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Wie die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, unsere Gedanken beeinflusst

24.02.2015

Für gewöhnlich benutzen wir Sprache, um auszudrücken, was wir denken. Welchen Einfluss Sprache auf unsere Gedanken hat, wird seit vielen Jahren intensiv erforscht und kontrovers diskutiert. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, unsere bildliche Vorstellung maßgeblich beeinflusst.

"Paul schenkt Anna eine Blume". Wenn wir uns diesen Satz bildlich vorstellen, neigen wir dazu, unserer gewohnten Lese- und Schreibrichtung zu folgen. Wir stellen uns Paul, den Handelnden und das Subjekt des Satzes auf der linken Seite stehend und Anna als Empfängerin der Handlung bzw. Satzobjekt auf der rechten Seite vor. Wenn wir den Satz nachzeichnen sollen, zeichnen wir eine Handlung mit dieser Richtung. Die Tendenz, sich den Handelnden eines Satzes räumlich auf der linken Seite vorzustellen, ist in vielen Studien nachgewiesen worden. In Kulturen mit einer Lese- und Schreibrichtung von rechts nach links, wie z.B. im Arabischen, ist die Tendenz umgekehrt ausgeprägt. Kinder im Vorschulalter, die noch nicht Lesen und Schreiben gelernt haben, zeigen diese Tendenz fast noch gar nicht. "Wir wollten herausfinden, ob diese Eigenschaft der räumlichen Zuordnung, wie viele Sprachforscher vermuten, angeboren ist ", sagt Christian Dobel von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der die Studie geleitet hat. "Außerdem wollten wir wissen, welche Rolle die Satzstruktur einer Sprache, also die Stellung von Subjekt-Verb-Objekt, dabei spielt. Wird zum Beispiel das, was zuerst genannt wird (das Subjekt), auch zuerst wiedergegeben? Wir vermuteten, dass eine solche strikte Reihenfolge zu der Tendenz führen kann, sich den Handelnden des Satzes auf der linken Seite vorzustellen."

Experiment mit Analphabeten aus Yucatán und Veracruz

Um diese Fragen zu beantworten, untersuchten die Wissenschaftler insgesamt 24 Analphabeten aus verschiedenen Regionen Mexicos. Die Hälfte der Teilnehmer bestand aus Bewohnern der Halbinsel Yucatán in Mexiko, die Mayathan sprechen. Das Besondere an dieser Sprache ist, dass sie eine Verb-Objekt-Subjekt Struktur hat. Die andere Hälfte der Teilnehmer waren Mexikaner aus der Region Veracruz, die Spanisch sprachen - eine Sprache mit der uns vertrauten Subjekt-Verb-Objekt Struktur. 

Den Teilnehmern wurden 64 einfache Sätze in ihrer eigenen Sprache vorgelesen. Jeder Satz wurde einmal in aktiver und einmal in passiver Form (z.B. "Ein Junge wird von einem Mann gezogen"), einmal mit Bewegung vom Subjekt zum Objekt (z.B. "Ein Junge gibt einem Mädchen Blumen") sowie einmal mit Bewegung vom Objekt zum Subjekt dargeboten. Danach sollten die Probanden das Gehörte entweder zeichnerisch darstellen oder mit Hilfe von zwei Spielfiguren nachstellen, eine in der Sprachforschung häufig eingesetzte Aufgabenart. Die Zeichnungen bzw. Aufstellungen der Spielfiguren ermöglichen Einblicke in die gedankliche Vorstellungswelt der Befragten. Die Autoren untersuchten zwei Annahmen: 1. Wenn die Eigenschaft, die Satzbestandteile in einer bestimmten Weise räumlich anzuordnen, angeboren wäre, sollte sie auch bei Analphabeten auftreten. 2. Wenn der Satzbaustein, der zuerst gehört wird, auch in der gedanklichen Vorstellung zuerst auftaucht, sollten nur die spanischsprachigen Teilnehmer das Subjekt links einordnen. 

Räumliche Anordnung nicht angeboren

Die Analysen der Zeichnungen und Spielfigur-Anordnungen ergaben, dass keine der beiden Gruppen das Subjekt des Satzes systematisch einer bestimmten Seite zuordnete. Ob sich die Studienteilnehmer den Handelnden links oder rechts vorstellten, geschah rein zufällig. Die Autoren schließen daraus, dass es kein angeborenes Muster gibt, das die Satzbausteine in unserer Vorstellung einem bestimmten Ort zuweist. 

Lese- und Schreibfähigkeit formt die bildliche Vorstellung

Auch die verschiedenen Satzstrukturen des Spanischen und des Mayathans, also die Stellung von Subjekt-Verb-Objekt im Vergleich zu Verb-Objekt-Subjekt, hatten keinen Einfluss darauf, wie die Probanden das Subjekt anordneten. In vielen früheren Studien hatte sich der Effekt der gedanklichen Zuordnung des Satzsubjekts zu einer bestimmten Seite sehr deutlich gezeigt. Die Lese- und Schreibrichtung wird dabei als wichtiger Einflussfaktor angenommen. Alle diese früheren Studien haben jedoch gemeinsam, dass sie nur Menschen untersuchten, die lesen und schreiben konnten. "Das unterscheidet unsere Gruppen von denen aus früheren Studien", sagt Christian Dobel. "Auch in Untersuchungen mit Vorschulkindern hat man keine räumlichen Präferenzen finden können. Mit der Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, werden eine Reihe von mentalen Prozessen in Gang gesetzt. Wir gehen davon aus, dass auch unsere räumliche Vorstellungskraft maßgeblich davon beeinflusst wird. Interessanterweise ist das auch dann so, wenn die räumliche Richtung gar keine Rolle spielt." 

Die Originalstudie finden Sie hier:

Dobel, Ch., Enriquez-Geppert, St., Zwitserlood, P. & Bölte, J. (2014). Literacy shapes thought: The case of event representation in different cultures. Frontiers in Psychology, 5(290). doi: 10.3389/fpsyg.2014.00290.

Weitere Informationen:

PD Dr. Christian Dobel
Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse
Malmedyweg 15
Universität Münster
Tel: 0251 83 52430 
Email: cdobel(at)uni-muenster.de

Ansprechpartnerin für die Presse:

Anne Klostermann
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
E-Mail: klostermann(at)dgps.de
Tel.: 030-28047718

DGPs-Pressemitteilung_24-02-15.pdf

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