Laudatio PD Dr. Klaus Oberauer

Klaus Oberauer erhält den Charlotte und Karl Bühler-Preis für seine Arbeiten zur Kognitionspsychologie und zur psychometrischen Intelligenz-Forschung. Die Arbeiten von Oberauer lassen sich zwei Feldern zuordnen, die sich gegenseitig befruchten. Zum einen hat sich Oberauer kontinuierlich mit Fragen des Arbeitsgedächtnisses aus experimenteller und differentialpsychologischer Sicht auseinandergesetzt; zum anderen hat er eine Reihe aufeinander bezogener Arbeiten zum deduktiven Denken vor dem Hintergrund der Theorie mentaler Modelle vorgelegt.

In jüngerer Zeit hat Oberauer ein Modell vorgelegt, das Struktur und Funktion des Arbeitsgedächtnisses präzisiert. In diesem Modell wird das Arbeitsgedächtnis als ein System verstanden, das den selektiven Zugriff auf Repräsentationen im Langzeitgedächtnis organisiert. Dies geschieht auf drei Ebenen, die zugleich drei Stufen der Auswahl einer Repräsentation darstellen. Auf einer Stufe werden Repräsentationen aktiviert, die potentiell für anstehende kognitive Aufgaben relevant sind; dies geschieht durch die Ausbreitung von Aktivierung in einem assoziativen Netzwerk. Auf der zweiten Stufe wird eine kleine Zahl von Repräsentationseinheiten in den Bereich des direkten Zugriffs aufgenommen, in dem sie kurzfristig an Positionen in einem mentalen Koordinationssystem gebunden werden. Die Elemente im Bereich des direkten Zugriffs bilden eine Kandidatenmenge für die dritte Stufe, bei der eines der Elemente in den Fokus der Aufmerksamkeit genommen wird und dadurch als Gegenstand der jeweils nächsten kognitiven Operation ausgewählt wird.

Besonders hervorzuheben ist eine Arbeit Oberauers aus dem Jahre 2002, erschienen im Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition. Darin entwickelt er eine originelle experimentelle Anordnung im Bereich der mentalen Arithmetik, die es ihm ermöglicht, an Hand der Bearbeitungslatenzen und der Bearbeitungsgenauigkeit zwischen den postulierten Komponenten des Arbeitsgedächtnisses zu trennen. Tatsächlich zeigen sich die erwarteten Dissoziationen. Die Arbeit demonstriert beispielhaft das stringente theoretische Argumentieren Oberauers wie auch sein methodisch sauberes und experimentell geschicktes Vorgehen.

Klaus Oberauer hat bereits als junger Wissenschaftler zwei Forschungsstränge zu aktuellen Fragen der kognitiven und differentiellen Psychologie angestoßen und sie mit großer Dynamik entfaltet hat. In Anerkennung dieser Leistung verleiht ihm die Deutsche Gesellschaft für Psychologie den Charlotte- und Karl-Bühler-Preis 2004.


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