Laudatio Prof. Dr. Dr. h.c. Onur Güntürkün

Mit der Verleihung der Wilhelm-Wundt-Medaille an Onur Güntürkün ehrt die Deutsche Gesellschaft für Psychologie einen herausragenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Biopsychologie mit höchster nationaler wie internationaler Visibilität und Reputation.

Im Mittelpunkt des Forschungsprogramms von Onur Güntürkün stehen die neuronalen Grundlagen von Lernen, Gedächtnis und Wahrnehmung. Ausgehend vom Modell der Taube, inzwischen ausgedehnt auf andere Tierspezies und den Menschen, konzentrieren sich seine bahnbrechenden, national wie international wegweisenden Forschungsarbeiten zum einen auf die neuronalen Grundlagen von Hirnasymmetrien und Faktoren, die die Entwicklung und Expression der Lateralisierung verschiedener Funktionen beeinflussen. Zum anderen betreffen sie neuronale Grundlagen von Lernen, Arbeitsgedächtnis und Wahrnehmung. Dabei steht der präfrontale Cortex im Vordergrund. Das Spektrum der Forschung von Onur Güntürkün reicht von der molekularbiologischen Ebene (z.B. Einfluss von BDNF auf die Zellentwicklung im Tectum, immunocytochemische Analysen kortikaler Zellstrukturen) über die neurophysiologische Ebene (neuronale Synchronisierung im präfrontalen Cortex der Taube beim Lernen) bis hin zu kortikalen Korrelaten komplexer kognitiver Prozesse beim Menschen (Entscheidungsfindung, kreatives Denken, Risk-taking). Onur Güntürkün hat damit das Verständnis neuronaler Grundlagen psychischer Funktionen entscheidend vorangetrieben.

Zu den bahnbrechenden Arbeiten von Onur Güntürkün, die ihrer Bedeutung entsprechend von der internationalen scientific community gewürdigt werden, gehören die Bedeutung pränataler Lichtstimulation für die Hemisphärenentwicklung, die (in Nature veröffentlichte) Lateralisierung der Magnetkompass-Orientierung von Zugvögeln oder den immunozytochemischen und elektrophysiologischen Nachweis eines präfrontalen Cortex bei Vögeln. Daneben veröffentliche Onur Güntürkün bedeutsame Arbeiten zu anatomischen und biochemischen Spezifika des visuellen und des präfrontalen Cortex. In jüngerer Zeit konzentriert er sich darüber hinaus auch auf evolutionäre Aspekte der Hirnasymmetrien sowie auf speziesübergreifende Grundlagen der Lateralisierung. Auch hier besticht seine experimentelle Herangehensweise zur Hypothesenprüfung durch kreative und elegante Designs. Beispielhaft sei hier die Arbeit zur Lateralisierung der Wahrnehmung von Illusionen in Abhängigkeit von Geschlecht und Geschlechtshormonen genannt.

Neben der methodischen Exzellenz überzeugt Onur Güntürkün durch seinen Ideenreichtum und den innovativen Charakter seiner Forschungsansätze. Eindrucksvolle Beispiele dafür sind seine Arbeiten zur Bedeutung pränataler Lichtstimulation (des Taubenfetus im Ei) für die postnatale Hirnlateralisierung, durch Designs zum Nachweis der Lateralisierung des visuellen Gedächtnisses bei Tauben oder Studien zur Assoziation morphologischer Asymmetrien von Motoneuronen mit der Händigkeit beim Menschen. Onur Güntürkün gehört zu den international renommiertesten Forschern seines Gebietes. Seine Publikationsliste umfasst mehr als 170 Publikationen in hochkarätigen Fachzeitschriften (darunter Nature, Neuroscience, Brain Research, Journal of Neuroscience, Behavioral and Brain Sciences), ferner zahlreiche Buchkapitel und zwei Bücher. Mit seiner Kreativität stimuliert Onur Güntürkün auch seine Mitarbeiter und Nachwuchswissenschaftler. Die hohe Produktivität seiner Arbeitsgruppe schlägt sich in international exzellenten Publikationen nieder. Die “Handschrift” Onur Güntürküns, sein Denkansatz und die methodisch stringente experimentelle Umsetzung seiner Ideen sind in allen Arbeiten unverkennbar.

Onur Güntürkün wurde mit verschiedenen Preisen, darunter dem Preis der Universität Bochum für besonders herausragende wissenschaftliche Arbeiten junger Wissenschaftler, dem Gerhard Hess Förderpreis und dem Förderpreis der Krupp-Stiftung, mit der Ehrendoktorwürde der Universität Istanbul und der Mitgliedschaft im Avian Brain Nomenclature Thinktank ausgezeichnet. Zahlreiche von ihm geleitete DFG-Projekte und seine Mitgliedschaft in DFG-Fachgremien bestätigen, dass er auch im nationalen Rahmen höchste wissenschaftliche Anerkennung genießt.


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