Mitteilungsdetail

Psychische Störungen und Gewalttaten

30.03.2015

Psychologen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) geben Antworten auf aktuelle Fragen, die in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Flugzeugabsturz diskutiert werden. Der Rechtspsychologe Dr. Martin Rettenberger beantwortet Fragen zum aktuell thematisierten Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und der Tendenz zu gewalttätigem Verhalten.

Frage: Herr Dr. Rettenberger, als forensischer Psychologe beschäftigen Sie sich mit Gewalttaten und psychischen Störungen. Wie ist der Zusammenhang zwischen psychischen Störungen und Gewalttaten?

Dr. Rettenberger: Der nun aktuell thematisierte Zusammenhang, dass psychische Erkrankung zwangsläufig mit einer Tendenz zu gewalttätigem Verhalten einhergeht, ist nicht haltbar. Das zeigt bereits ein kurzer Blick auf die Prävalenzzahlen (die besagen, wie häufig eine Krankheit auftritt): Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit etwa 15 bis 20% aller Menschen zumindest einmal im Verlauf ihres Lebens an einer klinisch relevanten depressiven Störung leiden. Ähnliche Zahlen werden auch für andere psychische Störungsbilder wie zum Beispiel den Angststörungen diskutiert. Gleichzeitig wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit schwerwiegender Gewalttaten vergleichsweise gering ist und ein sehr seltenes Ereignis darstellt: So zeigt die Kriminalstatistik, dass die Anzahl der vorsätzlichen vollendeten Tötungsdelikte in Deutschland in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken ist und beispielsweise im Jahr 2012 weniger als 300 Opferfälle von vorsätzlichen vollendeten Tötungsdelikten in Deutschland registriert werden mussten. Selbstverständlich ist jeder einzelne dieser Fälle immer ein Fall zu viel, aber die Zahlen der offiziellen Kriminalstatistiken verdeutlichen, dass es sich bei schwerwiegenden Gewalttaten um seltene Ereignisse handelt, deren Auftrittswahrscheinlichkeit in den letzten Jahren weiterhin stetig abnimmt. Schon alleine aus dieser Gegenüberstellung zwischen Häufigkeit von Gewalttaten einerseits und der Prävalenz psychischer Erkrankungen andererseits ergibt sich, dass die überwiegende Mehrheit der Personen, die aktuell oder in der Vergangenheit an einer psychischen Erkrankung litt, nicht gefährlich ist und kein Risiko für andere Menschen darstellt. 

Frage: Gilt das generell für alle psychischen Erkrankungen?

Dr. Rettenberger: Ein Blick in die kriminologischen Statistiken zeigt, dass nur bei einem sehr kleinen Teil aller Gewalttäter die Einweisung in eine forensisch-psychiatrische Einrichtung angeordnet wird. Diese Anordnung setzt voraus, dass zwischen Tatbegehung und psychischer Erkrankung ein kausaler Zusammenhang angenommen wird. Genau dieser Zusammenhang liegt jedoch nur bei sehr wenigen Fällen tatsächlich vor.

Wir wissen heute, dass es einzelne Störungsbilder gibt, die – sofern sie nicht angemessen behandelt werden – mit einem im Vergleich zur Normalbevölkerung höheren Risiko für gewalttätiges Verhalten einhergehen. Dies trifft allerdings nur dann zu, wenn neben dem Vorliegen der Störung weitere Risikofaktoren hinzukommen: So ist beispielsweise das Risiko gewalttätigen Verhaltens bei Personen, die an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt sind, dann erhöht, wenn die notwendigen Behandlungsmaßnahmen nicht durchgeführt werden (können). Weitere Risikofaktoren, die Gewalttätigkeit bei psychischer Erkrankung begünstigen können, sind zusätzlich auftretender Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenmissbrauch sowie insbesondere (krankheitsunabhängige) Persönlichkeitsanteile, die mit Kriminalität und gewalttätigem Verhalten im engen Zusammenhang stehen. Ein Beispiel hierfür wäre das Vorliegen antisozialer bzw. dissozialer Persönlichkeitsanteile, die unter anderem eine zeitlich relativ stabile Tendenz zur Missachtung sozialer Normen, eine geringe Frustrationstoleranz sowie eine vergleichsweise stark ausgeprägte Neigung zu aggressivem Verhalten umfassen. Solche Persönlichkeitsanteile oder -akzentuierungen müssen klar von den zuvor genannten psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen abgegrenzt werden.

Frage: Wie schätzen Sie die aktuelle Auseinandersetzung mit der möglichen psychischen Erkrankung des Co-Piloten ein?

Dr. Rettenberger: Eine zentrale Gefahr bei der derzeitigen Diskussion muss darin gesehen werden, dass durch die Ausgrenzung und Stigmatisierungserfahrung, die Menschen mit psychischen Störungen ohnehin anhaftet, eine Art selbsterfüllende Prophezeiung in Gang gesetzt wird: Werden durch weitere Ausgrenzungsängste Menschen mit psychischen Erkrankungen davon abgehalten, sich selbst ihre Erkrankung einzugestehen und anderen mitzuteilen, steigt dadurch das Risiko negativer Krankheitsverläufe. Dadurch kann die Intensität der Symptome gegebenenfalls zunehmen. Wie bereits oben ausgeführt, ist ein Risikofaktor für gewalttätiges Verhalten nicht unbedingt die psychische Erkrankung an sich, sondern die Tatsache, dass sie nicht angemessen behandelt wird. Werden folglich Menschen durch die aktuelle Auseinandersetzung eher davon abgehalten, die gebotene Hilfe anzunehmen, wird durch das Aufgreifen des Themas möglicherweise genau die Gefahr vergrößert, die man ursprünglich eindämmen wollte.   

Weitere Informationen:

Dr. Martin Rettenberger
Psychologe (Dipl.-Psych.), Kriminologe (M.A.), Fachpsychologe für Rechtspsychologie (DGPs/BDP)
Direktor der Kriminologischen Zentralstelle (KrimZ), Wiesbaden
Tel.: 0611 1575811
E-Mail: m.rettenberger(at)krimz.de

Das Interview führte:

Dr. Anne Klostermann
Pressestelle DGPs
Tel.: 030 28047718
E-Mail: klostermann(at)dgps.de

DGPs-Pressemitteilung-30-03-2015.pdf

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