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Wie entstehen Vorurteile?

06.02.2015

Ein Interview mit Prof. Juliane Degner, Sozialpsychologin und Vorurteilsforscherin an der Universität Hamburg.

Frage: Trotz der Auflösung der Pegida-Spitze finden nach wie vor in vielen Städten Demonstrationen statt. In der öffentlichen Diskussion geht es auch immer wieder um die Vorurteile, die von Vertretern der Gruppierungen geäußert werden. Frau Prof. Degner, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit der Entstehung von Vorurteilen. Für einen Überblicksartikel haben Sie über 130 Studien analysiert. Wie entstehen denn Vorurteile, z.B. gegenüber Migranten?

Prof. Degner: Das ist ein sehr komplexer Prozess. Wir haben zum einen eine starke Tendenz, das Eigene und Bekannte dem Anderen und Fremden vorzuziehen. Das lässt sich schon bei sehr jungen Kindern beobachten. Welche Abgrenzungen genau wir dabei vornehmen, hängt von Vielem ab: Wie sichtbar bzw. auffällig die Unterschiedlichkeiten von sozialen Gruppen sind, ob unterschiedliche Gruppen benannt werden (z.B. "die Ausländer") und wie Fremdgruppen in der Gesellschaft charakterisiert werden. Das führt jedoch nicht automatisch zu aktiver Ablehnung oder Ungleichbehandlung anderer Gruppen.

Frage: Was führt denn zur Ausgrenzung?

Prof. Degner: Hier spielen z.B. vorherrschende Normen im Umgang mit Anderen eine Rolle, aber auch die Wahrnehmung von Ressourcenknappheit und Konkurrenz zwischen Gruppen, oder echte Bedrohung. Dabei sind wir leider alles andere als objektive Beobachter, wir überschätzen zum Beispiel bei kleineren Gruppen - also Minderheiten - die Häufigkeit, mit der sie im Zusammenhang zu unerwünschten Verhaltensweisen erwähnt werden. Berichte über kriminelle Tätigkeiten von Migranten beeinflussen unsere Urteile beispielsweise stärker als positive Berichte. Dass hier eine zusätzliche Aufmerksamkeitsverzerrung in den Medien stattfindet, verstärkt solche Effekte. Letztendlich neigen wir auch dazu, gegebene negative Stereotype zu nutzen, um beobachtete Ungleichbehandlungen zu rechtfertigen. Höhere Arbeitslosenquoten unter Migrantinnen lassen sich leicht damit erklären, dass sie weniger kompetent oder fleißig seien, statt über systematische Diskriminierung nachdenken zu müssen. Das hilft unser Wunschbild einer fairen und kontrollierbaren Welt aufrechtzuerhalten.

Frage: Welche Rolle spielen die Eltern bei der Entstehung von Vorurteilen?

Prof. Degner: Erste Forschungen nahmen an, dass vor allem der elterliche Erziehungsstil grundlegend für die Entwicklung von Vorurteilen sei. Heute wissen wir, dass das Bild komplexer ist. Der Einfluss der Eltern ist dabei relativ gering und hat keine herausgehobene Rolle im Vergleich zu den Einflüssen anderer Sozialisationsfaktoren, wie der Schule, dem Freundeskreis, den Medien oder einem gesamt-gesellschaftlichen Klima.

Frage: Warum ist der Einfluss der Eltern so gering?

Prof. Degner: Ein Grund könnte darin liegen, dass Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen oft durch unbeabsichtigte und ungesteuerte Vorbildfunktionen vermittelt werden. So scheinen Kinder z.B. aus dem, wie sich die Eltern verhalten, viel mehr Informationen zu ziehen als daraus, was die Eltern sagen. Das bedeutet nicht, dass Kinder ihren Eltern nicht ähneln oder Eltern keinen Einfluss haben können. Die Eltern müssten dafür aber ihre eigenen Einstellungen gegenüber anderen Gruppen explizit offenbaren und erklären, was eher selten geschieht.

Frage: In einer nicht-repräsentativen Umfrage der Universität Leipzig ist herausgekommen, dass der typische Pegida-Anhänger aus der Mittelschicht kommt und gut gebildet ist. Wurde ein solcher Zusammenhang auch in den von Ihnen analysierten Studien untersucht?

Prof. Degner: Die Autoren dieser Umfrage haben aus gutem Grund die geringe Bereitschaft zur Teilnahme an Ihrer Untersuchung angegeben, die an der Repräsentativität der Ergebnisse für den typischen Pegida-Anhänger zweifeln lässt. Auch sind die Einstellungen und Forderungen der Demonstrierenden zu vielseitig um alle über einen Kamm zu scheren.

Frage: Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen Bildungsstand und Vorurteilen?

Prof. Degner: In vielen großangelegten Studien wurde tatsächlich ein entgegengesetzter Zusammenhang beobachtet: ein geringerer Bildungsstand ist oft mit stärkeren Vorurteilen und der Ablehnung verschiedener Fremdgruppen verbunden. Mehr Wissen und Bildung sind oft mit einem höheren Ausmaß an Toleranz verbunden, der Zusammenhang darf jedoch auch nicht nicht überschätzt werden.
Ich denke auch, dass zeitliche Faktoren bzw. die Eigendynamik an Bewegungen wie Pegida o.ä. nicht außer Acht gelassen werden dürfen: So steigt beispielsweise die Bereitschaft negative Vorurteile zu äußern und zu legitimieren dann, wenn Menschen sich als zugehörig zu definierten Gruppen oder Bewegungen wahrnehmen - etwas, das wir in den letzten Wochen ganz deutlich beobachten konnten. Meine Vermutung ist, dass solche offenen Äußerungen von Fremdenfeindlichkeit wieder seltener werden, sollte sich Pegida als "Namensschild" auflösen - das heißt jedoch nicht, dass die Vorurteile damit verschwinden.

Die dem Interview zugrunde liegende Originalstudie finden Sie hier:

Degner, J. & Dalege, J (2013). The apple does not fall far from the tree, or does it? Parent-child similarity in intergroup attitudes. Psychological Bulletin, 139, 1270-1304

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Juliane Degner
Universität Hamburg
Sozialpsychologie
Von-Melle-Park 5
20146 Hamburg
E-Mail: juliane.degner@uni-hamburg.de

Das Interview führte:
Dr. Anne Klostermann
Deutsche Gesellschaft für Psychologie
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Marienstr. 30
10117 Berlin
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle@dgps.de

DGPs_Pressemitteilung_06-02-2015.pdf

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