Positionspapier zu Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen: Anforderungen aus arbeits- und organisationspsychologischer Sicht

30.09.2016

verabschiedet vom Vorstand der DGPs am 18. September 2016 in Leipzig

In dem Positionspapier wird argumentiert, dass die Arbeits- und Organisationspsychologie eine wesentliche Grundlage für eine qualifizierte Durchführung von nach dem Arbeitsschutzgesetz vorgesehenen Gefährdungsbeurteilungen (GBU) psychischer Belastungen ist. Das Positionspapier richtet sich an die Akteure, die mit GBU befasst sind, an Verbände und Politikvertreter. Die Ausführungen werden im Anhang näher erläutert.

Das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) sieht vor, dass zum Schutz der Arbeitenden Gefährdungen bei der Arbeit vermieden werden. In §5 des ArbSchG sind Gefährdungsbeurteilungen (GBU) gesetzlich vorgeschrieben. Psychische Belastungen werden explizit aufgeführt. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA), ein Zusammenschluss von Bund, Ländern, gesetzlicher Unfallversicherung und Berufsgenossenschaften, schlägt bei Gefährdungsbeurteilungen einen Phasenverlauf vor, der nach einer Festlegung von zu berücksichtigenden Arbeitsbereichen und Tätigkeiten die Ermittlung der Gefährdungen (Analyse), deren Beurteilung (Festlegung Handlungsbedarf), das Festlegen und Durchführen von Maßnahmen (Intervention) sowie deren Überprüfung (Evaluation) umfasst. Der Prozess ist zu dokumentieren; bei Änderung der Gegebenheiten ist eine Fortführung der Gefährdungsbeurteilung vorgesehen. Das Gesetz fordert, an den Arbeitsbedingungen anzusetzen: Gefahren sind - unter Berücksichtigung arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse - an ihrer Quelle zu bekämpfen. Für eine qualifizierte und verantwortungsvolle Durchführung von GBU sind Erkenntnisse der Arbeits- und Organisationspsychologie erforderlich.

Ein qualitativ hochwertiger Prozess der psychischen Gefährdungsbeurteilung ist nur dann gegeben, wenn die Verfahren zur Erfassung der psychischen Gefährdungen mindestens die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Die Verfahren erfassen die Merkmale der Arbeit und sind somit bedingungsbezogen. Sie berücksichtigen die Merkmale, die in der arbeitspsychologischen Forschung als relevant für die Gesundheit nachgewiesen wurden – d.h. (1) Fehlbelastungen, wie z.B. Zeitdruck und (2) Ressourcen, wie z.B. Handlungsspielraum.
  • Die Verfahren werden gemäß ihrem Zweck eingesetzt (Screening, Feinanalyse, aktivierende Verfahren usw.).
  • Die Verfahren erfüllen die Testgütekriterien. Bei quantitativen Verfahren sind dies Objektivität, Reliabilität und Validität, bei qualitativen Verfahren gilt der Anspruch der Transparenz und Nachvollziehbarkeit (mithin besondere Anforderungen an die Dokumentation des Vorgehens und der Ergebnisse).
  • Neue Verfahren sind dann angemessen, wenn noch keine geeigneten Instrumente vorliegen oder wenn durch sie bessere Testgütekriterien erreicht werden.

Um diese Kriterien realisieren zu können und um einen qualitativ hochwertigen Prozess der psychischen Gefährdungsbeurteilung zu gewährleisten, müssen die Verantwortlichen über Kompetenzen in mehreren Bereichen verfügen:

  1. Kenntnisse über die Kriterien gut gestalteter Arbeit. Dies umfasst Kenntnisse relevanter theoretischer Modelle und des Forschungsstandes zu gesundheitlichen Auswirkungen von Arbeitsmerkmalen. Besonders zu berücksichtigen sind dabei Belastungen und Ressourcen.
  2. Kenntnisse der Analyseinstrumente und ihrer Einsatzmöglichkeiten. Erforderlich sind Kenntnisse und Erfahrung in der Organisation von Datenerhebung und Datenauswertung (z.B. Repräsentativität, Umgang mit fehlenden Werten, sozialer Erwünschtheit, Freiwilligkeit, Selektivität, Anonymität, Vertraulichkeit, Datenschutz usw.). Dazu gehören auch Erfahrungen in der Instrumentenentwicklung und in der Entwicklung von pragmatischen, aber vertretbaren Lösungen. Erforderlich sind schließlich Fähigkeiten zur Entwicklung von Kriterien zur Beurteilung ermittelter psychischer Belastungen unter Berücksichtigung theoretischer Modelle von Mehrfachbelastungen und Wechselwirkungen.
  3. Fähigkeit zur Ableitung von Arbeitsgestaltungsmaßnahmen. Dazu gehören Kenntnisse des bedingungsbezogenen Ansatzes und damit die Differenzierung von Verhältnis-vs. Verhaltensprävention, sowie die Differenzierung von Bedingungsanalyse vs. Individualdiagnostik.
  4. Kompetenz zum Steuern komplexer Prozesse mit unterschiedlichen Zielgruppen und ggf. divergierenden Interessen, Konflikten oder Widerstand gegen Veränderungen. Hier geht es vor allem um die Fähigkeit zur Konzeption eines Gesamtprozesses und zur Sicherung von Nachhaltigkeit. Wesentliche Elemente bestehen in der Fähigkeit zur Initiierung und Steuerung partizipativer Prozesse, zur Einbeziehung des (arbeits-) rechtlichen Rahmens und der Struktur eines Betriebes, zur interdisziplinären Zusammenarbeit sowie in der Reflexion der eigenen Rolle und deren Wirkung auf andere.
  5. Evaluationskompetenz: Um Controlling zu gewährleisten müssen relevante Kriterien eines Evaluationsdesigns einschließlich betriebswirtschaftlicher Evaluation bekannt sein.

Eine verantwortungsvolle Durchführung von GBU ist mit komplexen Anforderungen verbunden, die fundiertes Fachwissen und Prozesskompetenzen verlangen. Fachwissen ist insbesondere erforderlich in Hinblick auf die Kenntnisse des theoretischen und empirischen Forschungsstandes über den Zusammenhang zwischen Arbeitsmerkmalen und Gesundheit bzw. Krankheit sowie Prinzipien der Arbeitsgestaltung.

Grundlegende Kompetenzen in diesem Bereich werden entsprechend der Empfehlungen der DGPs bereits im BSc Psychologie im Rahmen der Methodenausbildung und der Arbeits- und Organisationspsychologie vermittelt. Im Masterstudium werden diese Grundkenntnisse und Interventionsdesigns in der Methodenausbildung und der Arbeits- und Organisationspsychologie vertieft und auf anwendungsbezogene arbeitspsychologische Fragestellungen angewandt. Ein Psychologiestudium das eine Vertiefung im Fachgebiet Arbeits- und Organisationspsychologie und insbesondere im Schwerpunkt Arbeit und Gesundheit anbietet, vermittelt somit wichtige Handlungsvoraussetzungen für die Durchführung von GBU. Um den Kreis derjenigen, die GBU qualifiziert durchführen können, zu erweitern, ist geplant, eine Weiterbildung für Fachpsychologen im Bereich Sicherheit und Gesundheit in der Arbeitswelt anzubieten.

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Erarbeitet vom Arbeitskreis Gefährdungsbeurteilung im Auftrag der Fachgruppe Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie, stellvertretend Eva Bamberg, Gisela Mohr, Rainer Wieland

 

 

Die Langfassung des Positionspapiers kann hier abgerufen werden:

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