Langfeldt, H. P., Jäger R. S. & Wild, K.-P. (1998). Fachgruppe Pädagogische Psychologie. In D. H. Rost (Hrsg.), Handwörterbuch Pädagogische Psychologie (S. 130-132). Weinheim: Beltz.

Fachgruppe Pädagogische Psychologie

1 Ziele und Aufgaben

Die "Deutsche Gesellschaft für Psychologie" (DGPs) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologen. Sie hat gegenwärtig (1997) etwa 1700 Mitglieder. Als Fachgesellschaft hat sich die DGPs die Förderung und Verbreitung der wissenschaftlichen Psychologie zum Ziel gesetzt. Anläßlich der regelmäßig im Zweijahresturnus stattfindenden Kongresse der DGPs geben die jeweiligen Präsidenten einen "Lagebericht" (zuletzt Spada, 1997). Wissenschaftshistoriker werden aus diesen Lageberichten später einmal die Entwicklung der Psychologie rekonstruieren können. Vermutlich werden sie dann feststellen, daß ab einem bestimmtem Zeitpunkt die Gesellschaft (nicht nur auf ihren Kongressen) nicht mehr in der Lage war, alle Teilgebiete angemessen zu repräsentieren. Die Gründung von Fachgruppen innerhalb der DGPs stellt einen Versuch dar, die Interessen der Psychologie in ihren Teilen besser umzusetzen. Diese zunehmende Untergliederung ist ein dynamischer Prozeß, der noch nicht abgeschlossen ist. Die Fachgruppen werden jeweils durch eine gewählte dreiköpfige Sprechergruppe (Sprecher, Beisitzer, Kassenwart) vertreten.

Die "Fachgruppe Pädagogische Psychologie" (FPP) hat zur Zeit (1997) etwa 200 Mitglieder. Sie versteht sich als die fachpolitische Vereinigung in Forschung und Lehre der mit der Pädagogischen Psychologie (PP) Verbundenen. Sie hat die Aufgabe, die PP weiterzuentwickeln. Dazu gehören u.a die Bestandsaufnahmen über den Status quo der PP in Forschung und Lehre; die Sicherung von Standards für Forschung und Lehre; das Anregen und Erschließen neuer inhaltlicher Felder; das Erschließen und Fördern qualitativ hochwertiger Publikationsmöglichkeiten; die Förderung der inter- und intradisziplinären Kommunikation auf nationaler und internationaler Ebene; die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses; die politische Vertretung der PP und die Öffentlichkeitsarbeit.

Ihren sichtbarsten Ausdruck findet die Aufgabenerfüllung in den regelmäßigen FPP-Tagungen.

2 Die erste Dekade

Die FPP wurde anläßlich des 35. DGPs-Kongresses 1986 in Heidelberg gegründet. Damit ist sie eine der ältesten Fachgruppen; auf dem 40. Kongreß in München 1996 wurde die FPP um weitere 10 Jahre verlängert. Vorausgegangen war eine Phase unterschiedlicher Aktivitäten, in der ein Koordinationskreis die Gründung vorbereitete. Die Mitglieder waren Echterhoff, Heller, Klauer, Kötter, Mandl und Rollett. Der Höhepunkt der Gründungsphase war 1985 die Arbeitstagung "PP" in Trier, gewissermaßen ein Probelauf für die späteren FPP-Tagungen. In den Plenarveranstaltungen wurden vorwiegend programmatische Gesichtspunkte der PP diskutiert. Später folgten im zweijährigen Rhythmus FPP-Tagungen. Neben der Verantwortung für die FPP-Tagungen hatte sich jede Sprechergruppe spezifische Ziele gesteckt.

Die erste Sprechergruppe (Mandl, Klauer, Heller) amtierte zwei Wahlperioden (1987 bis 1991). Während dieser Zeit wurde die FPP konsolidiert und erfolgreich in der nationalen und internationalen Gemeinschaft verankert.

Die zweite Sprechergruppe (Hofer, Weidenmann, Minsel; 1991 bis 1993) hat sich besonders um das Zeitschriftenwesen (--> Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, --> Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie; -> Psychologie in Erziehung und Unterricht) bemüht und den ersten FPP-Newsletter herausgebracht.

Der Newsletter wurde dann in der Amtszeit der dritten Sprechergruppe (Jäger, Steffens, Minsel; 1993 bis 1995) konsolidiert.

Die vierte Sprechergruppe (Langfeld, Jäger, Wild; 1995 bis 1997) legte einen Schwerpunkt auf die Lehre der PP und richtete die Homepage der FPP im Internet ein.

3 Beiträge auf Fachgruppentagungen

Üblicherweise werden die verschiedenen Beiträge einer PP-Tagung organisatorisch in Arbeitsgruppen zusammengefaßt. Eine Inhaltsanalyse und Kategorisierung der Arbeitsgruppentitel der bisherigen Tagungen zeigt, daß das gesamte Spektrum der PP angesprochen wird. Etwas mehr als die Hälfte aller Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit folgenden Themenbereichen (Rangreihe): Wissen, Denken, Kognition; Forschungsprobleme und Methodik; Soziale Interaktion und soziale Probleme; Pädagogisch-psychologische Diagnostik.

Die weiteren Themenbereiche sind (alphabetisch): Computer und Lernen; Bewältigung von Entwicklungsaufgaben; Evaluation, Fördermaßnahmen für unterschiedliche Gruppen; Geschlechtsunterschiede; Gesundheit; Instruktion; Medien; Motivation; Schulpsychologische Fragestellungen; Weiterbildung.

4 Derzeitige Probleme

PP ist wieder überall ein verbindliches Prüfungsfach geworden und hat an Bedeutung gewonnen. Die Gründung der FPP und ihre Entwicklung spricht für die Akzeptanz des Fachs. Dennoch sind kritische Punkte nicht zu übersehen, z.B. die relativ geringe Anzahl genuin pädagogisch-psychologischer Forschungsthemen innerhalb der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vergleichbarer Institutionen (Spada, 1997, Abb. 6); die geringe Vertretung auf den großen Kongressen der DGPs; die unzureichende Berücksichtigung neuer Entwicklungen, die eigentlich eine Domäne der PP sein sollten (wie Teleteaching, Lernen mit Multi-Media, Fort- und Weiterbildung in der Arbeitswelt); die geringe Kontinuität in der Fortschreibung einiger traditioneller wichtiger Themen (wie die -> Pädagogisch-psychologische Diagnostik; Langfeldt, 1993; Langfeldt & Trolldenier, 1993); die geringe Resonanz der Forschungsergebnisse in der pädagogischen Praxis (Bildungs- und Schulpolitik finden eher unter Ausschluß der PP statt); die Defizite in der Nachwuchsförderung.

Einige dieser Probleme treffen für nahezu alle Teilgebiete der Psychologie zu, andere sind spezifisch. Letztere hängen damit zusammen, daß auf dem Gebiet der etwa im Gegensatz zur Klinischen Psychologie - für Diplom-Psychologen weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Die Anzahl Schulpsychologischer Dienste ist gering und rückläufig, Arbeitsplätze in Erziehungsberatungsstellen wurden weitgehend der Klinischen Psychologie überlassen. Dennoch ist pädagogisch-psychologische Forschung gesellschaftlich für den gesamten Bildungs- und Ausbildungsbereich notwendig. Es besteht eine gravierende Diskrepanz zwischen dem Bedarf an pädagogisch-psychologischer Expertise und dem an entsprechend praktizierenden Psychologen. Die meisten Anwender pädagogisch-psychologischen Wissens sind Nicht-Psychologen (z.B. Lehrer, Erzieher, Ausbilder).

5 Kontinuität und Veränderung

Aus den Anforderungen an die PP ergibt sich die Notwendigkeit, in zentralen Bereichen Kontinuität zu wahren und sich gleichzeitig auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. In diesem Sinne bieten sich für die nahe Zukunft folgende inhaltliche Orientierungen an:

  • Qualifizierung der Lehrenden an Hochschulen ist eine Angelegenheit der PP. Sie verfügt über die notwendigen instruktions- und lernpsychologischen Konzepte, mit denen eine solche Qualifizierung prinzipiell erreichbar ist.
  • Eine Voraussetzung zur Verbesserung der Lehre ist deren Evaluation. Auch hierzu kann die PP über erfolgversprechende Ansätze und Erfahrungen beitragen (--> Evaluation der Lehre).
  • Lernen und Lehren sind nur durch Feed-back Prozesse zu optimieren. Eine fundierte --> Pädagogisch-psychologische Diagnostik ist dafür unabdingbare Voraussetzung.
  • Aus-, Fort- und Weiterbildung sind ohne Kenntnisse der PP nicht zu vermitteln. Die Ausbildung der Ausbilder in Wirtschaft und Verwaltung bietet sich daher als wichtiges Praxisfeld an.

Solchen und ähnlichen Herausforderungen wird sich die FPP stellen müssen.

Im Gegensatz zu früheren Jahren werden die wissenschaftlichen Institutionen eher wieder vor der Aufgabe stehen, genügend qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen (Mummendey 1996; Wild & Kracke, 1996). Auch die FPP wird daher Anstrengungen unternehmen müssen, leistungsfähigen Nachwuchs für das Fach "PP" zu interessieren. Die Bildung eines fachlichen Interesses beginnt bereits im Studium. Die eigentlich "kritische" Phase für die Identifikation mit einem Fach dürften jedoch die ersten Berufsjahre zwischen Diplom und Promotion sein (Klein-Allermann, 1994). Nur 3% der Mitglieder der FPP befinden sich in dieser Phase (40% sind promovierte Mitarbeiter, 57% sind Professoren). Die Fernbindung in die FPP stellt somit für die meisten Mitglieder eher die äußerlich sichtbare Konsolidierung einer bereits getroffenen beruflichen Entscheidung dar. Die Folgerungen für die Rekrutierung qualifizierten Nachwuchses sind offensichtlich: Mehr als bisher wird die FPP, teilweise in Konkurrenz zu den Fachgruppen der anderen Fächer, sich gerade den Berufsanfängern zuwenden müssen.

6. Information über die Fachgruppe im Internet und Fachgruppentagungen

Die Homepage der FPP ist über die Dokumentation der Fachgruppen in der DGPs ereichbar:

www.dgps.de/gruppen/fachgruppen.htnil.

Die nachfolgende Auflistung informiert über die bisherigen FPP-Tagungen:

Tagung Pädagogische Psychologie (Trier 1985). Organisation: Mandl und Schnotz. Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1986), 32, 74-78; Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1986), 18, 89-96.

  1. Faehgruppentagung (Tübingen 1987). Organisation: Huber und Mandl. Tagungsberichte: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1988), 20, 99-102; Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1988), 2, 151-152.
  2. Fachgruppentagung (München 1989). Organisation: Heller. Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1990), 36, 157-160; Zeitschrift für Entwicklungpsychologie und Pädagogische Psychologie (1990), 22, 176-178.
  3. Fachgruppentagung (Köln 1991). Organisation: Steffens. Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1992), 38, 159-160; Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1992), 24, 83-89; Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1992), 6, 85-86.
  4. Fachgruppentagung (Mannheim 1993). Organisation: Hofer. Tagungsberichte: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1994), 26, 94-99; Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1994), 8, 57-58.
  5. Fachgruppentagung (Leipzig 1995). Organisation: Witruk. Tagungsberichte: Newsletter Pädagogische Psychologie (1996), (1), 8-10; Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1995), 9, 227-228.
  6. Fachgruppentagung (Frankfurt am Main 1997). Organisation: Langfeldt.

Literatur

Klein-Allermann, E. (1994). Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses aus der Sicht von Betreuern und Betreuten. Newsletter Pädagogische Psychologie, 1994 (1), 27-37.

Langfeldt, H.-P. (1993). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. In A. Schorr (Hrsg), Handwörterbuch der Angewandten Psychologie (S. 486-491). Bonn: Deutscher Psychologen Verlag.

Langfeldt, H: P. & Trolldenier, H.-P. (Hrsg.). (1993). Pädagogisch-psychologische Diagnostik. Heidelberg: Asanger.

Mummendey, A. (1996). Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Psychologie. Entwicklung und Probleme des Doktorandenstudiums. In B. Kracke & E. Wild (Hrsg.), Arbeitsplatz Hochschule (S. 117-142). Heidelberg: Mattes.

Spada, H. (1997). Lage und Entwicklung der Psychologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Psychologische Rundschau 48, 1-15.

Wild, E. & Kracke, B. (1996). Zwischen Selektion und Sozialisation. In B. Kracke & E. Wild (Hrsg.), Arbeitsplatz Hochschule (S. 117-142). Heidelberg: Mattes.


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