Laudatio Prof. Dr. Ralph Hertwig

Laudatio Prof. Dr. Ralph Hertwig

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie verleiht den Charlotte-und-Karl-Bühler-Preis an Ralph Hertwig für sein innovatives Forschungsprogramm, das sich dadurch auszeichnet, dass durch den fruchtbaren Import und Export methodischer, theoretischer und empirischer Argumente, die für folgenreiche Fragestellungen originell, dabei aber stets mit höchster disziplinärer Genauigkeit genutzt werden, nicht nur Antworten, sondern auch Fragestellungen verändert werden können.

Die wissenschaftlichen Arbeiten von Ralph Hertwig weisen zwei Schwerpunkte auf. Zum einen konzentriert sich seine Arbeit auf die Frage, welche Heuristiken rationalen Urteilen und Entscheidungen zugrunde liegen. Dabei unterscheidet sich die von ihm verfolgte Perspektive von dominanten Interpretationsansätzen der Kognitionsforschung insbesondere durch die These, dass die von Menschen eingesetzten Heuristiken auch dann nicht als irrational einzuschätzen sind, wenn sie unter bestimmten Umständen - angesichts faktisch limitierter zeitlicher, informationaler und kognitiver Ressourcen - suboptimale Resultate produzieren. Aus seinen empirischen und theoretischen Argumenten folgt nicht nur, dass diese Heuristiken als Adaptation angesehen werden können, d.h. als Problemlösungsmodule funktional sind und unter realen Lebensbedingungen allemal ausreichend gut arbeiten. Sie zeigen darüber hinaus, dass auch prima facie negative Aspekte der menschlichen kognitiven Architektur (kapazitäre Limits, Vergessen) durchaus funktionale Aspekte haben. Dieser Weg, eine evolutionäre Perspektive für kognitionspsychologische Studien empirisch zu nutzen, ist zugleich originell und außerordentlich fruchtbar. Anstatt die Unterstellung von Adaptivität als Ausgangsargument zu benutzen, wird in diesem Programm nach der tatsächlichen Funktionalität kognitiver Prozesse empirisch gesucht; dies erst kann einem adaptionistischen Programm die nötigen Argumente liefern. Die sich hierin zeigende interdisziplinäre Perspektive wird nicht zuletzt dadurch fruchtbar, dass sie auch kognitionswissenschaftliche Methoden und Theorien systematisch einschließt. Ralph Hertwig ist damit ein herausragendes Beispiel für die Fruchtbarkeit des ernsthaften Versuchs, disziplinäre Argumentationslinien und -grenzen zugunsten problemorientierten Nachdenkens ohne Rücksicht auf fachliche oder theoretische Traditionen mutig zu kreuzen. Der Erfolg dieses Vorgehens setzt allerdings eine besondere gedankliche und methodische Gründlichkeit voraus - eben dies zeichnet seine Arbeit aus.

Konsequent liegt der zweite Schwerpunkt der Arbeit von Ralph Hertwig in metamethodischen Arbeiten. Es geht ihm hier um die Konsequenzen wissenschaftlicher (experimenteller) Ansätze für die mit ihrer Hilfe erzielten - und erzielbaren - Ergebnisse. Er hat durch seine Arbeiten unter anderem der Diskussion über die inhaltlichen Konsequenzen etwa von performanzkontingenten Entlohnungen oder von für Teilnehmer systematisch intransparenten Versuchsdesigns empirische Substanz verschafft. Auch in diesem Arbeitsbereich ist nicht nur die außerordentlich hohe wissenschaftliche Qualität seiner Arbeiten, sondern wiederum die ungewöhnliche transdisziplinäre Integration von Argumenten aus ökonomischen Ansätzen in psychologische " berlegungen und empirische Arbeiten bemerkenswert. Jenseits des inhaltlichen Ertrags seiner Arbeiten für die evidenzgestützte Konzepualisierung experimenteller Untersuchungen menschlichen Verhaltens ist daher auch dieser methodenorientierte Ansatz seiner Arbeit exemplarisch für eine fruchtbare Form der Transdisziplinarität.

Den Forschungsschwerpunkten von Ralph Hertwig ist nicht nur die intellektuelle Genauigkeit und Originalität gemeinsam, sondern die Intention, aus Tradition, Augenscheinplausibilität oder anderen Gründen zur " blichkeit gewordene inhaltliche oder methodische Ansätze infrage zu stellen. Die disziplinären Grenzen der aktuellen Psychologie sind durch seine Arbeiten einerseits ausgeweitet, andererseits durchlässiger geworden. Dem entspricht, dass die Arbeiten von Ralph Hertwig nicht nur in den höchstrangigen internationalen psychologischen Fachzeitschriften, sondern darüber hinaus sowohl in führenden Organen anderer Disziplinen (Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform) als auch in explizit transdisziplinären internationalen Zeitschriften veröffentlicht wurden, darunter wiederum höchstrangigen, so etwa Behavioral and Brain Sciences und Science.


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