Laudatio PD Dr. Thomas Mussweiler

Thomas Mussweiler erhält den Charlotte und Karl Bühler-Preis für seine Arbeiten zur psychologischen Dynamik von Vergleichprozessen. Die große Bedeutung, die Vergleiche für unterschiedliche Bereiche des Erlebens und Verhaltens haben, wurde von der psychologischen Forschung schon früh erkannt. Gleichwohl waren die exakten psychologischen Prozesse, die Vergleichsprozessen zugrunde liegen, lange Zeit nur unzureichend erklärt. Die Forschung von Thomas Mussweiler hat geholfen, diese Lücke empirisch und theoretisch zu schließen. Unter Heranziehung grundlegender psychologischer Mechanismen selektiver Hypothesentestung und kognitiver Zugänglichkeit hat er ein umfassendes und integratives Modell zur Klärung von Vergleichsprozessen entwickelt und empirisch überprüft. Seine Forschung identifizierte dabei zwei elementare Vergleichsprozesse, die im Wechselspiel die mannigfachen Konsequenzen von Vergleichen bestimmen. Sie erlaubt es, eine Vielzahl klassischer Phänomene der psychologischen Forschung zu erklären, etwa einen der stärksten und robustesten Einflüsse auf menschliche Urteile: den von Tversky und Kahneman identifizierten “Ankereffekt”. Ebenso lassen sich seit annähernd 50 Jahren bestehende scheinbare Widersprüche im Forschungsbereich der sozialen Vergleichsprozesse durch Mussweilers Arbeiten auflösen. Seine Forschung erlaubt es, scheinbar disparate Befunde auf einen gemeinsamen theoretischen Rahmen zu beziehen und ermöglicht somit eine breite Integration psychologischer Forschung.

Das Forschungsprogramm Mussweilers hat bereits eine Reihe unterschiedlicher Forschungsgebiete der Psychologie beeinflusst. Im Bereich der Urteils- und Entscheidungsforschung stellen Mussweilers Arbeiten zu Ankereffekten ein einflussreiches Erklärungsmodell dar. Ankereffekte beeinflussen menschliche Urteile und Entscheidungen in einer Vielzahl unterschiedlicher Kontexte, so dass Mussweilers Arbeiten auch Eingang in verschiedene Anwendungsgebiete gefunden hat. In der Verhandlungsforschung konnte zum Beispiel der Einfluss des ersten Gebotes auf das Verhandlungsergebnis auf die von Mussweiler identifizierten Prozesse zurückgeführt werden. Im Bereich der Rechtspsychologie wurden Mussweilers Arbeiten herangezogen, um ungewollte Einflüsse auf richterliche Strafzumessungen zu erklären. In der Konsumentenpsychologie lassen sich die Effekte von Referenzpreisen sowie von vergleichender Werbung durch Mussweilers Ankererklärung abbilden. In der sozialpsychologischen Forschung werden Mussweilers Arbeiten verwendet, um so unterschiedliche Phänomene wie soziale Vergleichsprozesse, kontrafaktisches Denken, automatisches Verhalten, soziale Projektion und Primingeffekte zu erklären.

Thomas Mussweiler hat in wenigen Jahren ein durch hohe Originalität und Eigenständigkeit gekennzeichnetes Forschungsprogramm an der Schnittstelle zwischen Sozialpsychologie und Kognitionsforschung mit Bezügen zu unterschiedlichen Anwendungsfeldern der Psychologie vorgelegt. In Anerkennung dieser Leistung verleiht ihm die Deutsche Gesellschaft für Psychologie den Charlotte- und Karl-Bühler-Preis 2004.


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