5. Fachtagung Pädagogische Psychologie 1995 (Leipzig)

Bericht über die 12. Tagung Entwicklungspsychologie und die 5. Tagung Pädagogische Psychologie in Leipzig

Etwa 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland, seinen west-, ost oder nordeuropäischen Nachbarländern sowie aus den USA und Ostasien trafen sich in der letzten Septemberwoche zur 12. Tagung Entwicklungspsychologie und zur 5. Tagung Pädagogische Psychologie in Leipzig, um sich über «Problemfelder - Ergebnisse - Perspektiven» ihrer Disziplinen fachlich auszutauschen.

Die Tagung «Entwicklungspsychologie» (25. bis 29. 9.) hatte einen Schwerpunkt im Bereich «Frühes Kindesalter», ein Thema, das Hanus Papousek in seinem Eröffnungsvortrag perspektivisch beleuchtete. Weitere Hauptthemen des Kongresses wurden in hochkarätigen Gastvorlesungen deutlich: « Theory of Mind>> (Judy Dunn, Josef Perner), «Nature --Nu- - Kontroverse» (Plomin, Rutter) sowie das Werk von Lew Wygotski (Stetsenko). Weitere namhafte invited speakers: David Bjorklund, Denise Park, Stephen Ceci, Michelle Leichturan, Jaan Valsiner und Ute Frith.

34 Arbeitsgruppen mit etwa 300 Beiträgen in bis zu acht Parallelveranstaltungen und knapp 50 Poster mit Forschungsergebnissen repräsentierten die aktuellen Forschungstrends und Ergebnisse der deutschsprachigen Entwicklungspsychologie vom Kleinkindalter bis zu gerontologischen Fragestellungen, von der Entwicklung einzelner Fähigkeiten und Merkmale bis hin zu komplexen Beziehungsgeflechten. Einzelne Beiträge besonders hervorzuheben ist angesichts der hohen Zahl nicht möglich und könnte auch nicht gerecht sein.

Im Eröffnungsvortrag der Tagung «Pädagogische Psychologie» (28, bis 30. 9.) referierte Harold Stevenson eindrucksvoll über Unterschiede in schulischen Leistungen aufgrund unterschiedlicher Lehrstile in den USA und ostasiatischen Ländern.

In weiteren Gastvorlesungen wurde ganz im Sinne des Tagungsmottos eine breite Palette aktueller Problemfelder und Perspektiven vorgezeichnet, die in verschiedenen Arbeitsgruppen aufgegriffen wurden: Dan Olweus (Gewalt in der Schule), Franz E. Weinert («Neue Lerntheorien»), Jürgen Lander (Methoden der Lerneffektmessung), Linnea Ehri (Leselernprozesse), Adam Niemczynski (Entwicklungen innerhalb der kognitiven Psychologie) und Günter Krampen mit seinen «Überlegungen zur Programmatik der Pädagogischen Psychologie».

Etwa 150 Beiträge in 21 Arbeitsgruppen, 20 Poster und drei Workshops gaben einen guten Einblick in die aktuellen Entwicklungen der Pädagogischen Psychologie. Schwerpunkte waren die Bereiche «Lernund Instruktionspsychologie», «Gewalt und Drogen», «Lese-Rechtschreibschwierigkeiten» sowie «Diagnostik, Evaluation und Methoden».

Die durchweg guten Beiträge beider Tagungen litten unter dem Zeitraster, das wissenschaftliche Kongresse unserer Zunft in den neunziger Jahren anscheinend bestimmen soll. Meiner Ansicht nach führt dies in eine Sackgasse, die der Sache nicht dienlich sein kann (A. Renkl hat im « Newsletter Pädagogische Psychologie 1195» eine treffende Beschreibung damit einhergehender «Fehlkonzepte» geliefert): 15 Minuten Redezeit waren für viele Referentinnen und Referenten vorüber, nachdem der große Zeiger der Uhr eine Drehung von 120 Grad (häufig mehr) vollzogen hatte. Gekoppelt war dies zudem immer wieder mit dem Satz «Aus Zeitgründen muß ich leider darauf verzichten...» Eine Diskussion oder Nachfragen waren kaum möglich, ohne den Zeitplan zu kippen. Eine Folge der knappen Vorgabe bestand darin (leider auch bei invited speakers zu beobachten), sich zu sehr an das Manuskript zu klammern und abzulesen sowie die Präsentation von Folien als eine Art tachistoskopisches Experiment zu gestalten (immer wieder zu beobachten: überladene Vortragsfolien, die möglichst schnell vom Overhead-Projekter gezogen werden). Erfreulicherweise rückläufig ist ein weiteres Fehlkonzept, Variablennamen nach den Vorgaben des SPSS-Programms auf maximal acht Buchstaben zu beschränken (bei der Darstellung von LISREL-Ergebnissen meinen allerdings einige Autorinnen oder Autoren mit Drei-Buchstaben-Kombinationen hinreichende Transparenz zu leisten).

Für unnötige Verwirrung der Tagungsbesucher sorgten bei beiden Veranstaltungen das Fehlen von Referentinnen oder Referenten. Die Folge war, daß die Moderatoren den Zeitplan dann kurzfristig nach vorn zogen oder in anderer Weise modifizierten, so daß ein Wechsel zwischen den Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen oder Personen erschwert wurde und - mir ist es mehrfach widerfahren - gerade noch die Diskussion des erwarteten Beitrags zu hören. war. Hier sollte bei künftigen Tagungen und Kongressen entweder auf strikte Einhaltung des Zeitplanes geachtet werden (z.B. durch Einschub einer zusätzlichen Pause, in der mit den anwesenden Referentinnen und Referenten informell diskutiert werden kann) oder durch «geschlossene Arbeitsgruppen» ohne vorgegebene Zeiten (die dann jeweils intern beschlossen werden könnten). Letzteres machte zwar das Wechseln der Arbeitsgruppen unmöglich, würde aber für mehr Klarheit sorgen.

Apropos Arbeitsgruppen: Die Zusammenfassung von thematisch ähnlich gelagerten Untersuchungen zu Arbeitsgruppen erscheint grundsätzlich sinnvoll: Allerdings stützen viele solcher Gruppen den Eindruck einer "In-group" Tagung, da "man" sich eben schon lange: kennt und Außenstehende oder Neulinge in einem Gebiet kaum eine Chance haben, mit eigenen Referaten an einer Tagung teilzunehmen bzw. eher zufällig eingeordnet werden. Auch hier sollte nach neuen Organisationsformen gesucht werden.

Diese Kritikpunkte sind den Leipziger Organisatorinnen und Organisatoren Klaus Udo Ettrich und Evelin Witruk mit ihren Teams nicht anzulasten, sie scheinen mit eher Veranstaltungstyp-immanent zu sein. Soweit es durch die Leipziger Kolleginnen und Kollegen zu gewährleisten war, haben sie sich für einen reibungslosen Ablauf der beiden Tagungen eingesetzt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kongreßbüros waren stets hilfsbereit und standen freundlich bei der Lösung kleinerer Probleme oder Wünsche zur Verfügung. Ihnen allen sei an dieser Stelle für die schöne Kongreßatmosphäre gedankt.

Nicht zu vergessen sind die Ereignisse außerhalb des wissenschaftlichen Tagungsprogramms. Einmal sind hier die Mitgliederversammlungen der beiden Fachgruppen zu nennen, in denen u. a. neue Fachgruppenleitungen gewählt (Sprecher: Friedrich Wilkening Tübingen, für Entwicklungspsychologie und Hans-Peter Langfeldt, Frankfurt am Main, für Pädagogische Psychologie) und die nächsten Tagungsorte bestimmt wurden (Mitte September 1997 Entwicklungspsychologie in Wien und Ende September 1997 Pädagogische Psychologie in Frankfurt am Main).

Das zweite ist der Gesellschaftsabend in den schönen Gewölben der Moritzbastei Bei kulinarischen Köstlichkeiten sächsischer Küche und einem breiten musikalischen Spektrum vom Kinderchor über das «Leipzig Saxtett>> (ehemalige Thomaner mit klassischen und modernen Stücken) bis zur Disco wurde jedem Geschmack etwas geboten.

Als Drittes ist ein lohnenswertes <<Muß>> für Psychologen zu nennen: Der Besuch in der <<Wundt-Stube>> des psychologischen Instituts. Frau Dr. Armeros Meischner-Metge steuerte durch ihre sachkundige Führung, manche Anekdote um Wilhelm Wundt und den Einblick in Teile seiner Korrespondenz, in Belegbögen seiner Lehrveranstaltungen sowie in eindrucksvolle (einige seiner 146!) Dissertationsgutachten namhafter Vertreter unseres Faches zu einem positiv bleibenden Eindruck der Leipziger Herbsttage bei.

Dipl.-Psych. Dr. des. Matthias Witt-Brummermanm
Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Frankfurt/ Main
Senckenberganlage 15
D-60325 Frankfurt am Main


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