Prof. Dr. Denis Gerstorf, Humboldt-Universität Berlin

Der Lehrstuhl für Entwicklungs- und Pädagogische Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin (https://www.psychologie.hu-berlin.de/de/prof/devped) beschäftigt sich mit Fragen zur Individualität des Alter(n)s. Wir gehen diesen Fragestellungen auf sehr unterschiedlichen Ebenen nach.

Ein erster Ansatz ist die Untersuchung der kontextuellen Einbettung individueller Entwicklungsverläufe und der hier vielfach stattfindenden dynamischen Ko-Regulation kontextueller und individueller Faktoren. Hierbei betrachten wir verschiedenartige Facetten von Kontexten, seien diese (i) Charakteristika von Lebenspartnern und des Mikrosystems Partnerschaft, welche zeitlebens einen zentralen sozialen Kontext für menschliche Entwicklung darstellen (Hannah Schade), (ii) Merkmale der räumlichen und sozialen Lebensumwelt von Menschen wie etwa die Gesundheitsversorgung am Wohnort (Dr. Nina Vogel), oder (iii) historische Lebensbedingungen, die sich bspw. in Unterschieden im Erleben und Verhalten zwischen Geburtskohorten (oder Todeskohorten) manifestieren (Dr. Gizem Hülür). So konnten wir u.a. zeigen, dass heute 75-Jährige geistig fitter und glücklicher als 75-Jährige vor 20 Jahren sind und sich auch im Durchschnitt weniger einsam fühlen und ihr Leben als weniger fremdbestimmt einschätzen (Gerstorf et al., 2015Hülür et al., 2016a). Hierbei untersuchen wir die genannten Potentiale psychologischer Adaptationsprozesse – und deren Grenzen – auf unterschiedlicher Zeitebenen. Ein Beispiel hierfür wäre das Phänomen des terminal decline, nach dem insbesondere die letzten Lebensmonate und -jahre bei vielen Menschen durch sehr starken gesundheitlichen, körperlichen und geistigen Abbau gekennzeichnet sind und deshalb nicht typischen Stabilitäts- und Veränderungsverläufen (im Alter) entsprechen.

Ein zweiter Forschungsstrang konzentriert sich auf die Untersuchung der oftmals dynamischen und multi-direktionalen Wechselbeziehungen in der Entwicklung zentraler (psychologischer) Funktionsbereiche im Erwachsenenalter und hohen Lebensalter. Im Zentrum stehen hier Fragen danach, ob und wie sich wahrgenommene Kontrolle – eine wesentliche Facette erfolgreichen Alterns – in der zweiten Lebenshälfte verändert und dies (sei es als Bedingungsfaktor oder als Folge) mit Komponenten körperlicher Gesundheit und sozialer Unterstützung assoziiert ist (Johanna Drewelies). So konnten wir u.a. zeigen, dass wahrgenommene Kontrolle bis zur Lebensmitte relativ stabil bleibt und nicht nur das Ausmaß individuell wahrgenommener Kontrolle, sondern auch die wahrgenommene Kontrolle des Lebenspartners mit individueller Gesundheit und Gesundheitsverhalten älterer Erwachsener assoziiert sind. Auch im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung beleuchten wir, wie Persönlichkeit mit anderen Entwicklungsprozessen zusammenhängt und interagiert (Swantje Müller). Unser Fokus liegt dabei vor allem auf der Untersuchung von Persönlichkeitsveränderungen im hohen Alter und zeitlich geringem Abstand zum Tod („Todesnähe“), über deren Verlauf, Ursachen und Folgen bisher nur wenig bekannt ist. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass Persönlichkeit nicht nur ein wichtiger Prädiktor von Gesundheit und Wohlbefinden im Alter ist, sondern auch durch altersassoziierte Abnahmen gesundheitsbezogener Ressourcen beeinflusst wird. Eine weitere zentrale Komponente unseres Forschungsprofils bezieht sich auf die körperliche Aktivität und Möglichkeiten der Aktivitätsförderung in fortgeschrittenen Lebensphasen (Dr. Nanna Notthoff). Ziel ist es, den Einfluss ausgewählter psychologischer Prozesse und Phänomene zu identifizieren. Zum Beispiel untersuchen wir längsschnittlich im Rahmen eines EU-Projektes, ob und welche Aktivitäten im Alter tatsächlich abnehmen (u.a. weniger strukturierter Sport, aber mehr Lifestyle Aktivitäten) und welche Rolle persönliche Charakteristika (u.a. Motivation und persönliche Ziele), soziale Umwelten (u.a. Fremdbilder) und räumliche Umwelten (walkability) spielen.

Um unseren Forschungsfragen nachzugehen, nutzen wir Daten großer (makro-längsschnittlicher), lokaler und nationaler Untersuchungen aus Deutschland (u.a. Sozio-oekonomisches Panel) und anderen Ländern (u.a. Seattle Longitudinal Study, Health and Retirement Study, Australian Longitudinal Study of Ageing, British Household Panel). Daneben haben in den letzten Jahren mikro-längsschnittliche ambulante Untersuchungen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Diese prozessorientierten Ansätze erlauben eine situative Erfassung des täglichen Lebens älterer Menschen und ihrer Lebenspartner und ermöglichen es, wichtige intrapersonelle und zwischenmenschliche Anpassungsdynamiken in der Alltagsbewältigung abzubilden. Derzeit läuft bspw. eine Studie, für die wir Lebenspartner im Alter von 70+ Jahren für eine Woche mit jeweils einem iPad ausstatten, über das wir die Teilnehmer/innen 7-mal täglich kontaktieren und zu ihrem momentanen Befinden, ihren Aktivitäten und Herausforderungen, ihrem Stresserleben und ihrem gemeinsamen Lebenskontext befragen. Zeitgleich erheben wir physiologische Indikatoren wie Kortisol, um näher zu beleuchten, ob und inwiefern subjektives Stresserleben mit physiologischer Reaktivität (des Partners) einhergeht. Durch eine Integration von mikro-längsschnittlichen und makro-längsschnittlichen Studiendesigns können wir Rückschlüsse über die Vernetzung von Entwicklungsprozessen auf unterschiedlichen Zeitebenen ziehen, wie also bspw. der Lebensalltag durch vorherige langfristige Entwicklungsprozesse über Jahre und Jahrzehnte mitbestimmt ist und ebenso zukünftige längerfristige Entwicklungsverläufe beeinflusst. So konnten wir u.a. zeigen, dass kognitive Leistungsfähigkeit möglicherweise als limitierender Faktor für alltägliches Affekterleben und -verarbeiten wirkt (Hülür, Hoppmann, Ram, & Gerstorf, 2015Hülür et al., 2016b). Derzeit arbeiten wir daran, derartig kombinierte Designs mit Laboruntersuchungen zu erweitern, um adaptive Fähigkeiten gleichermaßen unter kontrollierten Bedingungen und in vivo als Teil alltäglicher Handlungsroutinen abbilden zu können.

In unserer Forschung profitieren wir sehr stark von intensiven Kooperationen mit internationalen Kolleginnen und Kollegen in Nordamerika und Australien. Stellvertretend seien hier Nilam Ram (Pennsylvania State University, USA), Christiane Hoppmann (University of British Columbia, Kanada) und Mary Luszcz (Flinders University, Australien) genannt. Ebenso zentral für unsere Arbeit ist der interdisziplinäre Austausch, um Fragen zum Wie und Warum der Vielfalt und Individualität des Alter(n)s umfassend nachgehen zu können. Exemplarisch hierfür steht die Berliner Altersstudie II, in der Mediziner, Genetiker, Immunologen, Ökonomen, Sozialwissenschaftler und Psychologen gleichberechtigt beteiligt sind (https://www.base2.mpg.de/de/projektinformation/team).
Wir freuen uns, dass unsere langjährige Mitarbeiterin Dr. Gizem Hülür die nächste Karrierestufe nimmt und zum August 2016 eine Assistenzprofessur an der Universität Zürich angetreten hat.

Ausgewählte Publikationen

Drewelies, J., Chopik, W. J., Hoppmann, C. A., Smith, J. & Gerstorf, D. (2016). Linked lives: Dyadic associations of mastery beliefs with health (behavior) and health (behavior) change among older partners. Journals of Gerontology, Series B: Psychological Sciences and Social Sciences. doi: 10.1093/geronb/gbw058

Gerstorf, D., Hoppmann, C. A., Löckenhoff, C. E., Infurna, F. J., Schupp, J., Wagner, G. G., & Ram, N. (2016). Terminal decline in well-being: The role of social orientation. Psychology and Aging, 31, 149-165. doi: 10.1037/pag0000072

Gerstorf, D., Hoppmann, C. A., & Ram, N. (2014). The promise and challenges of integrating multiple time-scales in adult developmental inquiry. Research in Human Development, 11, 75-90. doi: 10.1080/15427609.2014.906725

Hülür, G., & Ram, N., & Gerstorf, D. (2015). Historical improvements in well-being do not hold in late life: Studies of birth-year and death-year cohorts in national samples in the US and Germany. Developmental Psychology, 51, 998-1012. doi: 10.1037/a0039349

Notthoff, N. & Carstensen, L.L. (2014). Positive messaging promotes walking in older adults. Psychology and Aging, 29, 2, 329-341. doi: 10.1037/a0036748

Müller, S., Wagner, J., Drewelies, J., Duezel, S, Eibich, P., Specht, J. Demuth, I., Steinhagen-Thiessen, E., Wagner, G. G., & Gerstorf, D. (2016). Personality development in old age relates to physical health and cognitive performance: Evidence from the Berlin Aging Study II. Journal of Research in Personality. doi: 10.1016/j.jrp.2016.08.007


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