Laudatio Tobias Brosch

Dr. Tobias Brosch

Prämiert wird die Dissertationsschrift mit dem Titel “An Appraisal Theory Perspective on Emotional Attention" vorgelegt von Herrn Dr. Tobias Brosch. Während eines Aufenthaltes an der University of Canterbury von 2003 bis 2004 erwarb er einen M.Sc. in ”Cognitive Psychology/Neuropsychology" und schloss das Psychologie-Studium an der Universität Trier 2005 mit dem Diplom ab. Von 2005 bis 2008 promovierte er an der Universität Genf am Nationalen Forschungszentrum für affektive Wissenschaften, das von Klaus Scherer geleitet wird.

In seiner Dissertation entwickelte Dr. Brosch ein theoretisches Modell der Aufmerksamkeitsmodulation durch emotionale Stimuli. Während dieses Phänomen bisher in der Literatur als spezifisch für furchtrelevante Stimuli im Kontext eines spezialisierten neuronalen “Furchtmoduls” angesehen wurde, wird es in Broschs Modell als eine Funktion der emotionalen Relevanz eines Stimulus für die Bedürfnisse und Ziele des Organismus konzeptualisiert und im Hinblick auf die kognitive Prozessebene und ihre neuronalen Grundlagen beschrieben.

In einer Reihe empirischer Studien konnte Dr. Brosch in seiner Dissertation nachweisen, dass emotionale Aufmerksamkeitszuwendung sowohl von positiven wie auch negativen emotionalen Stimuli mit hoher biologischer Relevanz (wie etwa das klassische “Kindchen-Schema”) moduliert wird, und daher nicht auf furchtrelevante Stimuli beschränkt ist. In weiteren empirischen Arbeiten untersuchte er die Frage, ob die Aufmerksamkeitspriorisierung emotionaler Information, die bislang nur innerhalb einer sensorischen Modalität betrachtet wurde, auch zwischen verschiedenen sensorischen Modalitäten agiert. Durch Reaktionszeit- und EEG-Studien demonstrierte er eine Modulation visueller Aufmerksamkeit durch emotionale Prosodie, deren Effekte sehr früh im visuellen Kortex messbar sind. Diese Ergebnisse zeigen, dass die Priorisierung emotional relevanter Stimuli supramodal organisiert ist, wodurch es möglich ist, Stimulusinformationen, die über verschiedene sensorische Kanäle vermittelt wird, zu integrieren.

In seiner Dissertation entwickelte Tobias Brosch eine neue, originelle Perspektive in einem Forschungsbereich, in dem in den letzten Jahren zwar eine große Anzahl verschiedener empirischer Arbeiten erschienen ist, in dem jedoch nur wenig theoretische Weiterentwicklung stattgefunden hat. Durch eine theoriegeleitete Integration von Forschungsergebnissen aus verschiedenen psychologischen (Emotionspsychologie, klinische Psychologie, Sozialpsychologie) und neurowissenschaftlichen Feldern ermöglicht das Modell, eine Vielzahl neuer Hypothesen zur emotionalen Aufmerksamkeitsmodulation abzuleiten und empirisch zu testen.

Tobias Brosch ist es mithin gelungen, mit dieser wissenschaftlich herausragenden und konzise und prägnant verfassten Arbeit eine theoretische Brücke zwischen mehreren Subdisziplinen der Psychologie und den Neurowissenschaften zu schlagen, wobei vor allem die enge Verzahnung von Kognition und Emotion auf verschiedenen Verarbeitungsebenen erstmals präzise herausgearbeitet wird. Beeindruckend ist vor allem die Vielfalt der Methoden, mit denen Tobias Brosch das von ihm entwickelte Modell experimentell zu prüfen, eine Leistung, die umso höher zu gewichten ist, als er nicht auf etablierte Modelle zurückgreifen konnte. Zu würdigen ist insbesondere auch sein erfolgreiches Bemühen, den Forschungsansatz aus dem häufig anzutreffenden Verhaftetsein in einer einzigen Sinnesmodalität zu lösen, und die multimodale Integration zu untersuchen. Aus dem der Dissertation zugrundeliegenden Forschungsprogramm sind bereits mehrere Publikationen in international hoch angesehenen Zeitschriften hervorgegangen (u.a., Psychological Science, Journal of Cognitive Neuroscience).

Zur Zeit arbeitet Tobias Brosch, der auch den Jungforscherpreis der Schweizer Gesellschaft für Psychologie 2009 erhalten hat, als postdoctoral fellow im Labor von Elizabeth Phelps an der New York University, wo er weitere modellbasierte Hypothesen zur emotionellen Aufmerksamkeit testet und ein neues Forschungsprogramm auf dem Gebiet der Social Neuroscience begonnen hat.


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