Zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses

02.10.2007

In diesem Bericht werden einige objektive und subjektive Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in der Psychologie in Deutschland geliefert.

Einen Teil dieser Daten haben wir aus Veröffentlichungen des Statistischen Bundesamts gewonnen, den anderen haben wir aus den Ergebnissen der “Erhebung von Basisinformationen zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses (post-doc) in der Psychologie” entnommen (zur Teilnahme war in den Aktuellen Mitteilungen der DGPs, Ausgabe 8, April 2007, eingeladen worden). Damit soll das Interesse an solcher Information gestillt werden, das gelegentlich an uns als Beauftragte des Wissenschaftlichen Nachwuchses der DGPs herangetragen wurde.

 

Aus Quellen des Statistischen Bundesamts extrahierte Daten:

Die Psychologie weist in den letzen fünf Jahren eine relativ stabile Zahl an Nachwuchswissenschaftler(innen) auf. Zwischen 2001 und 2005 lag die Zahl der Promotionen pro Jahr zwischen 351 und 486 (im Mittel 362; zum Vergleich Biologie 1776 und Erziehungswissenschaften 302). Die Zahl der Habilitationen pro Jahr lag im gleichen Zeitraum zwischen 45 und 61 (im Mittel 53; zum Vergleich Biologie 113 und Erziehungswissenschaften 38). Also etwa 10% der jährlich ca. 3000 Psychologieabsolventen werden promoviert und weniger als 2% habilitieren sich. Dies bedeutet, dass sich etwa jeder sechste oder siebte der promovierten Psycholog(inn)en habilitiert. In dieser Phase zwischen Promotion und Habilitation wird sich in der Regel die Vornahme einer langfristigen wissenschaftlichen Laufbahn manifestieren. Wie viele diesen Weg tatsächlich einschlagen und wie viele davon dieses Ziel, in welchem Bereich und mit welchem Anstellungsverhältnis tatsächlich erreichen, kann man den vorliegenden Daten nicht entnehmen. Ein „Standardweg“ ist sicherlich die Erlangung einer Professur. Wenn man bedenkt, dass in 2005 in der Psychologie insgesamt 340 Professuren (W2, C3, W3, C4; zum Vergleich Biologie 970 und Erziehungswissenschaften 380) gab, scheint der wissenschaftliche Nachwuchs zahlenmäßig hinreichend, um die freiwerdenden Professuren zu besetzen. Es ist aber auch offensichtlich, dass nicht alle über die Promotion und Habilitation einschlägig qualifizierten Nachwuchswissenschaftler(innen) eine Anstellung auf eine Professur realisieren können. Im Vergleich mit den benachbarten Wissenschaften Biologie und Erziehungswissenschaften fällt auf, dass (gemessen am Verhältnis der jährlichen Habilitation zur Gesamtzahl der Professuren) der „Konkurrenzdruck“ in der Psychologie auf eine Professur relativ groß ist (Psychologie 0.16 versus Biologie 0.12 und Erziehungswissenschaften 0.10). Neben der Professur gibt es noch andere Möglichkeiten, langfristig (zumindest auch) wissenschaftlich tätig zu sein, nämlich auf entfristeten „Mittelbau“stellen an Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen (u.a. an einem der zahlreichen Leibniz- oder Max-Planck-Institute). Viele Nachwuchswissenschaftler(innen) wählen auch eine wissenschaftliche Karriere im Ausland (insbesondere UK und USA). Dieser Schritt ist durchaus nicht immer dem Missstand geschuldet, in Deutschland keine Stelle zu finden, sondern ist auch oft durch bessere Forschungsmöglichkeiten bzw. durch geringere Belastung in Lehre und Administration begründet.

 

Aus den bisherigen Daten wird jedoch nicht deutlich, wie sich die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses hinsichtlich der Anstellungsverhältnisse, der kurzfristigen Perspektiven, der inhaltlichen wissenschaftlichen Orientierung sowie der subjektiven Erwartungen und Wünsche gestaltet. Solche Daten sind schwieriger zu beschaffen, aber möglicherweise für die “Betroffenen” und das Fach durchaus interessant. Unsere Umfrage in aktuellen Mitteilungen der DGPs vom April 2007 stellte einen Versuch dar, einen ersten Eindruck zu gewinnen. Dieser Versuch ist insofern gescheitert, als wir bis Juli 2007 nur 63 ausgefüllte Bögen erhielten (33 Frauen und 30 Männer; Durchschnittsalter 31 Jahre), die Datenbasis also klein ist und die Ergebnisse nicht repräsentativ sind. Weil sich nach unserer Ansicht dennoch einige berichtenswerte Daten ergeben haben und weil den Antwortenden die Bekanntmachung der Ergebnisse in Aussicht gestellt war, sei hier eine Zusammenfassung erlaubt.

 

Aus den Ergebnissen der Umfrage (Aktuelle Mitteilungen der DGPs, Ausgabe 8, April 2007) extrahierte Daten:

50 der 63 Antwortenden gaben an, auf einer Planstelle beschäftig zu sein, die anderen waren über Drittmittel oder Stipendien finanziert. Die Mehrheit, aber nicht alle, dieser „post-docs“ waren ganztags beschäftigt (zwei im Ausland). Die Arbeitsverträge waren meist sehr kurz terminiert; der Median des Vertragsendes war August 2008; in etwas mehr als der Hälfte der Fälle war eine Verlängerung der jetzigen Stelle möglich. Die Antwortenden hatten die Promotion zwischen 1995 und 2007 abgeschlossen (Median 2004), fünf waren habilitiert. Interessanterweise strebten die meisten der Teilnehmer(innen) (51) die Habilitation an. Der geplante Abschluss des Habilitationsverfahrens lag 2007 und 2012 (Median Ende 2008). Trotz des neuen Modells „Juniorprofessur“ stellt die Habilitation also für den Nachwuchs nach wie vor den Königsweg der wissenschaftlichen Qualifizierung dar.

 

Fast alle der Befragten (60) gaben an, eine wissenschaftliche Laufbahn anzustreben; die meisten davon mit Berufsziel „Professur“. Dabei ist zu bedenken, dass sich wissenschaftlich Ambitionierte möglicherweise eher bereit finden, den Erhebungsbogen zu bearbeiten. Interessanterweise planten jedoch nur wenige „mit Sicherheit“ (8) oder „eher ja“ (5) definitiv eine (längere) berufliche Tätigkeit im Ausland. Dies ist zum einen verwunderlich, weil ein Auslandsaufenthalt häufig als der wissenschaftlichen Karriere förderlich eingeschätzt wird, und zum anderen, weil es diverse Möglichkeiten gibt, ein- bis zweijährige Auslandsaufenthalte zu finanzieren, beispielsweise über Forschungsstipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) oder des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Die angegebenen Forschungsschwerpunkte decken das Spektrum der Psychologie ab. Wenn man die Angaben den Fächern des Fachkollegiums “Psychologie” der DFG zuordnet (110-01 “Allgemeine und Physiologische Psychologie, Biopsychologie, Methoden und Evaluation”; 110-02 “Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie”; 110-03 “Sozialpsychologie, Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie”; 110-04 “Klinische, Differentielle und Diagnostische Psychologie, Medizinische Psychologie”), sind im Bereich 110-01 die meisten Nennungen zu finden (45 von 112; Mehrfachnennungen möglich) gefolgt von den Bereich 110-04 (31), 110-03 (20) und 110-02 (10). Der Bereich110-01 ist auch bei der DFG mit den meisten Fachkollegiaten besetzt, zeichnet sich mit über 50 % der Arbeiten durch die höchste Anglisierungsquote resp. internationale Publikationstätigkeit aus (vgl. Krampen, G., Montada, L., Müller, M.M. & Schui, G. (2005). Internationalität und Internationalisierung der deutschsprachigen Psychologie: Fakten, Bewertungen, Erfahrungen und Empfehlungen von Experten. Göttingen: Hogrefe), und dieser Bereich weist nach unserer Erfahrung entsprechend auch die meisten Bewerbungen in Berufungsverfahren mit entsprechender Denomination auf.

 

Des weiteren waren 52 der Befragten Mitglied der DGPs. Dieser hohe Anteil ist wohl der Platzierung der Erhebung in den „Aktuellen Mitteilungen der DGPs“ geschuldet. Interessant ist jedoch, dass fast alle (49) auch in einer oder (meist sogar) mehreren Fachgruppen organisiert sind. Dies kann als Indiz für eine hinreichende Einbindung des Nachwuchses in die einschlägigen „scientific communities“ gesehen werden.

 

Fazit:

Die Statistik belegt einen über die Jahre stabilen Anteil an Nachwuchswissenschaftler(inne)n in der Psychologie mit durchschnittlich 362 Promotionen und 53 Habilitationen pro Jahr. Die aus einer kleinen Stichprobe gewonnenen Ergebnisse unserer Erhebung deuten daraufhin, dass die meisten in der „post-doc“-Phase befindlichen Personen eine langfristige Karriere in der Wissenschaft anstreben. Die tatsächlichen Zeitdauer der Arbeitsverträge ist jedoch relativ kurz: vom Tag der Erhebung bis zum Vertragsende beträgt der Median der Angaben ca. 1 1/2 Jahre (mehrheitlich jedoch mit Verlängerungsoption). Der Anteil der grundlagenwissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte scheint in diesem Personenkreis relativ groß zu sein. Überraschenderweise strebt nur ein geringer Anteil der Befragten eine längere berufliche Tätigkeit im Ausland an (dummerweise haben wir vergessen zu erheben, wer schon für längere Zeit im Ausland tätig war). Der vorliegende Bericht ist insgesamt sicherlich bruchstückhaft (viele wichtige Informationen fehlen), stellt aber hoffentlich einen Anstoß dar, über die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses nachzudenken. Dies sollte sowohl dem wissenschaftlichen Nachwuchs als auch dem Fach nützen.

 

Sigrun-Heide Filipp und Erich Schröger

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