Mitteilungsdetail

Impfrisiko, Herdenimmunität und Trittbrettfahrer

10.03.2015

Aktuelle Untersuchungen zeigen, welche Informationen bei einer Impfentscheidung den Ausschlag geben können.

Der Masernausbruch hat hierzulande erneut die Debatte zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern entfacht. „Impfen ist aber nicht nur eine individuelle Entscheidung. Wenn viele Menschen geimpft sind, beschützt die immune Gesellschaft ungeimpfte Personen“ sagt Cornelia Betsch, Psychologin und Impfforscherin an der Universität Erfurt. „Menschen beziehen bei ihrer Impfentscheidung verschiedene Informationen mit ein. Neben der Risikoeinschätzung beurteilen sie auch den bereits bestehenden Schutz in der Gesellschaft, die sogenannte Herdenimmunität. Wir konnten zeigen, dass das Wissen um die Herdenimmunität zum Trittbrettfahren führen kann, wenn bei der Informationssuche der individuelle Nutzen betont wird“.

Gemeinsam mit Robert Böhm, Psychologe an der RWTH Aachen, untersuchte sie, welche Konsequenzen es hat, soziale oder individuelle Vorteile von Herdenimmunität bei Impfentscheidungen zu kommunizieren. Die Wissenschaftler nahmen an, dass Impfabsichten zunehmen, wenn der soziale Nutzen bekannt ist (prosoziales Verhalten), während Informationen zum individuellen Nutzen die Impfabsichten verringern und zum Trittbrettfahren führen können, also dazu, sich auf den Schutz der „Herde“ zu verlassen.

Online-Experiment mit fiktivem Virus

Dazu untersuchten sie die Impfbereitschaft von insgesamt 342 Personen in einem Online-Experiment. Die Teilnehmer erhielten Informationen über ein fiktives Virus und die Impfung dagegen. Ihnen wurde gesagt, dass sämtliche während des Experiments präsentierten Informationen fiktiver Natur sind. Die Teilnehmer waren in vier Gruppen eingeteilt. Eine Kontrollgruppe erhielt lediglich Informationen zum fiktiven Virus. 

Drei Gruppen erhielten neben der Information über das Virus auch Informationen zur Herdenimmunität. Dies geschah in Form einer allgemeinen Definition und einer von drei zusätzlichen weiterführenden Informationen: In Gruppe 1 wurde zusätzlich der soziale Nutzen von Impfungen betont („Wenn Sie sich impfen lassen, können Sie andere schützen, die nicht geimpft sind“). Für Gruppe 2 wurde der individuelle Nutzen hervorgehoben („Je mehr Menschen in Ihrer Umgebung geimpft sind, umso mehr sind Sie auch ohne Impfung geschützt“). Die Teilnehmer der Gruppe 3 erhielten Informationen sowohl zum sozialen, als auch zum individuellen Nutzen. Zusätzlich erhielten alle Probanden Informationen über die Impfkosten. Ihnen wurde entweder gesagt, dass sie sofort geimpft werden könnten (geringer Aufwand) oder dass sie einen Termin mit dem Krankenhaus vor Ort vereinbaren müssten und dass dieser Termin ca. drei Stunden Zeit in Anspruch nehmen würde (hohe Kosten).

Im Anschluss wurden die Teilnehmer zu ihrer Impfabsicht befragt („Wenn Sie die Möglichkeit hätten, sich nächste Woche gegen die Krankheit impfen zu lassen, wie würden Sie entscheiden?“).

Betonung des individuellen Nutzens fördert Trittbrettfahren

Es zeigte sich, dass die Impfabsicht abnahm, wenn in der Informationsphase der individuelle Nutzen betont wurde. Diese Art der Informationen führte demnach zu der Tendenz, sich für das Trittbrettfahren zu entscheiden. Die Kommunikation des sozialen Nutzens reduzierte das Trittbrettfahren und erhöhte die Impfabsicht, allerdings nur dann, wenn der Aufwand für die Impfung gering waren.

Internetforen beeinflussen die Risikowahrnehmung

Eine wachsende Anzahl von Menschen nutzt das Internet um sich über Gesundheitsthemen zu informieren. So auch bei Impfentscheidungen. Eine zweite Studie von Cornelia Betsch und ihren Kollegen aus Erfurt zeigt, dass Patienten-Foren die Impfentscheidung maßgeblich beeinflussen können, indem sie Informationen liefern, die zu einer verzerrten Risikowahrnehmung führen können. Betsch und ihre Kollegen untersuchten, wie statistische Informationen und Einzelfallberichte in Patienten-Foren die Impfentscheidungen beeinflussen. Es zeigte sich, dass Einzelfallberichte über reale oder angebliche Impfschäden zu einer erhöhten Wahrnehmung von Impfrisiken führen und die Impfbereitschaft senken. Auch Hinweise darauf, dass die Einzelfallinformationen verzerrt sind, reduzierten diesen Effekt nicht wesentlich.

„Eine verzerrte Risikowahrnehmung kann dazu führen, dass die Impfentscheidung eher ein soziales Dilemma wird: Man nimmt möglicherweise höhere Impfrisiken als Erkrankungsrisiken wahr und kommt so in Versuchung, sich eher auf den Schutz der „Herde“ zu verlassen“ sagt Cornelia Betsch. „Dieses Trittbrettfahrertum kann aber unserer Ansicht nach reduziert werden, wenn der soziale Nutzen von Impfungen kommuniziert wird.“

Die Originalstudien finden Sie hier:

Betsch, C., Böhm, R., & Korn, L. (2013). Inviting free-riders or appealing to pro-social behavior? Game theoretical reflections on communicating herd immunity in vaccine advocacy. Health Psychology, 32, 978-985.

Betsch, C., Renkewitz, F. & Haase, N. (2013). Effect of narrative reports about vaccine adverse events and bias-awareness disclaimers on vaccine decisions: A simulation of an online patient social network. Medical Decision Making, 33, 14-25.

Weitere Informationen:

PD Dr. Cornelia Betsch 
CEREB - Center of Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences 
Universität Erfurt
Nordhäuser Str. 63 
99089 Erfurt
E-mail: cornelia.betsch(at)uni-erfurt.de
Telefon: +49 361 737 1631 
Webseite: www.cornelia-betsch.de

Jun.-Prof. Dr. Robert Böhm
Juniorprofessur für Decision Analysis
RWTH Aachen 
Templergraben 64
52062 Aachen
Telefon: +49 241 80 97000 
E-mail:  robert.boehm(at)rwth-aachen.de
Webseite: www.robertboehm.info 

Ansprechpartnerin für die Presse:

Anne Klostermann
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
E-Mail: klostermann(at)dgps.de
Tel.: 030-28047718

DGPs_Pressemitteilung_10-03-2015.pdf

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