Im Jahr 2025 geht die Forschungsförderung der Fachgruppe Rechtspsychologie an das Jungmitglied Dr. Ulrike Stühler (Universtität Marburg) und ihre Kooperationspartnerin Dr. Melanie Sauerland (Universität Maastricht) mit dem Projekt "Neue Wege der Augenzeug:innenidentifizierung: Prüfung der Hautleitfähigkeit im Concealed Information Test als Alternative zu klassischen Gegenüberstellungsverfahren". Die Förderung ist mit €1.500 dotiert.
Abstract
Die Identifizierung von Tatverdächtigen durch Augenzeug:innen spielt eine zentrale Rolle in der Strafverfolgung. Gleichzeitig stellen falsche Identifizierungen aufgrund der hohen Fehleranfälligkeit von Gegenüberstellungsverfahren ein wesentliches Risiko für Fehlurteile dar. Besonders Kinder und ältere Erwachsene zeigen häufig geringere Identifizierungsleistungen, da kognitive und soziale Faktoren ihre Urteilsfähigkeit beeinträchtigen können. Vor diesem Hintergrund gewinnen indirekte Verfahren wie der Concealed Information Test (CIT), der ursprünglich im Bereich der Lügendetektion entwickelt wurde und implizite anstelle expliziter Wiedererkennungsindikatoren nutzt, zunehmend an Bedeutung.
Reaktionszeitbasierte CIT-Gegenüberstellungen haben sich in bisherigen Untersuchungen als vielversprechende Alternative erwiesen, insbesondere für junge Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 18 Jahren. Gleichzeitig deuten teils hohe Fehlerquoten in den Gruppen junger Kinder (< 10 Jahre) und älterer Erwachsener (> 60 Jahre) darauf hin, dass das komplexe Protokoll bzw. die anspruchsvollen Instruktionen für diese Altersgruppen eine Herausforderung darstellen. Der Nutzen reaktionszeitbasierter CIT-Gegenüberstellungen scheint somit bislang auf eine begrenzte Altersgruppe beschränkt zu sein, was die Entwicklung kognitiv weniger anspruchsvoller Varianten erforderlich macht.
Das geplante Kooperationsprojekt untersucht daher Hautleitfähigkeit als alternatives implizites Maß, das in der allgemeinen CIT-Forschung als etablierter physiologischer Indikator gilt und mit geringeren kognitiven Anforderungen und einfacheren Instruktionen einhergeht. In einer Laborstudie mit jungen Erwachsenen (N = 70) wird geprüft, ob die Hautleitfähigkeit zuverlässig zwischen bekannten und unbekannten Gesichtern differenziert und somit das Potenzial einer niedrigschwelligen Alternative zur klassischen Gegenüberstellung bietet. Hierfür werden zwei etablierte Paradigmen der Gesichterforschung eingesetzt, die für das Vorhaben in eine CIT-Variante überführt werden: ein standardisierter Gesichtserkennungstest mit hoher Trialzahl sowie eine praxisnahe Foto-Gegenüberstellung. Langfristiges Ziel ist die Entwicklung und empirische Validierung alters- und zielgruppensensitiver Verfahren, um Fehlidentifikationen zu reduzieren und zur Verbesserung der kriminalistischen Praxis beizutragen.
