4. Fachtagung Pädagogische Psychologie 1993 (Mannheim)

Eine Bilanz der 4. Tagung der Fachgruppe «Pädagogische Psychologie» der DGPs in Mannheim

(Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 1994, 8, S. 57-58.)

Nicht nur mit dem Mannheimer Schloß als «einem der schönsten Universitätsgebäude in der deutschen Hochschullandschaft» lockten Manfred Hofer und Mitarbeiter(innen) zur 4. Tagung der Fachgruppe «Pädagogische Psychologie» (22.-24.9.1993). Mit dem Motto «Erweiterung des traditionellen Spektrums der Pädagogischen Psychologie in Forschung und Lehre» wurde ausdrücklich ein breiterer Kreis von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen eingeladen. Beiträge in Form von Einzelreferaten, Diskussionsgruppen und Postern sollten nicht nur zu klassischen Themenschwerpunkten eingereicht werden, sondern auch pädagogisch-psychologische Fragen im weiteren Sinne - etwa «Erziehung in Ost- und Westdeutschland» oder «Jugendunruhen» - behandeln.

Die Tatsache, daß die Mannheimer Tagung in eine enge Abfolge nationaler und internationaler Kongresse eingereiht war und dennoch fast 200 Kollegen der Einladung folgten, kann als Hinweis auf die Akzeptanz von Innovationsbestrebungen in der Pädagogischen Psychologie gedeutet werden. Auch das rege Interesse von Rundfunk und Presse kann positiv im Sinne standes- und fachpolitischer Zielsetzungen interpretiert werden.

Doch spiegelte sich die von den Veranstaltern beabsichtigte Erweiterung des traditionellen Themenspektrums auch tatsächlich in den über 90 Beiträgen wider? Und war die geplante Verleihung eines «Preises für eine innovative Arbeit aus der Pädagogischen Psychologie» ein erfolgversprechender Ansatz, auf eine weitere Definition des Gegenstandsbereichs hinzuwirken? Ohne einen erschöpfenden Einblick in alle Arbeitsgruppen bekommen zu haben, fiel mir bei Gesprächen mit Kollegen und noch mehr bei der Durchsicht des Abstract-Bandes auf, daß sich die in Mannheim präsentierten Themen letztlich gar nicht so sehr von denen unterschieden, die vor zwei Jahren in Köln oder vor vier Jahren in Twente behandelt wurden.

Auf allen Tagungen zur Pädagogischen Psychologie kann die Mehrzahl der Beiträge traditionellen Bereichen des Fachs wie «Lehr-Lernforschung», «Diagnostik» und «Einsatz von Medien» zugeordnet werden. Dazu wären beispielsweise die Mannheimer Arbeitsgruppen «Erwerb anwendbaren Wissens in problemorientierten Lernumgebungen», «Computer und Lernen I/II» oder «Lernen und Motivation» zu zählen. Die Thematik anderer Arbeitsgruppen (z. B. «Lernen im Kindesalter», «Pädagogisch-psychologische Forschung für den Bereich der Hochschule/Universität») zielten zwar auf spezielle Altersgruppen, waren aber thematisch «klassischen» pädagogisch-psychologischen Themen verhaftet. In Mannheim wie auch auf den vorangehenden Tagungen durchaus zu beobachtende neue Akzentsetzungen, etwa in Form eines erweiterten Methodenspektrums oder eines stärkeren Aufgreifens hochschuldidaktischer Themen, reflektieren vermutlich eher bildungspolitische und wissenschaftsimmanente Entwicklungen als neue, programmatische Zielsetzungen von Interessenvertretern des Fachs. In jenen Fällen, in denen auf der Mannheimer Tagung möglicherweise als innovativ zu bezeichnende Themen behandelt wurden (z. B. «Gesundheit», «Entwicklung und Erziehung im vereinigten Deutschland»), stellte sich zudem stets die Frage nach der Abgrenzung pädagogisch-psychologischer Forschungsfelder etwa von sozial-, organisations- oder entwicklungspsychologischen Fragestellungen. Wenn mit «Erweiterung des traditionellen Gegenstandsbereichs» der Pädagogischen Psychologen nicht einfach eine Okkupierung von Themen aus anderen Teilgebieten der Psychologie oder gar Nachbardisziplinen wie der Erziehungswissenschaft und der Soziologie gemeint ist, wäre das Themenfeld der Tagung ein guter Ausgangspunkt, um das Selbstverständnis des Faches neu zu diskutieren. Der Verzicht auf die Verleihung des ausgelobten «Innovationspreises» mangels Bewerber und/oder Gutachterübereinstimmung kann als ein Indikator dafür aufgefaßt werden, daß bislang eben keine Einigkeit darüber hergestellt wurde, welche Kriterien eine pädagogisch-psychologische Arbeit zu einer «innovativen» machen.

Während aus meiner Sicht somit die Bestrebungen, das inhaltliche Spektrum pädagogisch-psychologischer Forschung zu erweitern, in mehrfacher Hinsicht kritisch zu bewerten sind, scheinen die auf der Mannheimer Tagung initiierten Maßnahmen in Sachen Nachwuchsförderung insgesamt auf ein positives Echo gestoßen zu sein. Zwei Wege wurden hier schwerpunktmäßig eingeschlagen: (1) Alle Tagungsteilnehmer hatten die Gelegenheit, in einem Fragebogen zum Thema Nachwuchsförderung ihre Einschätzung der derzeitigen Situation zu kennzeichnen und aus ihrer Sicht erwünschte zukünftige Maßnahmen anzusprechen. Erste Auswertungen, die im Rahmen des Treffens der Fachgruppe vorgestellt wurden, zeigen in erster Linie: Professoren schätzten das Ausmaß, in dem Nachwuchswissenschaftler überregional und vor Ort betreut werden, wesentlich höher ein als die Betreuten selbst. (2) In Form eines Posters konnten junge Wissenschaftler Diplomarbeiten und z. T. noch nicht abgeschlossene Doktorarbeiten präsentieren und sie mit speziell dazu eingeladenen senior researchers diskutieren. Neben den inhaltlichen Anregungen dürfte hier nicht zuletzt der persönliche Kontakt mit ausgewiesenen Wissenschaftlern des Faches von den Beteiligten positiv erlebt worden sein. Eine Bilanzierung der Mannheimer Tagung wäre unvollständig, würde abschließend nicht noch ein Wort zur Organisation gesagt, die durchweg als reibungslos gelobt werden kann. Angefangen von dem ständig mit auskunfts- und hilfsbereiten Mitarbeitern besetzten Tagungsbüro über die einladende Kaffee-Ecke hinweg, bis hin zum Gesellschaftsabend wurden offensichtlich keine Mühen gescheut, um allen Teilnehmern eine angenehme Arbeitsumgebung zur Verfügung zu stellen.

Dr. Klaus-Peter Wild
Universität der Bundeswehr
Fakultät für Sozialwissenschaften
Werner-Heisenberg-Weg 39
D-85577 Neubiberg
Tel (089) 6004-3047


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