Der Wähler, das unbekannte Wesen: Wie kann die Wahlentscheidung von unentschiedenen Wählern vorausgesagt werden?

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Der Wähler, das unbekannte Wesen: Wie kann die Wahlentscheidung von unentschiedenen Wählern vorausgesagt werden?

Vorstand

Für die Wahlforschung als Teil der Psychologie ist die Voraussage von Wahlergebnissen noch immer schwierig. Die größte Unsicherheit herrscht bei jenen Befragten, die sich selbst als „noch unentschieden“ bezeichnen. Wie kann die Vorhersage hier verbessert werden?

Der Sozialpsychologe Prof. Dr. Roland Deutsch (Vorstandsmitglied der DGPs) fasst zusammen: "In den letzten Jahren hat die psychologische Forschung gezeigt, dass die Verhaltensvorhersage besser gelingt, wenn man zusätzlich zu den per Fragebogen geäußerten Einstellungen noch die sogenannten impliziten Einstellungen misst". Darunter versteht man spontane, schnell und teils unbewusst wirkende Bewertungen, die man in der Alltagssprache vielleicht als "Bauchgefühl" bezeichnen würde. Implizite Einstellungen können durch Psychologen mit verschiedenen, meist auf Reaktionszeiten fußenden Verfahren gemessen werden. Diesen Verfahren ist gemein, dass die Einstellungen nicht direkt erfragt, sondern aus dem Verhalten der Teilnehmer abgelesen werden können. Wenn implizite Einstellungen die Verhaltensvorhersage allgemein verbessern – tragen sie auch zu einem besseren Verständnis des Wahlverhaltens unentschiedener Wähler bei?

Studien

In einer früheren Studie der italienischen Wissenschaftlerin Silvia Galdi und ihrer Kollegen wurden Bürger zu ihrer Meinung zu einer Vergrößerung einer US-amerikanischen Militärbasis in einer italienischen Kleinstadt befragt und dabei explizite und implizite Einstellungen erfasst. Sie fanden heraus, dass implizite Einstellungen von unentschiedenen Bürgern die Meinung in einer zweiten Befragung eine Woche später besser vorhersagten als explizite Einstellungen. Verlassen sich unentschiedene Wähler also eher auf ihr Bauchgefühl?

In zwei Studien hat der Sozialpsychologe Prof. Dr. Malte Friese von der Universität des Saarlandes diese Frage näher untersucht. Gemeinsam mit seinen Kollegen Colin Tucker Smith, Brian A. Nosek, Thomas Plischke und Matthias Blümke erfasste Friese implizite und explizite Einstellungen potenzieller Wähler im Kontext der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 2008 (John McCain gegen Barack Obama) und vor der Bundestagswahl 2009. Anschließend verglichen sie jeweils die Ergebnisse der expliziten und impliziten Einstellungen mit dem selbst berichteten, tatsächlichen Wahlverhalten der Befragten. Die Ergebnisse wurden 2012 in der Fachzeitschrift „PLOS ONE“ veröffentlicht. „In diesen Studien konnten wir keine Belege für die Annahme finden, dass implizite Einstellungen geeignet sind, die Vorhersage des Wahlverhaltens unentschiedener Wählerinnen und Wähler entscheidend zu verbessern“, fasst Prof. Friese zusammen.

In einer ersten Studie untersuchten Friese und Kollegen online 3884 Teilnehmer zur Präsidentschaftswahl in den USA vor und nach der Abstimmung. In beiden Studien erwiesen sich sowohl implizite als auch explizite Einstellungen insgesamt als geeignet, um Wahlentscheidungen vorherzusagen. Anders als in Galdis Studie aber hatten explizite Einstellungen der Befragten eine größere Voraussagekraft für die später getroffene Entscheidung als implizite Einstellungen, und zwar sowohl bei unentschiedenen als auch bei entschiedenen Wählern. Anlässlich der deutschen Bundestagswahl 2009 sollte eine weitere Studie die Vorhersagekraft von impliziten wie expliziten Einstellungen gegenüber politischen Lagern und Kandidaten beleuchten. Wiederum per Online-Untersuchung bestätigten 1220 Teilnehmer im Wesentlichen die erste Studie: Es gibt keine Hinweise darauf, dass unentschlossene Wähler sich stärker von impliziten Einstellungen leiten lassen als entschlossene Wähler. 

Warum zeigen die neueren Studien andere Ergebnisse als die Studie aus Italien? Der Grund könnte darin liegen, dass Wahlentscheidungen für Einzelinteressen (wie etwa einer Militärbasis) eine andere Grundlage haben als allgemeine politische Einstellungen. Allgemeine politische Haltungen, wie die Zugehörigkeit zu einem politischen Lager, sind in einem Menschen tiefer verwurzelt sind als Haltungen zu Einzelinteressen. Weil sich allgemeine politische Einstellungen durch immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem Thema gebildet haben, sind die Vorstellungen darüber genauer und differenzierter. Deshalb hängen hier explizite und implizite Haltungen eng miteinander zusammen und möglicherweise haben implizite und explizite Einstellungen wegen dieser Kopplung eine weniger divergierende Voraussagekraft für politische Wahlentscheidungen als im Fall von Einzelinteressen. 

Fazit

Zusammengenommen deuten die neueren Studien also darauf hin, dass nicht nur bewusste, überlegte explizite Einstellungen das Wahlverhalten beeinflussen, sondern auch spontane, schnelle, eventuell unbewusste implizite Einstellungen. Allerdings scheinen bei allgemeinen Wahlentscheidungen die beiden Einstellungsarten stark verzahnt zu sein und insgesamt erwiesen sich hier die expliziten Einstellungen als wichtiger für die Wahlentscheidung. Die Daten sprechen dagegen, dass unentschlossene Wähler bei allgemeinen Wahlen stärker auf ihr Bauchgefühl hören als entschlossene Wähler. 

Weitere Informationen:

Prof. Dr. Malte Friese
Universität des Saarlandes
Tel.: +49(0)681/302-3196
Fax: +49(0)681/302-4640
E-Mail: <link>malte.friese(at)uni-saarland.de