Prof. Dr. Marco Schmidt, Universität Bremen

Im April 2018 hat Marco F. H. Schmidt die Leitung der Arbeitsgruppe Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Bremen übernommen. Seit 2015 ist er Leiter einer Nachwuchsforschungsgruppe an der LMU München.

In unserer Forschung beschäftigen wir uns mit der Ontogenese der menschlichen „Norm-Psychologie“ mit Fokus auf den entwicklungspsychologischen Grundlagen und Entstehungsbedingungen von Normativität und Kooperation. Insbesondere gehen wir der Frage nach, wie Kinder ein Verständnis von Normen entwickeln und von welchen sozial-kognitiven und motivationalen Fähigkeiten dies abhängt. Wir verwenden eine Reihe unterschiedlicher empirischer Methoden, etwa Verhaltensstudien mit interaktiven Aufgaben (in denen wir spontane verbale und nonverbale Handlungen von Kindern messen), Interviews und implizite Maße wie Blickbewegungserfassung.

Die Frage, wie menschliche Normativität und Moral verstanden und erklärt werden können ist von grundlegendem Interesse für die Sozialwissenschaften, die Philosophie, und zunehmend auch die Naturwissenschaften. Es steht außer Frage, dass wir in allen menschlichen Gesellschaften soziale Normen und Regeln, die bestimmte Verhaltensweisen vorschreiben oder verbieten, vorfinden. Normen sind wie „sozialer Kitt“, der Mitglieder einer Gruppe zusammenbringt und damit Gruppenkohäsion und Kooperation fördert. Jedoch sind Normen nicht in unserem genetischen Code enthalten – vielmehr etablieren Menschen Normen, geben sie weiter und ändern sie. Wie entwickeln Kinder ein Verständnis von Normen? Was sind die psychologischen Grundlagen, die es uns erlauben, zwischen „Richtig“ und „Falsch“ zu unterscheiden? Dies sind die Leitfragen unserer Forschung.

Wir verstehen Normativität nicht als isoliertes Phänomen, sondern als grundlegend verwoben mit Theory of Mind und, im weiteren Sinne, mit Erkenntnistheorie. Ein Grund hierfür ist, dass wir im Alltag keine „Normen“ (ein abstrakter Begriff), sondern einzelne Handlungen im Hier und Jetzt von einzelnen Menschen mit bestimmten Überzeugungen, Wünschen und Absichten sehen. Daher müssen Kinder bisweilen ein Wissensproblem lösen, nämlich erschließen, ob eine bestimmte Handlung einer allgemeinen Norm unterliegt oder nicht. Über das Erschließen von Normen hinaus ist ein Verständnis von Normativität auch dadurch gekennzeichnet, dass man normative Phänomene als menschengemachte soziale Fakten ansieht, die geändert oder unter bestimmten Bedingungen ins Leben gerufen werden können (z.B. indem wir unsere Überzeugungen, Wünschen und Absichten gemeinsam ausrichten). Menschen verstehen Normativität jedoch nicht nur theoretisch, sondern interessieren sich auch praktisch dafür. Insbesondere sind wir motiviert, Normen zu befolgen und andere, die Normen brechen, zu korrigieren oder gar zu bestrafen und somit gemeinsame Praktiken und Werte selbst unter persönlichen Kosten hochzuhalten. Das heißt, Normativität – ganz augenscheinlich Moral – hängt auch mit Prosozialität zusammen.

Unsere Forschung soll es zum einen ermöglichen, ein transdisziplinär orientiertes theoretisches Rahmenwerk über menschliche Normativität und Kooperation zu entwickeln und zu informieren. Zum anderen erhoffen wir uns langfristig einen Einblick in die entwicklungspsychologischen Prozesse der Konstitution, Genese und Veränderung von normativen Phänomenen und Strukturen wie soziale Institutionen, kulturelles Wissen und Moralsysteme. 

Weitere Information erhalten Sie gerne von den Mitarbeiter/innen bzw. entnehmen sie unserer Webseite:

Ausgewählte Publikationen: 

Fedra, E., & Schmidt, M. F. H. (in press). Older (but not younger) preschoolers reject incorrect knowledge claims. British Journal of Developmental Psychology.

Schmidt, M. F. H., & Rakoczy, H. (2019). On the uniqueness of human normative attitudes. In K. Bayertz & N. Roughley (Eds.), The normative animal? On the anthropological significance of social, moral and linguistic norms (pp. 121–135). Oxford, NY: Oxford University Press.

Butler, L. P., Schmidt, M. F. H., Tavassolie, N. S., & Gibbs, H. M. (2018). Children’s evaluation of verified and unverified claims. Journal of Experimental Child Psychology, 176, 73-83.

Dahl, A., & Schmidt, M. F. H. (2018). Preschoolers, but not adults, treat instrumental norms as categorical imperatives. Journal of Experimental Child Psychology, 165, 85-100.

Schmidt, M. F. H., González-Cabrera, I., & Tomasello, M. (2017). Children’s developing metaethical judgments. Journal of Experimental Child Psychology, 164, 163-177.

Schmidt, M. F. H., Butler, L. P., Heinz, J., & Tomasello, M. (2016). Young children see a single action and infer a social norm: Promiscuous normativity in 3-year-olds. Psychological Science, 27(10), 1360–1370.

Schmidt, M. F. H., Rakoczy, H., Mietzsch, T., & Tomasello, M. (2016). Young children understand the role of agreement in establishing arbitrary norms—but unanimity is key. Child Development, 87(2), 612–626. 

Schmidt, M. F. H., Svetlova, M., Johe, J., & Tomasello, M. (2016). Children’s developing understanding of legitimate reasons for allocating resources unequally. Cognitive Development, 37, 42–52.


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