Prof. Dr. Leo Montada

Ohne zu übersehen, dass der homo sapiens Teil einer phylogenetischen Kette ist, habe ich mich immer mehr für die Spezifica der Humanpsychologie interessiert, die den Menschen zeichnet

  • als einen sinn- und zielorientiert denkenden und handelnden Akteur,
  • als intelligenten, kreativen Erfinder,
  • als Schöpfer von Kulturen und normativen Ordnungen, nicht nur als deren Geschöpf,
  • als Gestalter seiner eigenen Entwicklung,
  • als ein Selbst und eine reflektierte Identität bildendes Wesen,
  • als einen Entscheider im Guten und im Bösen,
  • mit der Freiheit zu entscheiden, folglich als verantwortlich für diese.

Alle Themenfelder, mit denen ich mich befasst habe - Entwicklung, kritische Lebensereignisse, Emotionen, Moral, Gerechtigkeit in persönlichen, privaten und politischen Zusammenhängen, Verantwortlichkeit, pro- und antisoziales Handeln - habe ich unter dieser Perspektive studiert.

Es gehört zur Natur des homo sapiens, dass er subjektive Überzeugungen und Theorien bildet oder übernimmt über die Welt, über sich selbst und über andere, über Ereignisse, Gegebenheiten und Zusammenhänge im Irdischen und - wenn er daran glaubt - im Jenseits, über Bedingungen von Verhalten und Leistungen, über die Wirksamkeit von Maßnahmen, über die Berechtigung von Ansprüchen, über die Geltung von Normen, über den Sinn oder die Sinnlosigkeit des Tuns, über den Sinn von Schicksalsschlägen u.a.m. Ob richtig oder falsch, ob engstirnig oder weise, ob verbohrt oder aufgeklärt: Diese Überzeugungen und Theorien sind einflussreich.

Das Naturgesetz lautet: Der homo sapiens bildet Überzeugungen und Theorien, die einflussreich sind. Das ist nur eines von vielen Naturgesetzen, nach denen der homo sapiens funktioniert oder dysfunktioniert, aber ein besonders wichtiges. Ohne ihre Überzeugungen oder Theorien zu kennen, kann man Menschen nicht verstehen, kann man vieles von ihrem Erleben, Urteilen und Handeln nicht vorhersagen.

Es war dabei immer mein Anliegen zu überlegen, was wissenschaftliche Erkenntnisse, Hypothesen, Modelle und Methoden in der Praxis leisten können. Was die Psychologie zu bieten hat, muss allerdings erschlossen und erprobt werden und wird in den meisten Forschungsberichten nicht mitgeliefert.

Ich wünschte mir eine Ausweitung des Diskurses über Anwendungsimplikationen wissenschaftlicher Erkenntnisse in der akademischen Psychologie, auch für die Erschließung neuer Praxisfelder für Psychologen, einschließlich diverser Handlungsfelder in den Medien und der Politik.


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