1. Fachtagung Pädagogische Psychologie 1987 (Tübingen)

Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 1988, 20, 1, S. 99-102.

Fachgruppe Pädagogische Psychologie
in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie

In Tübingen wurde am 17. 9. 1987 auf Initiative des Koordinationskreises Pädagogische Psychologie die Fachgruppe Pädagogische Psychologie gegründet. Ziele und Aufgaben der Fachgruppe sind insbesondere Ausrichtung von Fachtagungen, Förderung der Forschung in der Pädagogischen Psychologie, ihre Berücksichtigung in Ausbildungsplänen und ihre Anwendung in Praxisfeldern, Förderung internationaler Zusammenarbeit sowie Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Auf der Grundlage der Fachgruppenordnung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) wurde die Fachgruppenleitung gewählt:

Sprecher: Prof. Dr. Heinz Mandl, Tübingen Beisitzer: Prof. Dr. Karljosef Klauer, Aachen Kassenwart: Prof. Dr. Kurt Heller, München.

Die Amtszeit der Fachgruppenleitung läuft zwei Jahre bis zur nächsten Pädagogisch-psychologischen Arbeitstagung in München. Diese Tagung wird von Prof. Dr. Kurt Heller ausgerichtet und findet vom 20. 9. 1989 - 22. 9. 1989 statt.

Die Fachgruppenversammlung dankte dem Koordinationskreis, der 1984 gegründet wurde, für die geleistete Arbeit. Ihm gehörten an:

Dr. Wilfried Echterhoff (Bergisch Gladbach), Prof. Dr. Kurt A. Heller (München), Prof. Dr. Karl Josef Klauer (Aachen), Prof. Dr. Ludwig Kötter (Saarbrücken), Prof. Dr. Heinz Mandl (Tübingen gen), Prof. Dr. Brigitte Rollett (Wien). Auf Initiative des Koordinationskreises wurde 1985 die erste Arbeitstagung Pädagogische Psychologie in Trier durchgeführt, auf der Mitgliederversammlung der Deutschen Gesellschaft für Psychologie 1986 in Heidelberg die Gründung der Fachgruppe beschlossen und 1987 die gemeinsame Arbeitstagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie und des Arbeitskreises Empirische Pädagogische Forschung in Tübingen realisiert. Die Fachgruppenversammlung in Tübingen erörterte Möglichkeiten der nationalen und internationalen Forschungsförderung und diskutierte Probleme bei der Realisierung der neuen Diplomprüfungsordnung für das Fach Pädagogische Psychologie.

Um die wichtigen Aufgaben einer Fachgruppe erfüllen zu können, bedarf es in Zukunft nicht nur einer aktiven Fachgruppenleitung, sondern auch einer engagierten Mitgliedschaft. Mitglieder; und assoziierte Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Psychologie erlangen die Zugehörigkeit zur Fachgruppe durch eine entsprechende schriftliche Erklärung gegenüber dem Vorstand der DGPs sowie durch Zahlung des Beitragszuschlags von DM 24,- an den Schatzmeister der DGPs, Prof. Dr. Roman Ferstl, Institut für Psychologie an du Universität Kiel, Olshausenstr. 40, 2300 Kiel. Bankverbindung: Volksbank Göttingen, Kto.-Nr. 182 006000; BLZ: 260 900 50.

Heinz Mandl

Bericht über die gemeinsame Arbeitstagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie und der Arbeitsgruppe für Empirische Pädagogische Forschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft

Die gemeinsame Arbeitstagung fand vom 17, bis 18. September 1987 an der Universität Tübingen statt und wurde von G. L. Huber und H. Mandl organisiert. Die Tagung sollte gegenseitiges Kennenlernen und Verständnis der beiden Fachgruppen fördern.

Am Vormittag des ersten Tages wurde der Bezug der Pädagogischen Psychologie zu anderen Fachgruppen diskutiert.

K. J. Klauer (Aachen) stellte die Arbeitsschwerpunkte der Arbeitsgruppe für Empirisch Pädagogische Forschung (AEPF) dar:

Die Arbeitsgemeinschaft für Empirisch Pädagogische Forschung (AEPF) wurde vor über 20 Jahren von Forschern gegründet, die aus verschiedenen Richtungen kamen und die empirische Erforschung pädagogischer Fragestellungen vorantreiben wollten. Ursprünglich war es der gemeinsame Wille, eine informelle Vereinigung zu bleiben, die möglichst ohne Statuten auskommen und sich möglichst oft zur Besprechung auch noch unfertiger Projekte treffen wollte. Es gab keinen Vorsitzenden der Gruppe, vielmehr wurde dessen Funktion vom jeweiligen Tagungsleiter wahrgenommen. Die Aufnahmeprozedur war unkompliziert und es gab lediglich die Verabredung, daß man aus der Liste der Eingeladenen gestrichen wurde, wenn man mehr als drei Mal unentschuldigt fehlte. Die AEPF war ungewöhnlich erfolgreich mit diesem Konzept. Im Frühjahr und im Herbst findet je eine Tagung statt, wobei sowohl die Zahl der Teilnehmer als auch die der Referenten stetig wächst. Im Laufe der Zeit wurde es notwendig, den informellen Status zugunsten dessen einer Kommission der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft aufzugeben. Rund die Hälfte ihrer Mitglieder sind Psychologen, so daß es sich hier um die einzige Gruppe handelt, in der Pädagogen und .Psychologen gleichermaßen aktiv sind. In den letzten Jahren wurden die internationalen Kontakte vertieft, so insbesondere zu unseren holländischen Kollegen, mit denen es in Düsseldorf eine gemeinsame Tagung gab.

D. Berg (Bamberg) und L. Hellfritsch (Würzburg) stellten die Arbeitsschwerpunkte der Sektion Schulpsychologie im BDP den Fragestellungen du Pädagogischen Psychologie gegenüber. Schulpsychologie versteht sich als Arbeitsgebiet von Berufspsychologen im Kontext der Schule. Dabei setzen Schulpsychologen je nach ihren Voraussetzungen und den Anforderungen der Aufgabenstellung unterschiedliche Schwerpunkte bei der Nutzung von Wissen aus psychologischen Teildisziplinen. Unterschiede zur Pädagogischen Psychologie ergeben sich aus stärkerem Handlungsdruck, Legitimationsnotwendigkeiten vor anderen Bezugsgruppen (Schulverwaltung, Lehrer, Eltern, usw.), starker Orientierungen am Einzelfall und somit Suche nach klinisch-psychologischen Grundlagen der Arbeit, Notwendigkeit der Reaktion auf aktuelle (bildungs-)politische Veränderungen und gesellschaftliche Entwicklungen (z. B. Probleme von Kindern alleinerziehender Mütter und Väter). Gemeinsamkeiten ergeben sich aus der Geschichte der Disziplin, dem Bezug zur Pädagogik sowie der wachsenden Tendenz, sich der Gestaltung erfolgreicher Lernprozesse zuzuwenden (im Unterschied zur Beratung bei Mißerfolg). Für die Schulpsychologie ist die Orientierung der Pädagogischen Psychologie an Fragen im außerschulischen Bereich von Interesse: Verstärkte Forschungsbemühungen zum Lehren/Lernen bei Erwachsenen sowie zu Fragen der Beratung wären hilfreich. Im Rahmen von Beratungsforschung könnte die Schulpsychologie als "Problemsensor" (s. o.) dazu beitragen, daß frühzeitige Prognosen über das Entstehen von Problemen erarbeitet werden. Sie kann einerseits Forschung anregen, die sich mit Beratung bei Problemen befaßt, mit denen Schulpsychologen konfrontiert werden, andererseits die Pädagogische Psychologie in die Lage versetzen, Veränderungen vorherzusehen und nicht erst zu bearbeiten, wenn akute Probleme auftreten.

F. E. Weinert (München) zeigte Perspektiven der Pädagogischen Psychologie auf: Nach seiner Überzeugung sollte im Unterschied zu vielen Versuchen aus jüngster Zeit Pädagogische Psychologie nicht zu eng definiert werden; denn Ergebnisse vieler Teildisziplinen der Psychologie sind für die Erforschung pädagogisch-psychologischer Fragen nicht nur nutzbar sondern notwendig, und umgekehrt sollen theoretische Erkenntnisse aus pädagogisch-psychologischer Forschung auch in andere Disziplinen einfließen. F. E. Weinert wies auf die zu simple Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung in der pädagogischen Psychologie hin. Als Beispiel nannte er die Entwicklung neuer Paradigmen in der kognitiven Lern- und Instruktionsforschung. Schließlich charakterisierte er einige ihm wichtig erscheinende Forschungsfelder: Lernen und Instruktion, Entwicklung und Lernen, die Rolle von Medien beim Lernen und Lehren sowie Entwicklung und Beeinflussung von Wertorientierungen. An drei Halbtagen wurden in 13 Arbeitsgruppen abgeschlossene und laufende Forschungsarbeiten aus verschiedenen Teilbereichen der Pädagogischen Psychologie und Empirischen Pädagogik vorgetragen und diskutiert. Themen und Organisatoren waren:

  • Berufliche Aus-, Fort- und Weiterbildung (B. Rollett, Wien; W. Echterhoff Bergisch Gladbach)
  • Diagnostik und Treatment (C. Schwarzer, Düsseldorf; R. Jäger, Frankfurt)
  • Hochbegabung (K. A. Heller, München; D. H. Rost, Matburg)
  • Interesse und Pädagogisches Handeln (A. Krapp, München)
  • Motivation (F. Rheinberg, Heidelberg)
  • Prävention und Intervention (P. Schlottke, Tübingen)
  • Problemlosen und Instruktion (H. Neber, Essen)
  • Schulische Integration Behinderter (D. Dumke, Bonn)
  • Selbstbezogene Kognition und Angst (R. Schwarzer, Berlin)
  • Soziale Interaktion in Familien (H. Nickel, Düsseldorf)
  • Soziale Interaktion in Schulen (M. Hofer, Mannheim; G. L. Huber, Tübingen)/li>
  • Systemischer Ansatz in der Pädagogischen Psychologie (E. J. Brunner, Tübingen)
  • Wissenserwerb mit Medien (H. Mandl, Tübingen)

Neben den Beiträgen in den Arbeitsgruppen wurden mehrere Arbeiten als Einzelreferate vorgestellt. Darüber hinaus gab es zwei Plenumsvorträge. L. Schenk-Danzinger (Wien) sprach über "Neue Forschungsergebnisse über die mögliche Verursachung der Legasthenie und was wir daraus für die Praxis ableiten müssen". Sie ging davon aus, daß es seit Beginn der sogenannten AntiLegastheniebewegung etwa um die Mitte der 70er Jahre in der Betreuung der betroffenen Schüler erhebliche Rückschläge gegeben hat. Unbemerkt von vielen Pädagogen, entwickelten sich in den letzten Jahren Forschungsverfahren, mit deren Hilfe es möglich wurde, den hirnorganischen Aspekt der Legasthenie zu ermitteln und so den Beweis zu erbringen, daß es sich bei ihr doch ursächlich um eine besondere Form des Lernversagens handelt. Da eine organisch begründete Lernstörung naturgemäß besonders hartnäckig sein kann, bedarf sie einer früh einsetzenden, intensiven und lang andauernden Behandlung, die von geschulten Kräften durchgeführt werden muß und die sich nicht auf allgemeine Sprachförderung, beschränken darf.

F. Schott (Gießen) stellte unter dem Thema Instruktionspsychologie den -Versuch einer systematischen Übersicht über Ansätze und Forschungsaufgaben dar. Dabei befaßte er sich mit folgenden Bereichen: (1) psychologisch begründete Methoden der zweckmäßigen Bestimmung, Analyse und Repräsentation von Lehrzielen; (2) Diagnose des lehrzielspezifischen Entwicklungs- bzw. Lernstandes und weiterer für die Unterweisung bedeutsamer Eigenschaften des Lernenden; (3) Analyse und Konstruktion von Unterrichtsmethoden bzw. Verfahren zur Steuerung des Lehr- / Lern-Prozesses; (4) Erfolgskontrolle hinsichtlich der individuell erreichten, lehrzielbezogenen Kompetenz des Lernenden einerseits und der Güte des Lehrgangs andererseits.

Während der Arbeitstagung fanden schließlich auch die Fachgruppenversammlung der Pädagogischen Psychologie (siehe Bericht über die Fachgruppe Pädagogische Psychologie), sowie die Mitgliederversammlung der AEPF statt. Als Vorsitzender der AEPF wurde Prof. Dr. P. M. Roeder (Berlin) gewählt. Weitere Mitglieder des AEPF-Vorstandes sind Prof. Dr. V. Krumm (Salzburg) und Prof. Dr. H. Mandl (Tübingen).

Die nächste Arbeitstagung der AEPF findet in Salzburg vom 26.-27. 9. 1988 statt. Sie wird von Prof. Dr. V. Krumm (Salzburg) und Prof. Dr. J. Thonhauser (Salzburg) ausgerichtet.

Günter L. Huber / Heinz Mandl


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