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Die Psychologie der Wahlentscheidung: Aspekte des Wählerverhaltens

17.09.2013

Ein Gespräch mit Gerd Gigerenzer

Wie treffen Menschen ihre Wahlentscheidung? Welche psychologischen Faktoren oder Perspektiven spielen dabei eine Rolle und wie werden diese Faktoren in der psychologischen Wissenschaft untersucht? „Fest steht: Wahlentscheidungen sind eine komplexe Angelegenheit“, so Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs).

Dieser Moment allein in der Wahlkabine: die Frage, wen soll ich wählen? Der Bleistift, der im letzten Moment das Kreuz vielleicht ganz anders setzt, als zuvor beabsichtigt. „Was in der Kabine passiert, das ist nicht gut untersucht,“ sagt Prof. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. „Viele Leute wissen bis zur Wahlkabine nicht richtig, was sie wählen sollen. Sie haben vielleicht eine engere Auswahl getroffen, aber sich noch nicht auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin festgelegt.

Aus den Politikwissenschaften wissen wir in diesem Zusammenhang von einem bemerkenswerten Phänomen: Menschen, die in einer Demokratie leben und ihre Regierung wählen können, verfügen erstaunlicherweise über ein geringes Wissen über ihr politisches System, die Parteien, Kandidaten und ihre politischen Ziele.“ Gerd Gigerenzer nennt als Beispiel die Präsidentschaftswahl 1992 in den USA. Von allen Dingen, die man damals über George H. W. Bush wusste, war die Tatsache am bekanntesten, dass er Brokkoli hasste. Ebenso kannten fast alle Amerikaner den Namen seines Hundes: Millie. Dagegen wussten nur 15 % der Amerikaner, dass sowohl Bush als auch sein Gegner Clinton die Todesstrafe befürworteten.

Hier eine Übersicht über Aspekte des Wählerverhaltens, die in der psychologischen Forschung untersucht wurden:

Der eindimensionale Wähler

Gerd Gigerenzer führte vor längerer Zeit, als die Grünen eine neue Partei waren, eine Studie durch, die in der Zeitschrift „Sozialpsychologie“ unter dem Titel „Der eindimensionale Wähler“ publiziert wurde. Der Studie zufolge orientieren sich die Menschen im Parteiensystem über sogenannte Links-Rechts-Skalen, auf denen man die Parteien wie auf einer Perlenkette anordnet. Kommt eine neue Partei wie die Grünen hinzu, fragen sich die Wähler: wie kann man diese Partei einordnen, wo gehören die hin?

„Das Interessante ist,“ so Gigerenzer, „dass die Wähler die Grünen schon ganz am Anfang dort untergebracht hatten, wo sie aus ihrer persönlichen Sicht hin passten. Für manche waren sie als „Försterpartei“ ziemlich rechts, für andere waren sie ganz links und dann wieder in der Mitte in das alte Schema mit hineingequetscht. Stellen Sie sich eine Perlenkette vor, die über den linken Flügel über SPD, FDP, CDU, CSU bis zur NPD geht,“ erklärt der Psychologe Gigerenzer. „Wenn ein Wähler die Grünen z.B. zwischen SPD und FDP einreiht, dann kann man vorhersagen, wie der gleiche Wähler die Parteien in ihrer ökologischen Dimension einschätzt. Denn wenn Sie diese Kette hier nehmen, dort wo die Grünen sind, und hochhalten, geht es von links und rechts weg und die nächsten Parteien sind dann die ökologischen. 

Das System vieler Wähler ist also eindimensional: je nachdem wo eine Partei steht, die mit einem bestimmten Einfluss markiert ist, ergibt sich die Rangfolge der anderen Parteien.

Entscheidungsstrategien

Treffen Wähler ihre Wahlentscheidungen eher aufgrund umfassender Informationen, die sie über Kandidaten, Parteien und die Haltung zu Sachthemen eingeholt und dann bewertet und abgewogen haben? Oder treffen sie ihre Entscheidungen eher nach Faustregeln, so genannten Heuristiken? In der psychologischen Forschung werden die verschiedenen Entscheidungsstrategien untersucht. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei den heuristischen Strategien, denn oft wird, aus unterschiedlichen Gründen, eine Abkürzung auf dem Weg zur Entscheidung genommen. Hier einige Beispiele im Hinblick auf Wahlentscheidungen:

Parteiwähler identifizieren sich mit einer Partei, sind mit ihr emotional verbunden und vielleicht sogar Mitglied. „Sie ignorieren gegenteilige Information und wählen immer diese eine Partei. Oder sie suchen nach einem guten Grund, sie zu wählen“, erklärt Gerd Gigerenzer.

Im Vergleich dazu gehen Wechselwähler zunächst sachlich vor und sammeln Informationen zu Parteien, Kandidaten und Standpunkten. „Da sie aber in der Informationsfülle nicht alles gewichten und aufaddieren können, kürzen sie ab: Sie versuchen herauszufinden, welche Aspekte ihnen persönlich am wichtigsten sind und wer diese vertritt. Darauf gründet am Ende die Wahlentscheidung der Wechselwähler“, so Gerd Gigerenzer weiter. „Und obwohl der Wechselwähler oft als nicht so zuverlässig oder gar zweitklassig gilt, ist natürlich ein Wähler, der nach inhaltlichen Gesichtspunkten und nicht nach Parteienidentifikation wählt, der demokratischere Wähler.“ 

Eine dritte Strategie verfolgt der soziale Wähler: er wählt das, was sein soziales Umfeld wählt. 

Zu den heuristischen Strategien gehört auch die von Gerd Gigerenzer und seinen Kollegen beschriebene Wiedererkennungs- oder Rekognitionsheuristik. Sie kürzt den Weg zur Wahlentscheidung so ab: Erkennt ein Wähler im Wahlprogramm einer Partei ein für ihn wichtiges Anliegen deutlicher wieder als in einer anderen Partei, wählt er die Partei sehr wahrscheinlich ohne Prüfung ihrer weiteren politischen Anliegen. Von diesem Wahlverhalten profitieren vor allem kleine Parteien, die sich auf ein Thema spezialisieren. 
Basierend auf der von Gerd Gigerenzer und Kollegen beschriebenen Rekognitionsheuristik können Psychologen das Wahlergebnis für kleinere Parteien, wie die Alternative für Deutschland, relativ genau vorhersagen.

Das alles sind heuristische Strategien: man sucht sich einen guten Grund oder man will so sein wie die anderen - oder man sucht sich einfach eine Partei und braucht gar keinen Grund.

Einer systematischen und damit nicht heuristischen Strategie folgen andere Wähler: Sie sammeln Informationen, um ihre Wahlentscheidung auf eine sachliche Basis zu stellen. Ihre Entscheidung fällt für die Partei, die für sie persönlich den besten Grund oder die besten Gründe liefert. 

„Die Mischung dieser Strategien finden wir in der Republik,“ fasst Gigerenzer zusammen.

Unsicherheit und fehlende Informationen

Auch die Unsicherheit spielt im Wahlverhalten eine große Rolle. „Es gibt heute verschiedene Formen von Unsicherheiten,“ sagt Gigerenzer. „Wir haben eine Situation, in der die zentralen Parteien, also die SPD und die CDU sich immer ähnlicher geworden sind und sich auch Themen weggenommen haben. Der Umstand, dass die CDU die Atomwende geschafft hat und nicht die SPD, oder dass die SPD die Agenda 2010 durchgeführt hat und nicht die CDU sind Beispiele, die manche Wähler verunsichern. Andere Quellen von Unsicherheit haben damit zu tun, dass die Informationsvermittlung im aktuellen Wahlkampf nicht im Vordergrund steht. Auf den Wahlplakaten etwa, finden Sie kaum noch Informationen. Auch die TV-Wahl-Debatte bot den Zuschauern keine stichhaltigen Informationen.“ 

Denkbar ist, dass aufgrund solcher Unsicherheiten der Aspekt des Vertrauens in eine Partei oder in einen Kandidaten eine größere Rolle spielt. 2013 könnten also zahlreiche Wahlentscheidungen auf sozialen Heuristiken basieren. „Der Wähler, der sich mit einer Partei identifiziert und sie deshalb wählt, ist natürlich jemand, der blind vertraut: dieser, seiner Partei, egal, was immer sie tun.“ erklärt der Psychologe.

Alternativ suchen Wähler das Vertrauen in ihrem sozialen Umfeld. „Ein Wähler, der sich an seiner Gruppe orientiert und wählt, was seine Gruppe wählt, vertraut einfach seinem Umfeld“, so Gigerenzer. 

Literatur

Gerd Gigerenzer
Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition.
Darin auch: Der Eindimensionale Wähler (S.150ff) München: Bertelsmann, 2007
 ISBN-10: 3442155037
ISBN-13: 978-3442155033

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