rasch eine neue faszinierende Welt kennen, die in der Quantifizierung und Modellierung psychischer Prozesse und von Verhaltensweisen neue Tore aufstieß, wobei mich besonders die Arbeiten von Raymond B. Cattell und Kurt Pawlik inspirierten. Kurz, in der Psychologie schien es sehr viele Türen zu geben, die man öffnen konnte und dann viele offene Fragen vorfand. Ich hatte ein ausgesprochenes Interesse an psychologischer Forschung entwickelt.
Was bedeutet Psychologie als Wissenschaft für Sie, wo sehen Sie das Fach heute?
Psychologie als Wissenschaft bedeutet für mich eine grundsätzliche Multiperspektivität, die wir Forscher einnehmen müssen, wenn wir Personen und ihr Handeln verstehen und erklären wollen. Diese Multiperspektivität zeigt sich bspw. in den unterschiedlichen Verortungen der Psychologie als Sozialwissenschaft, Kulturwissenschaft, Geisteswissenschaft oder Naturwissenschaft. Am treffendsten ist die Psychologie wohl als Lebenswissenschaft verortet. Diese Charakterisierung erfordert ein breites interdisziplinäres Können von Psychologen. Mehr noch – wir müssen nach Jochen Fahrenberg die Komplementarität vieler zentraler psychologischer Begriffe anerkennen und einseitige Reduktionen etwa des Psychischen auf das Physische vermeiden.
Das Fach Psychologie ist in der Forschung auf dem Weg zu Multiperspektivität und Interdisziplinarität gut vorangekommen. Unser Fach hat sich auch in der Anwendung bewährt und gesellschaftlich etabliert. Wir sind effizient und wirksam geworden.
Was sind die wichtigen Themen der Psychologie bzw. der gegenwärtigen psychologischen Forschung?
Die Themen der Psychologie sind kaum noch in wenigen Sätzen zusammenzufassen. Erstaunlicherweise vermögen selbst die großen Kongresse der Psychologie keinen Überblick mehr zu geben, schon allein deswegen nicht, weil niemand in alle Veranstaltungen gehen kann. Allerdings konnte in den letzten 20 Jahren in etlichen Teilgebieten der Psychologie eine klare Zunahme von biologischen Fragestellungen festgestellt werden, etwa: welche Hirnprozesse sind mit bestimmten psychischen Leistungen assoziiert?
Wo liegen Ihre eigenen Forschungsschwerpunkte? Warum, was ist das Spannende daran?
Meine eigene Forschung ist mit den Begriffen Persönlichkeit, Emotion-Motivation und Psychophysiologie umschrieben. Das Spannende daran ist, dass viele der Abhängigkeiten zwischen diesen Bereichen variabel sind und aus dem konkreten situativen Kontext entstehen. Letztlich liegt die Variabilität dieser Abhängigkeiten stets in den einzelnen Individuen begründet.
An welchem konkreten Projekt arbeiten Sie gerade? Warum?
Mein derzeitiges Forschungsprojekt befasst sich mit der Emotion Zuneigung-Wärme. Wir untersuchen, wie diese Emotion weitgehend standardisiert ausgelöst werden kann, wie sie psychophysiologisch charakterisiert ist und ob sie opioiderg vermittelt ist. Wir fragen uns, welche Persönlichkeitseigenschaften die Zuneigung-Wärme Reaktion moderieren, und uns interessiert, wie die Abgrenzung von einer anderen positiven Emotion, der Erwartung-Vorfreude, vorgenommen werden kann.
Wie beschreiben Sie die DGPs, was macht die DGPs?
Die DGPs ist die Vertretung der wissenschaftlichen Psychologie in Deutschland. Sie wirkt nach innen in die Mitgliedschaft und nach außen in die Gesellschaft. Was den ersten Aspekt angeht, die Wirkung nach innen, sind wir sehr gut aufgestellt. Die Fächer sind in Fachgruppen organisiert, sie machen die Vielfalt in der Einheit der DGPs aus. Wir haben diverse Kommissionen und Ausschüsse, die Aufgaben für die Mitglieder wahrnehmen. So wird die berufsständische Arbeit u. a. durch das Ehrengericht dokumentiert.
Was den zweiten Aspekt angeht, die Wirkung nach außen, haben wir als DGPs bestehende Defizite erkannt und neue Initiativen ergriffen.
Was ist Ihre eigene Aufgabe in der DGPs?
Ich bin in meiner zweiten Amtsperiode Vizepräsident 2 der DGPs und vor allem für die föderativen Aufgaben der Psychologie zuständig. In der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen (DGPs und Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen) sind gemeinsame Aufgaben organisiert, die für alle Psychologen wichtig sind. Hierzu zählt z. B. die Weiterbildung in der Rechtspsychologie, das Diagnostik- und Testkuratorium, die nationale Anerkennungskommission EuroPsy oder auch die föderative Richtlinienkommission Ethik.
Ich betreue als Vorstandsmitglied auch die Ethikkommission der DGPs und bin natürlich auch aktives Mitglied der Kommission. Darüber hinaus bin ich für den Projektbereich wissenschaftlich-psychologische Dienstleistungen der DGPs verantwortlich, der es uns ermöglicht, professionelle Dienstleistungen über das neu gegründete Zentrum für wissenschaftlich-psychologische Dienstleistungen der DGPs (ZWPD) anzubieten. So sind wir Träger der Geschäftsstelle für die Weiterbildung in Rechtspsychologie, wir arbeiten der Ethikkommission administrativ zu und bereiten weitere Dienstleistungen vor, z. B. die Organisation von Kongressen.
Wenn man von einer Vision für die Zukunft sprechen würde, was wünschen Sie sich für die DGPs?
Ich wünsche mir für uns, dass wir die Einheit der Psychologie wahren und noch stärker in die Gesellschaft hineinwirken können.
Was würden Sie sich für die Psychologie wünschen?
Wir müssen unsere Stärke in der Forschung zeigen und auch für benachbarte Wissenschaften attraktiv sein. Ich würde mir auch wünschen, dass sich weitere Anwendungsgebiete der Psychologie professionalisieren.
Gibt es auch einen visionären Wunsch für Ihre Forschungsarbeit?
Wirksamkeit.
Und wie lautet der Wunsch für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für die Studierenden der Psychologie?
Unseren Studierenden, unserem wissenschaftlichen Nachwuchs wünsche ich eine große Neugier auf die offenen Fragen der Psychologie und motivierende akademische Lehrerinnen und Lehrer, die ihnen helfen, Tore aufzustoßen und Fragen zu stellen.
