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Neue Therapien helfen Schlaganfall-Patienten in ihrer Wahrnehmung: Klinische Neuropsychologen der Universität des Saarlandes haben neue Studien zu Therapieverfahren vorgestellt

17.09.2013

Der Schlaganfall zählt mittlerweile zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland. Bei vielen Betroffenen bleiben oft schwere Folgeschäden zurück, viele Patienten leiden an Störungen des Körperempfindens. So nehmen sie eine Körperhälfte nur schlecht oder gar nicht mehr wahr und vernachlässigen sie.

Der Neglect, dessen Synonym für Vernachlässigung steht, bezeichnet die Nichtbeachtung einer Raum- und Körperhälfte infolge eines Schlaganfalls. Die Störung betrifft häufig mehrere Sinnesmodalitäten, d.h. die Patienten können beispielsweise eine Körperhälfte nicht mehr wahrnehmen und haben Probleme beim Sehen, Hören oder Fühlen auf dieser Seite. Zudem können die meisten Betroffenen ihren Gesundheitszustand nicht richtig einschätzen und verleugnen ihn sogar. Psychologen der Universität des Saarlandes um Professor Georg Kerkhoff haben nun neue Therapieverfahren entwickelt, die Patienten helfen, wieder ein Gespür für den linken Arm und die linke Hand zu entwickeln oder auch eine wirksamere Behandlung der visuellen und akustischen Neglectphänomene ermöglichen.

Bei einem Schlaganfall können wichtige Teile des Gehirns für immer geschädigt werden. In der Folge sind viele Betroffene ein Leben lang auf Hilfe angewiesen. „Oft kommt es zur Vernachlässigung von Geräuschen, Personen oder Bildern auf einer Seite. Diese Störung bezeichnet man als Neglect, die in verschiedenen Sinnesmodalitäten auftreten kann“, erklärt Professor Georg Kerkhoff von der Klinischen Neuropsychologie an der Universität des Saarlandes. „Diese Phänomene treten insbesondere dann auf, wenn die rechte Gehirnhälfte geschädigt ist und betreffen dann die linke Raum- oder Körperseite.“ Hinzu komme noch, dass diese Patienten ihre gesundheitliche Situation oft nicht richtig einschätzen können und sie sogar leugnen. Experten sprechen hierbei von der sogenannten Unawareness. „Diese verschlechtert zum einen die Heilungschancen und macht zum anderen eine Behandlung schwierig“, so der Forscher weiter. „Eine wirksame Therapie für diese Patienten-Gruppe gibt es bislang nur ansatzweise.“

Wirksame Behandlung des Neglectsyndroms

Die Saarbrücker Neuropsychologen haben nun ein neuartiges Therapieverfahren entwickelt, das sie in zwei Studien getestet haben. Bei der sogenannten Optokinetischen Stimulationstherapie (OKS) zeigen die Wissenschaftler den Patienten Punktewolken in verschiedenen Farben auf einem Bildschirm. Dabei wandern diese mit gleichbleibender Geschwindigkeit horizontal von der einen Seite des Bildschirms zur anderen. Der Proband muss die Bewegung der Punkte mit seinen Augen verfolgen, wobei darauf Rücksicht genommen wird, welche Körperseite des Patienten beeinträchtigt ist. „Ist die linke Seite betroffen wandert das Symbol auf dem Bildschirm von rechts nach links“, erklärt der Professor. Das heißt auch, die Symbole bewegen sich von der gesunden Körperseite zur vernachlässigten. „Die Patienten machen Augenfolgebewegungen zur vernachlässigten Seite und nehmen diese besser wahr“, ergänzt Kerkhoff.

Vergleichende Studien

Um zu überprüfen, wie effizient die Methode ist, haben die Forscher das Verfahren mit dem sogenannten Visuellen Explorationstraining (VET), dem bislang vorrangig angewendeten Therapieverfahren für Patienten mit Neglect, in einer Studie mit 50 Teilnehmern verglichen. „Bislang haben Patienten bei Therapien wie dem VET nur starre Muster zu sehen bekommen“, erklärt Kerkhoff. „In der Regel können sie aber besser Bewegungen wahrnehmen.“ Denn hierbei werden bei den Schlaganfall-Patienten Hirnregionen aktiviert, die dafür sorgen, dass überhaupt eine Blickbewegung erfolgt und dass die Aufmerksamkeit auf die vernachlässigt Körperseite gerichtet wird. „Nach fünf OKS-Sitzungen konnten die Teilnehmer wieder besser Geräusche und Bilder auf der vernachlässigten Seite wahrnehmen“, berichtet der Saarbrücker Psychologe. „Dies zeigt, dass die Therapie auch crossmodal wirkt. Die Behandlungseffekte hielten auch bei den Nachuntersuchungen an.“ Bei VET verbesserten sich die Symptome hingegen nicht. 

Alltagsbewältigung

In einer weiteren Studie konnten die Wissenschaftler sogar zeigen, dass OKS nicht nur die Sinne schult, sondern auch hilft, mit alltäglichen Problemen, wie etwa dem Finden von Gegenständen auf der vernachlässigten Seite oder der Orientierung, klarzukommen. Darüber hinaus konnten die Patienten ihren Gesundheitszustand nach der Therapie auch besser einschätzen und haben ihre Krankheit nicht mehr verleugnet.

„OKS stellt eine sehr wirkungsvolle Behandlungsmethode dar“, fasst Kerkhoff die Ergebnisse der Studien zusammen. „Sie beschleunigt die Erholung und kann schon früh in der Rehabilitation zum Einsatz kommen, insbesondere bei Neglectpatienten mit ausgeprägter Unawareness.“

Eine weitere neue Therapie hilft Schlaganfall-Patienten die linke Körperseite besser wahrzunehmen

Die Störungen des Körperempfindens als häufigste Folgen eines Schlaganfalls können sich auch so bemerkbar machen, dass die Patienten z.B. auch schmerzhafte Berührungen auf der vernachlässigten Seite nicht beachten. Sie wissen nicht genau, wo sich ihr gelähmter Arm befindet oder benutzen diesen Arm (zu) selten oder gar nicht mehr, auch wenn er eine gewisse motorische Restfunktion aufweist. „Bei gleichzeitiger Berührung auf beiden Körperhälften bemerken sie oft nur die Berührung auf der ‚guten‘ Seite“, berichtet die Diplompsychologin Lena Schmidt, die als DFG-Stipendiatin im Internationalen Graduiertenkolleg „Adaptive Minds“ bei Professor Georg Kerkhoff in der Klinischen Neuropsychologie forscht. „Obgleich diese Phänomene die Patienten sehr in ihrem Alltag beeinträchtigen, gibt es bislang keine wirksamen Ansätze für ihre Behandlung.“

Stimulation des Gleichgewichtssystems

Schmidt hat im Rahmen ihrer Dissertation zusammen mit Ingenieuren der Hochschule Karlsruhe neue Diagnose- und Therapie-Möglichkeiten für solche Störungen entwickelt und erprobt. Die Forscher haben die so genannte Galvanisch-Vestibuläre Stimulation (GVS) in zwei Studien näher untersucht. Diese Methode stimuliert das Gleichgewichtssystem durch schwache elektrische Ströme hinter den Ohren. Für ihre Versuche haben die Wissenschaftler sowohl Schlaganfall-Patienten (mit und ohne entsprechende Störung) als auch eine vergleichbare Gruppe gesunder Personen untersucht.

In der ersten Studie haben sie zunächst den sogenannten Armpositionssinn bei 22 Patienten überprüft. Hierfür haben sie jeweils bei beiden Armen mit einem präzisen, neuentwickelten optoelektronischen Gerät, gemessen, ob die GVS-Methode eine Änderung bewirkt. „Wir haben zusätzlich untersucht, ob die Effekte auch 20 Minuten nach der Stimulation noch gemessen werden können“, ergänzt die Neuropsychologin. „Insgesamt konnten wir zeigen, dass die Störung des Armpositionssinns durch GVS deutlich gemildert wird. Die Patienten haben nach der Stimulation ähnliche Werte wie die Personen der Kontrollgruppe erzielt und konnten die Lage des linken Armes besser einschätzen. Diese Verbesserung blieb auch 20 Minuten nach der Stimulation bestehen.“

Reize auf der Hautoberfläche

In einer weiteren Studie hat das Team um Lena Schmidt untersucht, ob GVS die Empfindung an den Händen verbessern kann. Dazu haben sie zunächst bei zwölf Patienten, die bei gleichzeitiger Berührung der linken und rechten Hand, nur die Reize auf der rechten, gesunden Hand wahrnehmen und die auf der linken Hand vernachlässigten, die sogenannte Extinktionsrate ermittelt. „Dieser Wert gibt an, wie stark die Vernachlässigung der linken Reize ausgeprägt ist“, erklärt Schmidt den Versuch. „Dafür haben wir beide Handrücken mit unterschiedlichen Materialien, wie Seide oder Sandpapier, stimuliert.“ In der Folge erhielten sechs Patienten GVS, die sechs anderen Probanden nicht. „Auch hier konnten wir eine deutliche Verbesserung feststellen, sogar drei Monate nach der Stimulation waren die Effekte noch messbar“, kommentiert die Forscherin die Ergebnisse. „Für beide Störungen gab es bislang noch keine wirksame Therapie. Unsere Studien belegen, dass die GVS Schlaganfall-Patienten künftig helfen könnte, ihr Empfinden für den eigenen Körper zu verbessern. Sie stellt somit eine vielversprechende Methode für die neurologische Rehabilitation dar.“

Weitere Infos:

Dipl. Psych. Lena Schmidt
Universität des Saarlandes
International Research Training Group 1457 „Adaptive Minds“, 
Lehrstuhl Klinische Neuropsychologie u. Neuropsychologische Universitätsambulanz 
E-Mail: lena.schmidt(at)mx.uni-saarland.de
Tel.: +49 681 302 57385 

Univ.-Prof. Georg Kerkhoff
Lehrstuhl Klinische Neuropsychologie u. Neuropsychologische Universitätsambulanz 
Gebäude A.1.3.,
D-66123 Saarbrücken
E-Mail: kerkhoff(at)mx.uni-saarland.de
Tel.: +49 681 302 57380

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