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Internetabhängigkeit ist gut behandelbar

06.02.2013

Weltweit wird Internetsucht zunehmend als eigenständige psychische Störung angesehen

Internetsucht ist gut mit Psychotherapie oder Medikamenten zu behandeln. Zu diesem Ergebnis kommt eine Metaanalyse der Arbeitsgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Marburg aus der Arbeitsgruppe um Dr. Julia A. Glombiewski. Die Studie gibt erstmals einen internationalen Überblick über den Stand der Forschung zur Internetsucht und ihren Behandlungsmöglichkeiten. Sie ist ab sofort online verfügbar und erscheint in der Ausgabe 33/2 (März 2013) der „Clinical Psychology Review“.
„Die Internetsucht wird weltweit mehr und mehr als eigenes Krankheitsbild angesehen. Größere Behandlungserfolge zeigten sich vor allem bei individuellen Behandlungsansätzen und wenn die Teilnehmer weiblich, älter und/oder in einem westlichen Land beheimatet waren“, fassen die Erstautoren Beate Dörsing und Alexander Winkler die Ergebnisse der Studie zusammen.

Offene Fragen

Allerdings, so zeigt die Studie auch, gibt es noch keine einheitlichen Diagnose- und Behandlungskriterien für die Internetsucht. Nach wie vor wird unter Fachleuten auch diskutiert, ob sie als eigenständige psychische Störung oder als Symptom einer anderen Grunderkrankung, wie beispielsweise einer Depression oder Angststörung, anzusehen ist. „Die Studie zeigt deutlich, dass es angesichts der zunehmenden Fallzahlen und der zahlreichen offenen Fragen einen erheblichen Forschungsbedarf gibt“, so Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs).

Fallzahlen im internationalen Vergleich

Verschiedene europäische und nordamerikanische Studien gehen davon aus, dass 1,5 bis 8,2 Prozent der Gesamtbevölkerung betroffen sind. In China wurde der Anteil Internetsüchtiger unter den Erwachsenen sogar auf 13,7 Prozent geschätzt. In Südkorea gilt die Internetsucht als eine der größten Gesundheitsgefahren, nachdem eine Serie von zehn Todesfällen durch Atem- und Kreislaufstillstand in Internetcafés sowie Morde mit Bezug zu Online-Spielen bekannt geworden waren.

Die Studie

Die Autoren der Metaanalyse, Alexander Winkler, Beate Dörsing, Winfried Rief, Yuhui Shen und Julia A. Glombiewski suchten weltweit nach Studien zur Behandlung von Internetsucht. Dabei berücksichtigten sie auch asiatische Studien, denn vor allem im China und Korea gibt es verhältnismäßig viele Veröffentlichungen zu dem dort noch stärker verbreiteten Phänomen der exzessiven Internetnutzung. Ihre Ergebnisse basieren auf 16 Studien mit insgesamt 670 Probanden.

Im Hinblick auf Behandlungserfolge wurden die Kriterien „Internetsucht“, „Online verbrachte Zeit“, „Depression“ und „Ängste“ untersucht. Dabei zeigte sich, dass unabhängig von Kultur, Design und Qualität der jeweiligen Studie sowohl psychologische als auch medikamentöse Behandlungen das Suchtverhalten hinsichtlich der Mehrzahl aller untersuchten Aspekte verringern konnten.

Unterschiedliche Behandlungserfolge

Allerdings nennen die Autoren einige interessante Unterschiede: So sind die Behandlungserfolge in Studien mit einem größeren Anteil weiblicher Teilnehmer höher als in den übrigen Studien. Die Wissenschaftler führen dieses Ergebnis darauf zurück, dass Frauen und Männer sich hinsichtlich der Internetnutzung unterscheiden: Frauen suchen eher Kommunikation und Männer eher Information im Internet. Das Bedürfnis der Frauen könne eher durch Aktivitäten jenseits des Internets ersetzt werden, deshalb seien die Behandlungserfolge größer.

Darüber hinaus weisen nordamerikanische Studien größere Behandlungserfolge aus als chinesische und koreanische. Hier führen die Autoren an, dass das Internet in den durch kollektivistische Werte geprägten asiatischen Staaten den jungen Menschen die Möglichkeit der Entwicklung einer individuellen Persönlichkeit biete. Der Therapieerfolg einer geringeren Internetnutzung bedeute deshalb für junge Asiaten einen größeren Verlust als für die Patienten westlicher Staaten. Auch haben Internetspiele in asiatischen Ländern einen höheren Stellenwert als in westlichen Kulturen: In Korea gibt es drei professionelle Online-Spielligen, zwei Spiel-Stadien und zwei Fernsehprogramme, die auf Online-Spiele spezialisiert sind.

Anzeichen gibt es auch dafür, dass eine individuelle Behandlung besser anschlägt als eine Gruppentherapie und dass die Behandlungserfolge größer sind, je älter die Probanden sind. Bei den psychologischen Methoden ist die kognitive Verhaltenstherapie anderen psychologischen Verfahren hinsichtlich der Reduktion von depressiven Symptomen und der online verbrachten Zeit überlegen.

Internetsucht als eigene psychische Störung

Insgesamt zeige sich, so die Wissenschaftler, dass in der klinischen Praxis die Internetsucht zunehmend als eigenständige psychische Störung angesehen werde. 2012 schlug die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung vor, die Bezeichnung „Internetnutzungsstörung“ als Forschungsdiagnose (weitere Forschung ist notwendig bevor erwogen werden kann das Phänomen als Störung zu betrachten) einzuführen. Sie definierte dafür folgende Kriterien:


  • Intensive Beschäftigung mit dem Internet.
  • Entzugserscheinungen bei der Verhinderung der Internetnutzung.
  • Toleranz, d. h. eine immer längere Nutzungsdauer, um ein Hochgefühl zu erleben.
  • Erfolglose Versuche, die Internetnutzung zu kontrollieren.
  • Trotz Kenntnis psychosozialer Probleme weitere übermäßige Internetnutzung.
  • Verlust anderer Interessen.
  • Internetnutzung, um schlechter Stimmung zu entkommen oder sie zu verbessern.
  • Beschwindeln der Mitmenschen über die Dauer der eigenen Internetnutzung.
  • Verlust oder drohender Verlust einer bedeutenden Bildungs- oder Karrierechance.

Die Studie „Treatment of internet addiction: A meta-analysis“ ist online verfügbar :
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0272735813000020
Akkreditierte Journalisten erhalten auf Anfrage unter newsroom(at)elsevier.com eine kostenlose Kopie der Studie.

Die „Clinical Psychology Review“ erscheint bei Elsevier B.V..
Informationen zu Elsevier und der „Clinical Psychology Review“ finden Sie hier:
http://www.elsevier.com/
http://www.journals.elsevier.com/clinical-psychology-review/


Kontakt:
Dr. Julia Anna Glombiewski
Philipps-Universität Marburg
Klinische Psychologie und Psychotherapie
Tel.: 06421-282 3617
Email: glombiew(at)staff.uni-marburg.de

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