Bessere Diagnose stressbedingter Erkrankungen

Aktuelles

Bessere Diagnose stressbedingter Erkrankungen

Vorstand

Messung psychischer, biologischer und symptomatischer Werte ermöglicht gezielte Therapiemaßnahmen

Eigentlich ist die Stressreaktion des Körpers etwas Gutes: Gehirn und Muskeln werden besser mit Energie versorgt, der Mensch wird wach, aufmerksam, konzentriert und kann so einer möglichen Gefahrensituation entkommen. Doch dieser Überlebensmechanismus kann bei langer Dauer und besonderer Intensität krank machen. „In unserer auf Effektivität und Effizienz getrimmten Gesellschaft kommt das immer häufiger vor. Dennoch werden stressbedingte Erkrankungen häufig nicht richtig erkannt, weil die Symptome von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sind“, so Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs). Ein spezielles Set von Stresstests des Stress Zentrums Trier kann hier Abhilfe schaffen.

Das an der Universität Trier unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk Hellhammer entwickelte Diagnostikverfahren Neuropattern misst psychische und biologische Merkmale sowie Symptome des einzelnen Patienten. „Es ist so konzipiert, dass es ein Hausarzt mit seinen Patienten durchführen kann. Der Arzt füllt einen Fragebogen aus und gibt unter anderem den bisherigen Krankheitsverlauf, die aktuelle Behandlung, Blutdruck und Gewicht des Patienten an. Der Patient selbst erhält vier Fragebögen sowie 16 Röhrchen für Speichelproben vor und nach der Einnahme des Wirkstoffs Dexamethason. Im Speichel wird der Spiegel des Stresshormons Cortisol gemessen. Außerdem wird während einer Nacht mit einem kleinen Gerät ein Elektrokardiogramm (EKG) über die Herzaktivität erstellt“, erklärt der Psychologe Prof. Hellhammer die Anwendung des Stresstests.

Stress-Diagnostik

Hintergrund dieser verschiedenen Messungen ist der Umstand, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Stress reagieren: Während die einen Herzbeschwerden bekommen oder einen Hörsturz erleiden, aber subjektiv keinen Stress empfinden, kommt es bei anderen zu Angstzuständen oder Zwängen, ohne dass körperliche Beschwerden erkennbar wären. Die Trierer Stressdiagnostik misst verschiedene Faktoren, um die Lage des sogenannten „Stress-Triangels“ festzustellen.

Prof. Hellhammer und seine Kollegen haben in ihrer Forschung festgestellt, dass der menschliche Körper bei Stressbelastung im Wesentlichen drei Achsen aktiviert:

  1. Arbeitssysteme mit den Botenstoffen Adrenalin und Noradrenalin als wichtigsten Akteuren; diese synchronisieren die Aktivität des Gehirn so, dass wir konzentriert, aufmerksam und leistungsfähig sind. Peripher stellt vor allem die Energieversorgung in den Muskeln sicher, um in Gefahrensituationen schnell handeln zu können.

  2. Das Energieversorgungssystem mit dem wichtigsten Akteur Cortisol mobilisiert Glukose in der Leber zur Versorgung des Gehirns, das selbst keine Energiespeicher hat. Es unterstützt im Gehirn die Stressverarbeitung und peripher vor allem den Sympathikus.

  3. Erholungssysteme mit dem wichtigsten Akteur Serotonin im Gehirn, wo dieser Botenstoff stressdämpfende und schlafanstoßende Effekte vermittelt. Peripher sorgt es über den Parasympathikus für eine ein Gegengewicht zu den anderen beiden Systemen und fördert die Regeneration und den Nachschub verbrauchter Ressourcen.

Bei einem gesunden Menschen sind diese drei Systeme, und damit auch der Stress-triangel, im Gleichgewicht. Wenn dies nicht der Fall ist, kommt es zu charakteristischen Fehlregulationen des Körpers, die der Mensch spürt.13 Muster stressbedingter Erkrankungen, Neuropattern genannt, haben die Wissenschaftler ermittelt. Für jedes Muster gelten andere Therapieempfehlungen.

Behandlung von Burnout

Schon beim sogenannten Burnout-Syndrom unterscheiden die Trierer sechs Typen. Dabei bedürfen die beiden häufigsten Typen gegensätzlicher Therapie. Etwa 40 Prozent der Burnout-Patienten leiden an einem Mangel an Noradrenalin. Weil deren Arbeitssysteme „ständig unter Strom“ stehen, sind ihre Vorräte dieses Hormons schnell erschöpft. Bei einem Drittel der Burnout-Patienten hingegen hat sich nach längerer Belastung ein Serotonin-Schutzschirm gebildet, der den weiteren Verbrauch von Reserven verhindert. Die Patienten ziehen sich zurück, resignieren und sehen das Leben an sich vorbeiziehen. Während beim ersten Syndromtyp das aktivierende System unterversorgt ist, wird beim zweiten Typ das dämpfende System gewissermaßen überversorgt. Im Ergebnis fühlen sich Patienten beider Syndromtypen erschöpft.

Mit dem Neuropattern-Stresstest kann die Ursache des Burnouts ermittelt und eine individuell am Patienten ausgerichtete Therapie empfohlen werden. Nach der Auswertung im Zentrallabor werden die Daten einem der 13 Neuropattern zugeordnet. Der Arzt erhält einen Befundbericht, der ein Krankheitsmodell beinhaltet, aus dem konkrete Therapieempfehlungen abgeleitet werden. Auf dieser Basis können Arzt und Patient gemeinsam Therapiemaßnahmen festlegen. Der Patient erhält zudem Zugang zu internetbasierten Selbsthilfemaßnahmen, die auf seine Erkrankung zugeschnitten sind. Nach einer Untersuchung in einem Fachklinikum erzielen selbst Fachärzte mit der Neuropattern-Diagnostik bessere Therapieergebnisse als zuvor.

Weitere Informationen und Kontakt:
Universitätsprofessor Dr. Dirk Hellhammer
Tel.: 0651 – 1 70 40 50
Email: <link>hellhamm@uni-trier.de
<link http: www.stresszentrum-trier.de stressambulanz extern>www.stresszentrum-trier.de/stressambulanz/