2. Fachtagung Pädagogische Psychologie 1989 (München)

Bericht über die Arbeitstagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie

Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 1990, 22, S. 176-178.

Die Tagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie fand vom 20.-22. September 1989 im Anschluß an die Tagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München statt. Sie wurde von Kurt A. Heller und seinem Team organisiert.

Die Arbeitsgruppe begann mit einer Einführung von Kurt A. Heller und einem Grußwort von Frau Dekanin Heuß-Giehrl, Sie wies auf die lange Tradition pädagogisch-psychologischer Forschung in München hin.

Anschließend berichtete Kurt A. Heller über die Ergebnisse einer Klassifikation der Tagungsbeiträge in fünf verschiedene Themenbereiche. Deren Anteile an der Gesamtheit aller Beiträge waren wie folgt:

  1. Lernen; Gedächtnis; Denken; Intelligenz und Kreativität; Informationsverarbeitung; Motivation und Handlungssteuerung: 37 %;
  2. Peergruppe und Eltern/ Familie als Sozialisationsinstanzen; Identitätsentwicklung und pädagogisch-psychologische Intervention ("Angewandte Entwicklungspsychologie"): 20%;
  3. Pädagogisch-psychologische Diagnostik und Beratung/ Therapie; Weiterbildung o. ä.: 17 %;
  4. Lehr-Lern-Prozesse bzw. instruktionspsychologische Probleme; Kommunikation und Interaktion im Unterricht: 16 %; und schließlich
  5. Sonstiges (z. B. Medienforschung, Hochbegabungsforschung, Ökopsychologie, Arbeitslosigkeit, Verkehrspsychologische Probleme, Kulturvergleich, Geschlechtsunterschiede): 10 %.

Besonders aufschlußreich waren in diesem Zusammenhang Vergleiche zwischen den Themenprofilen der Münchner Tagung und denen der beiden vorangegangenen Tagungen der Fachgruppe in Trier (1985) und in Tübingen (1987). Während bei den Themenbereichen (1) und (2) seit 1985 ein leicht zunehmender Trend zu verzeichnen ist, gilt das umgekehrte - eine geringe Abnahme des Interesses - für den Bereich (3). Die Veränderungen (zwischen 4 und 6 Prozent) sind jedoch nicht als dramatisch anzusehen und können eigentlich als Ausdruck konstanten Interesses an diesen drei traditionellen Problembereichen der Pädagogischen Psychologie interpretiert werden. Die Zunahme der Klasse "Sonstiges" von 3 % bzw. 2 % in Trier/Tübingen auf 10 % geht vor allem auf das Konto vermehrter Beiträge zu geschlechtsspezifischen und kulturvergleichenden Fragestellungen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient dagegen die markante kontinuierliche Abnahme der Beiträge (und angesichts der Koinzidenz der Klassifikation von Taagungsbeiträgen und einer Umfrage von Heller zu Forschungsaktivitäten kann man berechtigterweise vermuten: auch der Forschung) in einem Kernbereich der Pädagogischen Psychologie: der Lehr-Lern-Forschung und des Psychologieunterrichts im Kontext der Schule (Quoten 1985 / 87 / 89: 27 % / 20 % / 16 % ). Der Berichterstatter findet diese Tendenz, die ja letztlich darauf hinaus läuft, daß sich die Pädagogische Psychologie von einer der wichtigsten Stätten entfernt, an der Erziehung und Unterricht, Lernen und Leistung noch immer ganz überwiegend und alltäglich stattfinden, bedauerlich und bedenklich zugleich. Nach meiner Einschätzung handelt es sich dabei nicht nur um einen speziell bundesrepublikanischen Trend; verfolgt man beispielsweise das Themenprofil der EARLI-Tagungen,, oder blättert man im voluminösen Programm der AERA-Konferenzen American Educational Research Association), dann hat dort der bei uns erkannte Trend noch früher einegesetzt und ist noch deutlicher.

Anschließend hielt Franz E. Weinert den Eröffnungsvortrag zum Thema "Lernen lernen". Einführend skizzierte er den ideengeschichtlichen und pädagogischen Hintergrund der wechselvollen, bis heute letztlich nicht klar entschiedenen Kontroverse zwischen Vertretern des Primats der formalen Bildung ("didaktischer Formalismus") im Vergleich zur Rolle der spezifischen Bildungsinhalte ("didaktischer Materialismus"). In unveränderter Gestalt und mit anderen Termini lebt diese Kontroverse auch noch in der heutigen kognitiven Psychologie fott, insbesondere wenn es um die relative Bedeutung des Erwerbs inhaltsspezifischen Wissens im Gegensatz zur Rolle mehr oder weniger allgemein nutzbarer Strategien für den Erwerb neuen Wissens geht. Nach einer Konzeptualisierung von "Lernen lernen" als dem Erwerb eines Satzes allgemeiner Regeln und Routinen des Lernens, die in Verbindung mit verfügbarem inhaltlichem Wissen den Wissenszuwachs begünstigen, umriß F. E. Weinert die Hauptlinien und -ergebnisse von vier für das Verständnis des Lernens zentralen Forschungsfeldern:

  1. den Beitrag der Schulung von allgemeinen Lern- und Denkfähigkeiten (z. B. "Intelligenztraining", allgemeine Gedächtnisschulung, Strategieübungen);
  2. die Rolle bereichsspezifischen inhaltlichen Wissens;
  3. die Rolle von metakognitiven Kompetenzen, d. h. von exekutiven Routinen zur Planung, Steuerung, Überwachung, Korrektur und Evaluation des Lernens sowie
  4. die Bedeutung cnetamotivationaler und metavolitionaler Prozesse und Kompetenzen.

Gestützt auf eine Bewertung des aktuellen Forschungsstandes in diesen Bereichen wurden abschließend die folgenden sechs Thesen zum "Lernen lernen" formuliert:

  1. Je mehr jemand weiß, umso mehr Wissen kann er aufnehmen und abrufen.
  2. Je intelligenter Wissen erworben und aufgebaut wird, umso besser kann es beim Denken genutzt werden.
  3. Je mehr jemand über sein Wissen weiß, desto besser kann er damit umgehen.
  4. Je allgemeiner eine Regel oder Strategie ist, d. h. in je mehr unterschiedlichen Situationen sie genutzt werden kann, desto geringer ist ihr Beitrag zur Lösung anspruchsvoller inhaltlicher Probleme.
  5. Je größer der vertikale, d. h. bereichsspezische Lerntransfer ist, desto geringer ist der bereichsübergreifende, horizontale Transfer.
  6. Kurzfristige Trainingsprogramme können stets nur Ergänzung, Unterstützung und /oder remediale Hilfe, nicht aber Ersatz für langfristige Lernvorgänge und den damit verbundenen Kornpetenzerwetb sein.

An den beiden folgenden Tagen wurden in 14 Arbeitsgruppen laufende und abgeschlossene Forschungsarbeiten aus verschiedenen Teilbereichen der Pädagogischen Psychologie vorgetragen und diskutiert. Themen und Organisatoren waren:

  • Analyse von sozialen Interaktionen (Hofer)
  • Erwerb und Anwendung von Lern- und Denkstrategien (Mandl/Friedrich)
  • Interessenforschung (Krapp / Prenzel)
  • Sozialisation durch Medicn (Winterhoff-Spurk/Groebel)
  • Kreativitätsdiagnostik und Kreativitätsförderung (Krampen)
  • Emotion und Motivation (Jerusalem / Pekrun / Rheinberg)
  • Interkulturellc Diagnostik (C. Schwarzer)
  • Begabungsdiagnostik und Begabungsförderung (Hany / Heller)
  • Geschlechtsunterschiede im tertiären Bildungsbereich (Giesen /Hummer)
  • Gesundheitsverhalten (Allmer/R. Schwarzer)
  • Interaktion und Intervention in Familien und familienbegleitenden Einrichtungen (Nickel)
  • Qualitative Ansätze in der Pädagogischen Psychologie (Huber)
  • Sozialklima - Neue Theorien und Methoden (v. Saldern).

Neben den Beiträgen in den Arbeitsgruppen wurden auch Postet präsentiert. Auf besonderes Interesse stießen schließlich die acht Gastvorträge:

  • J. Freeman (Manchester): The very early development and education of the highly able
  • N. Entwistle (Edinburgh): Helping students thtough Computer simulation.
  • F. J. Mönks (Nijmegen): Hochbegabtenförderung als Aufgabe der Pädagogischen Psychologie.
  • J. Guthke & M. Caruso (Leipzig): Die neue Generation von "Lerntests" - theoriebezogen, adaptiv, fehleranalytisch und computergestützt.
  • G. Lehwald (Leipzig): Motivation, Metakognition und der Aufbau von Transfer-Leistungen bei begabten Kindern.
  • H. Drewelow (Rostock): Geschlechtsspezifische Aspekte der Begabungsförderung.
  • P. Span (Utrecht, NL): Self regulation in the learning of able students.
  • S. Start (Charlottesville): Gender differences and giftedness.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß die Arbeitsgruppe Pädagogische Psychologie inzwischen zu einem wichtigen Instrument des Informationsaustausches über aktuelle Forschungsarbeiten zwischen den in diesem Bereich aktiven Wissenschaftlern geworden ist. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der recht hohe Anteil ausländischer Tagungsteilnehmer (30 von insgesamt 231 Besuchern) aus drei Erdteilen (Europa, Amerika, Asien). Die Organisation war perfekt und das Tagungsklima angenehm.

Die nächste Tagung der Fachgruppe Pädagogische Psychologie wird - wiederum in zeitlicher Verbindung mit der Arbeitstagung der Fachgruppe Entwicklungspsychologie - 1992 in Köln stattfinden.

Andreas Helmke


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