Laudatio Prof. Dr. Dr. h.c. Ursula Lehr

Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie verleiht den Franz-Emanuel-Weinert-Preis an Ursula Lehr für ihre herausragenden wissenschaftlichen Leistungen und ihre besondere Rolle als Vermittlerin zwischen wissenschaftlicher Psychologie und Politik.

Bereits in den frühen wissenschaftlichen Arbeiten von Ursula Lehr standen Themen im Mittelpunkt, die in den nachfolgenden Jahrzehnten in der Wissenschaft und Öffentlichkeit größte Aufmerksamkeit fanden. Dazu gehören die Entwicklung in der frühesten Kindheit sowie das mittlere und junge Erwachsenenalter und die Thematik geschlechterspezifischer Lebensläufe in der Koordination von Berufs- und Familienleben. Ursula Lehr war damals in Deutschland die erste, die empirisch nachwies, dass mütterliche Berufstätigkeit für die kindliche Entwicklung nicht generell schädlich ist, wenn die strukturellen und persönlichen Rahmenbedingungen stimmen. Die Frage der Entwicklung von Kindern berufstätiger Mütter und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besonders in den Biographien von Frauen begleiteten sie ihr weiteres Forscher- und Politikerinnenleben.

In Kooperation mit Hans Thomae startete Ursula Lehr ab 1965 die erste deutsche Längsschnittstudie zum psychologischen Altern, die sich mit drei Geburtskohorten über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckte. Aus diesem Projekt und begleitenden Studien sind eine Vielzahl an Dissertationen und Publikationen hervorgegangen. Die Themen reichen von der Leistungs- und Lernfähigkeit 45- bis 55-jähriger “älterer Arbeitnehmer”, der psychologischen Verarbeitung von Pensionierung und Verrentung, Zukunftsvorstellungen älterer Menschen, geistigen Leistungsveränderungen im Alter, Gesundheit, Wohnen, Familienbeziehungen bis zur Freizeitgestaltung. In diesen Forschungsjahren stand Ursula Lehr in engem wissenschaftlichem Kontakt mit der auch in den USA erst allmählich aufkommenden psychologischen Alternsforschung. Der Bonner Längsschnittstudie folgte ab 1990 eine interdisziplinäre und multizentrische Längsschnittstudie. Faktoren der Langlebigkeit und die gesundheitlichen, psychologischen und sozialen Bedingungen der zunehmenden Zahl an Hundertjährigen beschäftigte Ursula Lehr in den 90er Jahren. In ihrem Buch “Ältere Töchter alter Eltern” (1986), ging sie darüber hinaus der Frage der Belastung von 55-70jährigen Frauen nach, die ihrerseits noch für einen Elternteil zu sorgen hatten. Bereits in den 70er Jahren wies Ursula Lehr auf die sich wandelnde Alterspyramide in unserer Gesellschaft mit ihren weitreichenden Implikationen und Folgen hin. Mehr als dreißig Jahre später werden sie zu aktuellen politischen Themen.

Ursula Lehr war von 1969 bis 1972 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Bonn; nach einigen Jahren an der Universität zu Köln kehrte sie 1975 auf einen Lehrstuhl für Psychologie nach Bonn zurück. 1986 wechselte Ursula Lehr an die Universität Heidelberg auf den Lehrstuhl für Gerontologie, wo sie 1995 zur Gründungsdirektorin des Deutschen Zentrums für Alternsforschung (DZFA) berufen wurde. In dieser Zeit hat sie die Gerontologie zum Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen und wissenschaftsvermittelnden Tätigkeit gemacht.

Von 1988 bis 1991 war Ursula Lehr Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit. In der Zeit ihres aktiven politischen Wirkens hat sie unter anderem das Psychotherapeutengesetz auf den Weg gebracht, und sie hat veranlasst, dass die Bundesregierung regelmäßige Berichte über die Situation alter Menschen herausgibt. Sie hat immer wieder auf die Leistungsfähigkeit älterer und alter Menschen hingewiesen und davor gewarnt, vorschnell auf die Kompetenzen älterer Arbeitnehmer zu verzichten. Sie forderte - für die damalige Bundesregierung ein Novum - flächendeckende Kinderbetreuung ab zwei Jahren und ist von ihrer eigenen Partei dafür heftig gescholten worden: Heute, fast 20 Jahre später, werden diese Ideen politisch aufgegriffen.

Ursula Lehr hat während der Zeit ihres politischen Engagements nicht nur die gesamte entwicklungspsychologische Bandbreite ihres Schaffens in die Politik einzubringen versucht, sondern konnte für alle vier Substantive ihres Ministeriums auch eigene Forschungsarbeiten aufweisen. Sie hat wissenschaftliche Ergebnisse und Problemsichten einer breiten "¦ffentlichkeit zugänglich gemacht und in den politischen Diskurs eingebracht. Dies betrifft die gesamte Lebensspanne, von der Entwicklung im Kleinstkindalter über Jugendalterprobleme, die Situation von Frauen und insbesondere die Alternsforschung. Umgekehrt hat sie Fragen aus der Sozialpolitik wissenschaftlich zugänglich gemacht und eine große Spanne sozialpolitisch relevanter Forschung angeregt. Ihr wurde 1988 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1995 das große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Ursula Lehr wurde im Verlaufe ihrer wissenschaftlichen Karriere in eine Reihe wissenschaftlicher Akademien berufen. So wurde sie 1987 Gründungsmitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1994 wurde sie zum korrespondierenden Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ernannt und 1999 in das Kuratorium des Instituts für Biomedizinische Alternsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften berufen. Im Jahre 1988 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Fribourg in der Schweiz, 1996 den Award of the Center for the Study of Aging in Albany, NY, USA, und im Jahre 2000 wurde sie auf den Marie-Curie-Lehrstuhl der Europa-Universität in Yuste/Spanien berufen.


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