Mitteilungsdetail

Hass und Hetze gegen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

11.08.2020

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychologie

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die durch Wissenschaftskommunikation ihrer gesellschaftlichen und fachlichen Verantwortung nachkommen, werden persönlich bedroht – bis hin zu Morddrohungen. Es besteht Handlungsbedarf bei Universitäten, Politik und Ordnungshütern.

Während der aktuellen Corona-Pandemie sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Ratgeber von Politik und Medien so gefragt, wie selten zuvor. Wissenschaft kann und sollte in Zeiten von Unsicherheit und Veränderung substantiell zum gesellschaftlichen Diskurs und zu evidenzbasierten Entscheidungen beitragen. Dieser Verantwortung, die auch vom Grundsatzpapier des BMBF zur Wissenschaftskommunikation (BMBF, 2019) betont wird, kommen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehr gerne nach.

Leider häufen sich Fälle, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die ihrer Verantwortung in der Wissenschaftskommunikation nachkommen und versuchen, einen konstruktiven Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs zu leisten, deswegen öffentlich angefeindet und bedroht werden – bis hin zu Morddrohungen.

Derartige Erfahrungen senken – verständlicherweise – bei einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht nur die Bereitschaft, sich am öffentlichen Diskurs zu beteiligen; sie bleiben bei den Betroffenen auch nicht ohne psychische Folgen. Um dieser unerträglichen Tendenz entgegenzuwirken und Wissenschaftskommunikation und Evidenzbasierung von gesellschaftlichen Entscheidungs- und Meinungsbildungsprozessen weiterhin zu ermöglichen, sehen wir in drei Feldern Handlungsbedarf.

Schutz der Betroffenen: Betroffene sollten vor allem dadurch geschützt werden, dass Tätern der Kontakt zu ihnen erschwert wird. Kontaktdaten sollten bei Polizei und Ordnungsbehörden streng vertraulich behandelt werden. Dazu zählt das Schwärzen von Opferadressen bei der Akteneinsicht durch Täter und die Nicht-Weitergabe von Adressen der Betroffenen durch Einwohnermeldeämter.

Unterstützung durch Universitäten: In Universitäten gibt es kaum ein Bewusstsein für das Problem, weil Wissenschaftskommunikation dezentral organisiert ist. Die personelle Ausstattung der Stabsstellen für Wissenschaftskommunikation reicht in vielen Universitäten nicht zur Betreuung des gestiegenen Umfangs der Wissenschaftskommunikation. Angebote zur Unterstützung im Falle von Bedrohungen fehlen nach unserer Information vollständig. Hier sind die Länder und Universitäten gefordert, ihrer Verantwortung als Arbeitgeber nachzukommen.

Unterbinden der Taten: Extreme Taten, wie Morddrohungen, werden von Polizei und Staatsschutz verfolgt. Viele Übergriffe erfüllen allerdings nicht notwendigerweise einen Straftatbestand, weil die Täter das Übertreten rechtlicher Grenzen geschickt vermeiden. Die Opfer fühlen sich deshalb jedoch nicht weniger bedroht und es besteht die Gefahr, dass sich viele deshalb aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen werden. Um dies zu vermeiden, sollten unseres Erachtens nicht nur die Möglichkeiten der Strafverfolgung ausgeschöpft werden, sondern diese Taten sollten auch von Politik und Medien in prominenten Äußerungen verurteilt werden.

 

Prof. Dr. Birgit Spinath, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs)

Prof. Dr. Kai J. Jonas, Präsident der European Association of Social Psychology

Prof. Dr. Kai Sassenberg, ehemahliger Präsident der European Association of Social Psychology

DGPs_Stellungnahme_schutz_von_wissenschaftskommunikation20200811.pdf

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