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Wie viel Online ist normal?

17.03.2015

Innovation to go – unter diesem Motto werden auf der diesjährigen CeBIT wieder viele kleine Alltagshelfer im mobilen Bereich vorgestellt – to go. Sozusagen immer dabei. So soll es künftig möglich sein, die eigene Gesundheit per Smart Watch überwachen zu lassen oder Produkte mit dem Smartphone zu bezahlen, zum Beispiel an der Supermarktkasse. Die Innovationen bieten uns zunehmend die Möglichkeit, unseren Alltag durch internetfähige Geräte begleiten zu lassen. 

Im Interview beantwortet Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie und Internetsucht-Forscher, fünf Fragen zum Thema Internetsucht.

Frage:
Das Internet ist schon jetzt in unserem Alltag allgegenwärtig. Wir nutzen es für unsere Arbeit, um mit unseren Freunden zu kommunizieren, um uns zu informieren. Herr Prof. Montag, Sie haben zusammen mit Ihrem Kollegen Prof. Martin Reuter aus Bonn ein Buch zur Internetsucht herausgegeben. Ab wann nutzt man das Internet nicht mehr im normalen Ausmaß, wann spricht man von Internetsucht?

Prof. Montag: Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass Internetsucht noch keine offizielle Diagnose darstellt. Diskutiert werden aber klassische Symptome aus der Suchtforschung. Darunter fallen ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Medium (auch wenn man nicht online ist), Toleranzentwicklung und Entzugserscheinungen. Unter Toleranzentwicklung versteht man einen steigenden Medienkonsum, um den gleichen Glücksmoment durch die Nutzung zu erfahren. Entzugserscheinungen sind beispielsweise klare körperliche Veränderungen wie Nervosität und Herzrasen, wenn das Internet nicht in der Nähe ist.

Frage: Wie findet man heraus, ob man selbst oder jemand im eigenen Freundes- oder Verwandtenkreis internetsüchtig ist?

Prof. Montag: Das ist nicht so leicht. Die alleinige Stundenanzahl die jemand online verbringt ist nicht besonders aussagekräftig, da viele das Internet sehr stark beruflich nutzen. Unsere Arbeiten zeigen, dass vor allen Dingen die private Nutzung mit dem Problemverhalten im Zusammenhang steht. Als erste Anzeichen würde ich jedoch werten, wenn jemand das wahre Ausmaß seines Onlinekonsums verheimlicht und sich sozial zurückzieht. Bei einem verwandten Phänomen mit der Internetsucht – die Übernutzung des Smartphones – ist sicherlich problematisch, dass viele Menschen den Bildschirm attraktiver finden als das Gespräch mit der Person gegenüber.

Frage: Kann jeder süchtig werden, oder gibt es besondere Risikogruppen oder Risikofaktoren?

Prof. Montag: Zwillingsstudien zeigen, dass es sogar eine genetische Komponente gibt. In unserem Labor haben wir bereits die ersten molekulargenetischen Marker entdeckt, die mit diesem neuen Phänomen im Zusammenhang stehen. Aus dem Blickwinkel eines Persönlichkeitspsychologen ist vor allen Dingen die Charaktereigenschaft Selbststeuerungsfähigkeit von großer Bedeutung. Rund um den Globus haben wir beobachtet, dass Menschen, die nicht mit sich im Reinen sind und Probleme haben ihre Dinge im Alltag zu regeln, sich in Onlinewelten flüchten. Jeder kennt das Motto: Was Du heute kannst besorgen, dass verschiebe nicht auf morgen. Diesen Grundsatz können problematische Internetnutzer nicht befolgen. 

Frage: Wie ist Ihre Einschätzung, werden die Neuerungen im mobilen Bereich, wie z.B. die Smart Watches, die Internetsucht verstärken?

Prof. Montag: Wir haben gerade eine Studie durchgeführt, in der wir zeigen können, dass eine klassische Armbanduhr und der Wecker im Schlafzimmer möglicherweise protektive Faktoren darstellen, das Internet nicht zu übernutzen. Warum? Wenn man keine Uhr mehr trägt, schaut man stattdessen auf das Smartphone und bleibt an dem Gerät hängen, ohne das eigentlich beabsichtigt zu haben. Ohne Wecker gehen der letzte Griff am Abend und der erste Griff am Morgen zu dem Gerät. Damit werden die digitalen Freizonen deutlich weniger und damit auch die Zonen, in denen wir zur Ruhe kommen. Smart Watches werden uns meines Erachtens nur noch mehr an die digitalen Endgeräte ketten. Wir empfehlen ganz klar wieder die Nutzung klassischer Zeitgeber wie eine normale Armbanduhr.

Frage: In Kürze erscheint ein Artikel zu einer Studie, in der Sie den Zusammenhang zwischen problematischer Internetnutzung, Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) und Depression untersucht haben. Sie haben einen Zusammenhang zwischen problematischer Internetnutzung und Aufmerksamkeitsstörung gefunden. Menschen mit ADHS fällt es doch eigentlich schwer, für längere Zeit bei einer Sache zu bleiben, daher scheint es erstaunlich, dass gerade Menschen mit dieser Diagnose häufig Internetsucht aufweisen. Wie erklären Sie sich diesen Zusammenhang?

Prof. Montag: Tatsächlich zeigte sich in unserer Studie, dass sowohl Tendenzen zu ADHS als auch Depression im Zusammenhang mit problematischen Internetkonsum stehen. ADHS war dabei allerdings ein besserer Prädiktor. ADHSler sind sprunghaft und können sich nicht lange auf einen Sachverhalt konzentrieren. Für diese Gruppe sind Smartphone, Internet & Co sehr attraktiv. Die Onlinewelt bietet genügend unterschiedliche Kanäle zwischen denen man schnell hin und her wechseln kann, um sich immer schnell den nächsten Kick zu holen.

Literaturhinweise:
Das im Interview erwähnte Buch zur Internetsucht finden Sie hier:
Montag, C., & Reuter, M. (Eds.). (2015). Internet Addiction. Neuroscientific Approaches and Therapeutical Interventions. Heidelberg: Springer. doi: 10.1007/978-3-319-07242-5

Sariyska, R., Reuter, M., Lachmann, B., & Montag, C. (accepted). ADHD is a better predictor for problematic Internet use than depression: Evidence from Germany. Journal of Addiction Research & Therapy

Kontakt:

Prof. Dr. Christian Montag
Abteilung Molekulare Psychologie
Universität Ulm
Helmholtzstraße 8/1
89081 Ulm
Tel.: 0731 5026550
E-Mail: christian.montag(at)uni-ulm.de 

Das Interview führte:

Dr. Anne Klostermann
Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle(at)dgps.de

 

DGPs-Pressemitteilung_17-03-2015.pdf

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