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Nachruf: Robert A. Wicklund

08.06.2021

Anlässlich des Todes von Robert Wicklund haben die DGPs-Mitglieder Peter Gollwitzer, Dieter Frey, Norbert Schwarz und Fritz Strack einen sehr lesenswerten Nachruf verfasst, der hier abgerufen werden kann:

Robert („Bob“) A. Wicklund wurde am 1. Dezember 1941 in Seattle geboren und starb am 12. Dezember 2020. Auch wenn Bob Wicklund als amerikanischer Sozialpsychologe in die Geschichte des Faches eingeht, ging seine Wirkungskraft weit über die amerikanischen Grenzen hinaus. In Deutschland hat er wissenschaftliche und persönliche Spuren hinterlassen, deren Tiefe uns veranlasst hat, an dieser Stelle seiner zu gedenken.

Wicklund erwarb seinen Bachelorgrad an der Universität von Washington im Jahr 1964 und seinen Doktorgrad vier Jahre später an der Duke Universität. Unmittelbar danach begann er eine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität von Texas in Austin, wo er im Jahr 1979 zum „full professor“ befördert wurde.

Während seiner Zeit in Austin wurde seine internationale Orientierung bereits offensichtlich. Er hatte eine Gruppe von drei deutschen Doktoranden um sich geschart (Peter Gollwitzer, Stefan Hormuth und Thomas Runge) und er war häufig am Mannheimer Sonderforschungsbereich 24 („Sozialwissenschftliche Entscheidungsforschung“) zu Gast, wo er in vielen Diskussionen mit Doktoranden und Post-Doktoranden wie Dieter Frey, Norbert Schwarz und Fritz Strack das Profil dieser Forschungsstätte mitprägte.  

Noch deutlicher wurde seine internationale Ausrichtung im Jahr 1984, als er an die Universität Bielefeld wechselte um dann im Jahr 1998 eine Professur an der Universität Triest zu übernehmen, wo er bis 2004 aktiv war. Daneben war Bob Wicklund auch als Gastprofessor an anderen Universitäten tätig, wie z. B. an der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Bergen und der Universität Palermo. Ganz anders als die meisten seiner amerikanischen Kollegen sprach Bob vier Spachen (englisch, deutsch, italienisch und norwegisch) und liebte es, sich mit seinen jeweiligen Gegenübern in deren  Muttersprache zu unterhalten.

Auch wenn sich Bob Wicklund als Herausgeber und Gutachter für wissenschaftliche Zeitschriften engagierte, so war er doch ein Freigeist, was seine eigenen Publikationen betraf. Es war nicht seine Sache, von irgendwelchen Reviewern kritisiert und zensiert zu werden. Konsequent richtete er seine wissenschaftliche Tätigkeit auf das Schreiben von Büchern und Buchkapiteln aus, deren bloße Anzahl (12 Bücher und 40 Buchkapitel) Wicklunds wissenschaftliche Energie und Leidenschaft belegen.  Dabei stand meist die Entwicklung von neuen Theorien und deren kritische Testung im Vordergrund. Die dadurch ausgelöste empirische Forschung hat auch heute noch einen wichtigen Einfluss. Als Beispiel sei eine aktuelle Arbeit von Noah, Schul und Mayo (2018) genannt, in der auf der Grundlage der Theorie der objektiven Selbstaufmerksamkeit (Wicklund & Duval, 1971) ein konfundierender Einfluss bei einer großen Replikationsstudie entdeckt und korrigiert wurde.

Bob war ein engagierter Wissenschaftler, der sich mit Herz und Verstand der Aufgabe verschrieben hatte, die Sozialpsychologie und die Psychologie im Allgemeinen auf neue Stufen zu heben. Er war Zeit seines Lebens kein Dogmatiker aber ein unabhängiger Denker,  der sich nicht durch andere einschränken ließ. Er liebte es, seine Ideen mit anderen zu diskutieren, leidenschaftlich und zu jeder Tages- und Nachtzeit. Diese Leidenschaft am intellektuellen Austauch führte auch dazu, dass Bob in den 1980er Jahren in Deutschland mit einer Reihe von damaligen Jungwissenschaftlern regelmäßige Diskussionsrunden abhielt, u.a.mit den Autoren dieses Nachrufs. Die Gruppe benannte sich scherzhaft „Kurt Lewin Gesellschaft“ und beschäftigte sich in intensiven Diskussionen mit der Entwicklung neuer psychologischer Theorien und deren Anwendung im Alltag.  

Durch seine Unkonventionalität, seine Kreativität (er war auch ein begeisterter Klavierspieler) und seinen Humor hat Bob Wicklund viele junge Menschen für die psychologische Forschung begeistert. Als Forscher war er ein Idealist und dabei manchmal auch verzweifelt über die Menschenverachtung, die er in der Welt und in der Wissenschaft beobachtete.

Bobs Denken und Forschen wurde zu einem großen Teil von Jack Brehm, seinem Betreuer an der Duke Universität geprägt, der über seinen Mentor Leon Festinger ganz in der Schule von Kurt Lewin stand. Diese drei Wissenschaftler hatten eines gemeinsam: Sie betrachteten die Entwicklung von innovativen Theorien als Ausgangspunkt jeglicher sozialpsychologischer Forschung und der Anwendung der erzielten Ergebnisse. Diese Einsicht hat sich Bob Wicklund besonders zu Herzen genommen und eine Vielzahl von Theorien entwickelt. Dazu gehören die Theorie der objektiven Selbstaufmerksamkeit (mit T. Shelley Duval (1972), die Theorie der symbolischen Selbstergänzung mit Peter M. Gollwitzer (1982), die Weiterentwicklung der Reaktanztheorie (1974), sowie die Weiterentwicklung der Dissonanztheorie (1976, mit Jack Brehm). Außerdem publizierte Bob Wicklund während seiner Zeit in Europa, Bücher zur Theorie des statischen versus dynamischen Denkens (1986), zur Theorie des selbstbezogenen Wissens mit Martina Eckert (1992) und zur Theorie der multiplen Perspektiven mit Giuseppe Pantaleo (2001). Seine intellektuelle Ausstrahlung und seine außergewöhnlichen Fertigkeiten, andere Personen für klassische Themen in der Sozialpsychologie zu begeistern, resultierten darüber hinaus in zahlreichen gemeinsam publizierten theoretischen Arbeiten, so zum Beispiel mit Ottmar Braun zu  conspicuous consumption, mit Guido Gendolla zu false consensus und egocentrism, mit Michael Koller zur preoccupation with person descriptors, mit Gisela Steins zu perspective taking sowie mit Thomas Reuter und Rudolf Schiffmann zur psychological appropriation of ideas.

Um seinen 70. Geburtstag zu feiern organisierten seine Freunde, Schüler und Kollegen im Jahr 2011 einen Wokshop (“Bob-Fest“) an der Universität von New York (NYU). Bob hielt den Einleitungsvortrag über den Einfluss multipler Perspektiven auf das psychologische Denken. Seine Überlegungen wurden dann ergänzt durch weitere Vorträge zur „wicklundbezogenen“ Theoriebildung, z.B. von Chuck Carver, Margaret Clark, Allan Fenigstein, Guido Gendolla, Rick Gibbons, Jay Hull, Michael Koller, Jamie Pennebaker, William Ickes, Tom Pyszczynski, Fritz Strack, und Rex Wright. Bob Wicklund hat den Workshop intensiv genossen. Er hätte sicherlich einem weiteren Bob-Fest zu seinem 80. Geburtstag zugestimmt.

Peter Gollwitzer, Dieter Frey, Norbert Schwarz und Fritz Strack

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