Zehn Jahre Fachgruppe Pädagogische Psychologie in der Deutschen Gesellschaft für Psychologie

Hans-Peter Langfeldt, Reinhold S. Jäger & Klaus-Peter Wild

1. Aufgaben der Fachgruppe

Die Fachgruppe versteht sich als die fachpolitische Vereinigung derjenigen Kolleginnen und Kollegen, die in Forschung und Lehre mit der Pädagogischen Psychologie verbunden sind. Ihre zentrale Aufgabe ist die Weiterentwicklung des Faches. Dazu gehören u.a.:

  • Bestandsaufnahmen über den Status quo des Faches in Forschung und Lehre
  • Etablieren und Bewahren von Standards für Forschung und Lehre
  • Anregen und Erschließen neuer inhaltlicher Felder
  • Erschließen und Fördern qualitativ hochwertiger Publikationsmöglichkeiten
  • Förderung der inter- und intradisziplinären Kommunikation auf nationaler und internationaler Ebene
  • Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses
  • politische Vertretung des Faches und Öffentlichkeitsarbeit

Ihren sichtbarsten Ausdruck findet die Aufgabenerfüllung in den regelmäßigen Fachgruppentagungen.

2. Die erste Dekade

Die Fachgruppe wurde von der Mitgliederversammlung der DGPs anläßlich ihres 35. Kongresses 1986 in Heidelberg genehmigt. Damit ist sie eine der ältesten Fachgruppen; auf dem 40. Kongreß in München 1996 wurde die Fachgruppe um weitere 10 Jahre verlängert. Zur Zeit hat sie fast 200 Mitglieder.

Vorausgegangen war eine Phase unterschiedlicher Aktivitäten, in der ein Koordinationskreis die Gründung vorbereitete. Die Mitglieder waren Wilfried Echterhoff, Kurt A. Heller, Karl Josef Klauer, Ludwig Kötter, Heinz Mandl und Brigitte Rollett.

Der Höhepunkt der Gründungsphase war eine Arbeitstagung "Pädagogische Psychologie" in Trier 1985. Sie war so etwas wie ein Probelauf für die späteren Fachgruppentagungen. In den Plenarveranstaltungen wurden vorwiegend programmatische Gesichtspunkte der Pädago-gischen Psychologie diskutiert.

Berichte über diese Tagung sind nachzulesen in: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1986), 32, 74 - 78 Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1986), 18, 89-96.

Neben dem Übernehmen der Verantwortung für das Stattfinden der Fachgruppentagungen haben sich alle Sprechergruppen spezifische Ziele gesteckt, die meist eine mühevolle Kleinarbeit erfordern und für die häufig gilt, daß der Fortschritt eine Schnecke ist.

Die erste Sprechergruppe, Heinz Mandl, Karl Josef Klauer & Kurt A. Heller, amtierte zwei Wahlperioden lang (1987 - 1991). Während dieser Zeit wurde die Fachgruppe konsolidiert und erfolgreich in der nationalen und internationalen Gemeinschaft verankert.

Die Sprechergruppe Manfred Hofer, Bernd Weidenmann & Beate Minsel (1991 - 1993) hat sich besonders um das Zeitschriftenwesen bemüht und 1993 den ersten Newsletter herausgebracht.

In der Amtszeit von Reinhold S. Jäger, Karl Steffens & Beate Minsel (1993 - 1995) gelang es, den Newsletter der Fachgruppe als Verlagserzeugnis zu etablieren (Verlag Empirische Pädagogik, Landau, ISSN 0947-5702).

Die vierte Sprechergruppe (Langfeldt, Jäger, Wild: 1995 - 1997) versuchte die Profilbildung des Faches in der Lehre zu fördern. Es wurde eine Internet-Beauftragte (Margarete Imhof) ernannt und eine Homepage eingerichtet.

Die fünfte Sprechergruppe (Langfeldt, Bromme, Wild: 1997 - 1999)setze diese Bemühungen fort (Bromme, 1998). Sie führten zur Einsetzung einer fachgruppenunabhängigen Kommission "Psychologie in den Lehramtsstudiengängen" durch den Vorstand der DGPs.

Die sechste Sprechergruppe (Schnotz, Bromme, Stern) nahm ihre Arbeit 1999 auf.

3. Die Fachgruppentagungen

Der Arbeitstagung in Trier folgten im zweijährigen Rhythmus die Fachgruppentagungen mit "offizieller" Zählung: Tübingen, 1987; München, 1989; Köln, 1991; Mannheim, 1993; Leipzig, 1995 (siehe die Dokumentation im Anhang).

Üblicherweise werden die verschiedenen Beiträge einer Fachgruppentagung organisatorisch in Arbeitsgruppen zusammengefaßt. Eine Inhaltsanalyse und Kategorisierung der Arbeits-gruppentitel der bisherigen Tagungen zeigt, daß das gesamte Spektrum der Pädagogischen Psychologie angesprochen wird. Etwas mehr als die Hälfte aller Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit folgenden Themenbereichen (Rangreihe):

  • Wissen, Denken, Kognition
  • Forschungsprobleme und Methodik
  • Soziale Interaktion und soziale Probleme
  • Pädagogisch-psychologische Diagnostik

Die weiteren Themenbereiche sind (alphabetisch):

  • Computer und Lernen
  • Bewältigung von Entwicklungsaufgaben
  • Evaluation
  • Fördermaßnahmen für unterschiedliche Gruppen
  • Geschlechterunterschiede
  • Gesundheit
  • Instruktion
  • Medien
  • Medien
  • Motivation
  • Schulpsychologische Fragestellungen
  • Weiterbildung

Besondere Schwerpunkte der einzelnen Tagungen sind nicht zu erkennen. Allerdings sind die Themenbereiche "Bewältigung von Entwicklungsanforderungen" und "Evaluation" erst bei den beiden letzten Tagungen hinzugekommen. Ob dies Hinweise auf eine zukünftige Tendenz sind, bleibt abzuwarten.

4. Derzeitige Probleme des Faches

Durch die Umsetzung der Rahmenprüfungsordnung, nach der Pädagogische Psychologie wieder ein verbindliches Prüfungsfach wurde, hat das Fach an Bedeutung gewonnen. Die Gründung der Fachgruppe und ihre Entwicklung zu hohem Mitgliederstand spricht für die Akzeptanz des Faches. Dennoch sind kritische Punkte nicht zu übersehen:

die relativ geringe Anzahl von genuin pädagogisch-psychologischen Forschungsthemen innerhalb der Forschungsförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vergleichbarer Institutionen (Spada, 1997, Abb. 6),

  • die geringe Vertretung auf den großen Kongressen der DGPs,
  • Defizite in der Nachwuchsförderung,
  • unzureichende Berücksichtigung neuer Entwicklungen in Bereichen, die eigentlich Domänen der Pädagogischen Psychologie sein sollten (z.B. Teleteaching, Lernen mit Multimedia, Fort- und Weiterbildung in der Arbeitswelt),
  • geringe Kontinuität in der Fortschreibung einiger traditioneller, wichtiger Themen (wie z.B. das der pädagogisch-psychologischen Diagnostik; Tent & Stelzl, 1993; Langfeldt & Tent, 1999),
  • geringe Resonanz der Forschungsergebnisse in der pädagogischen Praxis (Bildungs- und Schulpolitik finden eher unter Ausschluß der Pädagogischen Psychologie statt).

Einige Probleme, wie z.B. die der Nachwuchsförderung oder die der relativen Bedeutungslosigkeit für die gesellschaftliche Entwicklung, teilt die Pädagogische Psychologie mit anderen Gebieten der Psychologie. Ihre spezifischen Probleme mögen damit zusammenhängen, daß auf ihrem Gebiet, etwa im Gegensatz zur Klinischen Psychologie, für Diplom-Psychologinnen und Diplom-Psychologen nur wenige Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Die Anzahl von Schulpsychologischen Diensten ist gering und eher rückläufig.

Die Arbeitsplätze in Erziehungsberatungsstellen wurden weitgehend der Klinischen Psychologie überlassen. Dennoch ist pädagogisch-psychologische Forschung gesellschaftlich für den gesamten Bildungs- und Ausbildungsbereich notwendig. Es besteht eine gravierende Diskrepanz zwischen Bedarf an pädagogisch-psychologischer Expertise und dem Bedarf an entsprechend praktizierenden Psychologen und Psychologinnen. Die meisten Anwender pädagogisch-psychologischen Wissens sind Nicht-Psychologen (z.B. Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen, Ausbilder und Ausbilderinnen).

5. Die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses

Im Gegensatz zu früheren Jahren werden die wissenschaftlichen Institutionen eher wieder vor der Aufgabe stehen, genügend qualifizierten Nachwuchs gewinnen zu müssen (Mummendey, 1996; Wild & Kracke, 1996). Auch die Fachgruppe wird daher zukünftig einige Anstrengungen unternehmen müssen, leistungsfähigen Nachwuchs speziell für das Fach Pädagogische Psychologie zu interessieren.

Die Bildung eines fachlichen Interesses beginnt bereits im Studium. Die eigentlich "kritische" Phase für die Identifikation mit einem Fach dürften jedoch die ersten Berufsjahre zwischen Diplom und Promotion sein (Klein-Allermann, 1994). Nur 3 % der Mitglieder der Fachgruppe befinden sich in dieser Phase (40 % sind promovierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, 57 % sind Professoren und Professorinnen; Ausk.d. Geschäftsstelle DGPs 1996).

Die Einbindung in die Fachgruppe stellt somit für die meisten Mitglieder eher die äußerlich sichtbare Konsolidierung einer bereits getroffenen beruflichen Entscheidung dar. Die Folgerungen für die Rekrutierung qualifizierten Nachwuchses sind offensichtlich: Mehr als bisher wird die Fachgruppe, teilweise in Konkurrenz zu den Fachgruppen der anderen Fächer, sich gerade der Berufsanfänger zuwenden müssen.

6. Pädagogische Psychologie auf der Suche nach der Zukunft

Aus den Anforderungen an die Pädagogische Psychologie ergibt sich stets die Notwendigkeit, in zentralen Bereichen Kontinuität zu wahren und sich gleichzeitig auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen. In diesem Sinne bieten sich für die nahe Zukunft folgende inhaltliche Orientierungen an:

  • Qualifizierung der Lehrenden an Hochschulen ist eine Angelegenheit der Pädagogischen Psychologie. Sie verfügt über die notwendigen instruktions- und lernpsychologischen Konzepte, mit denen eine solche Qualifizierung prinzipiell erreichbar ist.
  • Eine Voraussetzung zur Verbesserung der Lehre ist deren Evaluation. Auch hierzu verfügt die Pädagogischen Psychologie über erfolgversprechende Ansätze und Erfahrungen.
  • Lernen und Lehren sind nur durch Feed-back-Prozesse zu optimieren. Eine fundierte Diagnostik ist dafür unabdingbare Voraussetzung. Das Feld der pädagogisch-psycho-logischen Diagnostik darf daherzukünftig nicht vernachlässigt werden.Aus-, Fort- und Weiterbildung sind ohne Kenntnisse der Pädagogischen Psychologie nicht zu vermitteln. Die Ausbildung der Ausbilder in Wirtschaft und Verwaltung bietet sich daher als wichtiges Praxisfeld an.

Die Fachgruppe Pädagogische Psychologie wird sich solchen und ähnlichen Herausforderungen stellen müssen.

7. Literatur

Amelang, M. (1999). Zur Lage der Psychologie: Einzelaspekte von Ausbildung und Beruf unter besonderer Berücksichtigung der ökonomischen Implikationen psychologischen Handelns. Psychologische Rundschau, 50, 2 - 13.

Bromme, R. (1998). Pädagogische Psychologie als anwendungsorientiertes Fach der Hauptdiplomausbildung: Eine (auch kontroverse) Zwischenbilanz. Psychologische Rundschau, 49, 89 - 100. Benz, W. (1994). Die Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses. Forschung & Lehre, 42, 166-171.

Klein-Allermann, E. (1994). Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses aus der Sicht von Betreuern und Betreuten. Newsletter Pädagogische Psychologie, 1/1994, 27-37.

Krampen, G. (1996). Überlegungen zur Programmatik der Pädagogischen Psychologie. Newsletter Pädagogische Psychologie 1/1996, 15 - 46.

Langfeldt, H.P. & Tent, L. (1999). Pädagogisch-psychologische Diagnostik, Band 2. Anwendungsbereiche und Praxisfelder. Göttingen: Hogrefe.

Mummendey, A. (1996). Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Psychologie. Entwicklung und Probleme des Doktorandenstudiums. In B. Kracke & E. Wild (Hrsg.), Arbeitsplatz Hochschule. Überlegungen und Befunde zur beruflichen Situation und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (S. 117-142). Heidelberg: Mattes Verlag.

Spada, H. (1997). Lage und Entwicklung der Psychologie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Psychologische Rundschau 48, 1 - 15.

Tent, L. & Stelzl, I. (1993). Pädagogisch-psychologische Diagnostik, Band 1. Theoretische und methodische Grundlagen. Göttingen: Hogrefe.

Wild, E. & Kracke, B. (1996). Zwischen Selektion und Sozialisation. In B. Kracke & E. Wild (Hrsg.), Arbeitsplatz Hochschule. Überlegungen und Befunde zur beruflichen Situation und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses (S. 117-142). Heidelberg: Mattes Verlag.

8. Anhang: Dokumentation der Fachgruppentagungen

  1. Fachgruppentagung, Tübingen 1987: Organisation: Günther L. Huber & Heinz Mandl Tagungsberichte: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1988), 20, 99-102. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1988), 2, 151 - 152.
  2. Fachgruppentagung, München 1989: Organisation: Kurt A. Heller Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1990), 36, 157 - 160. Zeitschrift für Entwicklungpsychologie und Pädagogische Psychologie (1990), 22, 176 - 178.
  3. Fachgruppentagung, Köln 1991: Organisation: Karl Steffens Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1992), 38, 159 - 160. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1992), 24, S.83 - 89. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1992), 6, 85 - 86.
  4. Fachgruppentagung, Mannheim 1993: Organisation: Manfred Hofer Tagungsberichte: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (1994), 26, 94 -99. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1994), 8, 57 -58.
  5. Fachgruppentagung, Leipzig 1995: Organisation. Evelin Witruk Tagungsberichte: Newsletter Pädagogische Psychologie (1/1996), 8 - 10. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie (1995), 9, 227 -228.
  6. Fachgruppentagung: Frankfurt am Main vom 29. September bis 1. Oktober 1997. Organisation: Hans-Peter Langfeldt.
  7. Fachgruppentagung: Fribourg / Schweiz vom 12.9.-16.9.1999, Organisation: Oser und Baeriswyl. Tagungsberichte: Psychologie in Erziehung und Unterricht (1998), 45, 316-317); Newsletter Pädagogische Psychologie (1998), (1), 57-60


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