Mitteilungsdetail

Schlafen hilft Babys sich zu erinnern und Erlebtes zu verallgemeinern

17.02.2015

Babys lernen unentwegt. Ständig sind sie mit Neuem konfrontiert, und ständig begreifen sie mehr von der Welt, die sie umgibt. Das frühkindliche Gedächtnis nimmt dauernd neue Informationen auf und entwickelt sich mit rasanter Geschwindigkeit. Bisher war nur wenig darüber bekannt, welchen Einfluss Schlaf auf die frühkindliche Gedächtnisleistung hat. Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin, des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und der Universität Tübingen haben jetzt die Ergebnisse einer Studie in der Fachzeitschrift Nature Communications veröffentlicht, in der sie zeigen, dass Babys sich schon nach kurzen Schlafphasen besser an zuvor Gelerntes erinnern als ohne Schlaf - und ihr Wissen sogar auf neue Dinge übertragen.

Die Wissenschaftler untersuchten in einem Lernexperiment, wie Babys die Bedeutungen von neuen Wörtern erlernen. An ihrer Studie nahmen 90 Babys im Alter von 9 bis 16 Monaten teil.

In einer Trainingsphase lernten die Babys Namen von Objekten kennen. Dazu wurden ihnen wiederholt Bilder mit Fantasieobjekten gezeigt, denen jeweils ein gesprochenes Fantasiewort zugeordnet war. Die Forscher verwendeten Fantasieobjekte, um sicherzustellen, dass die Babys kein Vorwissen über die Bilder und Wörter hatten. Im Anschluss fand eine ein- bis zweistündige Erholungsphase statt, in der die Babys entweder einen Mittagsschlaf im Kinderwagen machten (Mittagsschlaf-Gruppe), oder wach blieben und entweder spazieren gefahren wurden oder im Untersuchungszimmer spielten (Wach-Gruppe).

In einer abschließenden Testphase wurden den Babys noch einmal die Fantasiebilder gezeigt und die Fantasienamen vorgesprochen - wobei  die Hälfte der Bilder zusammen mit dem richtigen Namen und die andere zusammen mit falschen Namen gezeigt wurde.

Hirnaktivität gibt Auskunft über das Gedächtnis

In allen drei Phasen wurde die Hirnaktivität der Babys mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) aufgezeichnet. Die Forscher werteten die Hirnaktivität aus und schauten sich bestimmte Aktivitätsmuster an, von denen bekannt ist, dass sie mit dem Verstehen von Wortbedeutungen zusammenhängen. Man kann also an der spezifischen Hirnaktivität sehen, ob ein Baby die Zusammengehörigkeit von einem Bild und einem Wort erkennt. Und tatsächlich, die Hirnaktivität der Babys, die geschlafen hatten, unterschied sich in der Testphase deutlich von der Hirnaktivität der Babys in der Wach-Gruppe. Die Babys der Mittagsschlaf-Gruppe zeigten EEG-Aktivitäten, die darauf schließen lassen, dass sie die Namen der Fantasiebilder erinnern (also unterschiedliche Aktivität bei falsch und richtig zugeordneten Namen). Babys, die wach geblieben waren, konnten dies nicht. Die neuen Wortbedeutungen waren also während des Schlafs vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen worden.

Babys verallgemeinern ihre Erfahrungen im Schlaf

Ein zweiter Teil des Experiments bestand darin zu untersuchen, wie Kinder Verallgemeinerungen, also Begriffe, erlernen. Dazu wurden jeweils ähnlichen Bildern die gleichen Fantasienamen zugeordnet und den Babys in der Trainingsphase vorgeführt. In der Testphase wurden den Babys neue Bilder gezeigt, die zu den zuvor gelernten Begriffen gehörten. Die Analysen der Hirnaktivität in der Testphase zeigen, dass nur Babys der Mittagsschlaf-Gruppe gelernte Namen auf neue, ähnliche Fantasieobjekte übertragen. Die Autoren schließen daraus, dass das frühkindliche Gehirn im Schlaf ähnliche Wortbedeutungen zusammenfasst und verallgemeinertes Wissen bildet, das in Form von neuen, sprachlich benannten Kategorien abgespeichert wird.

Darüber hinaus konnten die Forscher erstmals zeigen, dass bestimmte Hirnaktivitäten während des Schlafes, die sogenannten Schlafspindeln, schon bei ganz kleinen Kindern eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung spielen. Die Analysen ergaben, dass diejenigen Babys am besten verallgemeinern konnten, bei denen die Spindelaktivität während des Schlafes am stärksten war.

"Schlaf ist ein Zustand, in dem das Gehirn relativ ungestört ist" sagt Dr. Manuela Friedrich, die die Studie geleitet hat. "Dieser Zustand ermöglicht es Babys, Erlebtes zu ordnen, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern und dadurch neues Wissen zu bilden."

Weitere Informationen:

Dr. Manuela Friedrich
Humboldt Universität zu Berlin
Institut für Psychologie
Assoziiertes Mitglied des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften Leipzig
E-Mail: friedri@cbs.mpg.de

Die Originalstudie finden Sie hier:

Friedrich, M., Wilhelm, I., Born, J. & Friederici, A. (2015). Generalization of word meanings during infant sleep, Nature Communications, 6, 6004, doi:10.1038/ncomms7004.

Das zugrunde liegende Forschungsprojekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Ansprechpartnerin für die Presse:

Dr. Anne Klostermann
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle@dgps.de

DGPs-Pressemitteilung_17-02-2015.pdf

<- Zurück zu: Archiv


nach oben