Laudatio Wolfgang Stroebe

Mit Wolfgang Stroebe ehrt die wissenschaftliche Psychologie in Deutschland einen ihrer einflussreichsten und vielseitigsten Vertreter in den Bereichen der Sozialpsychologie und der Gesundheitspsychologie, der insbesondere aufgrund seines internationalen Engagements in diesen Disziplinen bleibende Spuren hinterlassen hat.

Wolfgang Stroebe studierte von 1961 bis 1964 Psychologie an der Universität Tübingen. Nach Abschluss des Diplomstudiengangs in Tübingen ging er 1964 mit seinem Doktorvater Wilhelm Witte nach Münster, wo er 1966 mit einer psychophysischen Arbeit zum Volumen-Gewichts-Effekt promovierte. In diesen Jahren entdeckte er sein Interesse an sozialpsychologischen Fragestellungen. Da es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland wenige Vertreter dieser Fachrichtung gab, bewarb er sich an der London School of Economics and Political Science um eine Doktorandenstelle in Sozialpsychologie und promovierte dort 1966 mit einer Arbeit über soziale Urteilsprozesse. Von London ging er als Visiting Assistant Professor an die University of North Carolina (Chapel Hill), wo damals John Schopler, Chester Insko und John Thibaut lehrten. Auf Einladung von Henri Tajfel (der externe Prüfer seiner Dissertation an der LSE), kehrte er zwei Jahre später nach England zurück, erst nach Bristol (Tajfel) als Post Doc und später nach Sussex (Marie Jahoda) als Lecturer. Danach ging er noch einmal für ein Jahr in die USA an die University of Massachusetts (Amherst), wo er mit Alice Eagly and Icek Ajzen zusammenarbeitete. Dort erreichte ihn 1972 ein Ruf auf eine Professur an die Universität Marburg, wo er bis 1979 blieb, um dann an seine alte Universität (Tübingen) zurückzukehren.

Bereits gegen Ende seiner Marburger Zeit hatte er, neben experimentell sozialpsychologischen Arbeiten, (zusammen mit Margaret Stroebe) Forschungsarbeiten zur Frage der Gesundheitsfolgen der Verwitwung begonnen. Dies war zu jener Zeit (das erste Lehrbuch der Gesundheitspsychologie erschien erst 1986) ein für einen experimentellen Sozialpsychologen äußerst ungewöhnliches Forschungsgebiet. In Tübingen hielt er dann ab Mitte der 80er Jahre Vorlesungen zur Gesundheitspsychologie, die allerdings außerhalb seines Lehrauftrages (Sozial- und Persönlichkeitspsychologie) lagen. Da er aufgrund des starren deutschen Fächerkataloges damals in Tübingen keine Möglichkeit sah, seine gesundheitspsychologischen Interessen auszubauen, nahm er 1992 einen Ruf an die Universität Utrecht (Niederlande) an, wo man den Aufbau eines gesundheitspsychologischen Schwerpunktes plante. Dort gründete er ein von der Königlichen Akademie der Wissenschaften akkreditiertes nationales Zentrum für Gesundheitspsychologie (Research Institute for Psychology & Health), das er als wissenschaftlicher Direktor von 1995 bis 2000 leitete. In dieser Zeit schlossen sich mehr als 80 Wissenschaftler aus den Niederlanden und Belgien (mit mehr als 60 Doktoranden) dem Zentrum an.

Das Beeindruckende an Stroebes wissenschaftlichem Lebenswerk ist neben der Vielzahl und Qualität der Publikationen (7 Monographien, mehr als ein Dutzend herausgegebene Bücher, 180 Zeitschriften- und Buchbeiträge) und der Tatsache, dass auch seine anwendungsbezogenen Forschungsprogramme stets theoriegeleitet waren, die außerordentliche Breite der Themen, mit denen er sich beschäftigt hat. Neben Untersuchungen und Schriften zum sozialen Urteilen, sozialen Einstellungen, Gesundheitsverhalten, Vorurteilen und ökonomischer Psychologie hat er sich insbesondere mit der Trauerforschung, der Ideenproduktion in Gruppen und der Essforschung befasst. Weiterhin hat auf jedem dieser Forschungsgebiete innovative Forschung unternommen.

Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit hat sich Stroebe auch stets um die Profilierung seines Faches bemüht. So begann er auf dem Mannheimer Kongress der DGPs 1978 (zusammen mit Dieter Frey und auf Anregung von Martin Irle) eine Initiative zur Bildung einer Sektion Sozialpsychologie, deren Vorsitzender er von 1983 bis 1987 war. Auf dem Heidelberger Kongress 1986 stellte er dann den (erfolgreichen) Antrag auf Anerkennung diese Gruppierung als Fachgruppe Sozialpsychologie. Von 1978 bis 1983 war er Mitglied des Exekutiv-Komitees der European Association of Experimental Social Psychology; zunächst in der Rolle als Sekretär und später als Präsident. In diesem Zeitraum wurden (mit äußerst knappen Mehrheiten) wichtige Veränderungen beschlossen, wie etwa die assoziierte Mitgliedschaft von Kolleginnen und Kollegen aus Israel und den USA.

In dieser Periode begannen er und Miles Hewstone auch zwei Publikationen, die für die Entwicklung der Sozialpsychologie in Europa von großer Bedeutung waren (und noch sind), nämlich das erste europäische Lehrbuch der Sozialpsychologie (Introduction to Social Psychology: A European Perspective) und die European Review of Social Psychology (ERSP). Das Lehrbuch, das zur Zeit gerade in der fünften englischen Auflage vorbereitet wird, ist inzwischen in mehr als 10 Sprachen übersetzt und zählt auch in Deutschland zu den meist gebrauchten Lehrbüchern der Sozialpsychologie. Die ERSP hat sich in 20 Jahren zu einem sehr erfolgreichen Publikationsorgan für qualitativ hochwertige Forschungsübersichten entwickelt. Beide Publikationen haben dazu beigetragen, das Profil der europäischen Sozialpsychologie international deutlich zu machen.

Mit seinen Lehrbüchern sowie der Einführungsvorlesung Sozialpsychologie, die er jährlich zu halten pflegte, hat Stroebe Generationen von Studenten für Sozialpsychologie interessiert. Er hat weiterhin eine Vielzahl von Dissertationen begleitet und einige seiner ehemaligen Doktoranden sind inzwischen selbst wieder Professoren der Sozialpsychologie.

Für seinen Beitrag zur Sozial- und Gesundheitspsychologie hat Stroebe mittlerweile auch eine Reihe von Ehrungen erhalten. Neben einer Vielzahl von Fellowships in internationalen Vereinigungen erhielt Stroebe (zusammen mit Margaret Stroebe) 2002 den Research Award “for outstanding contributions to research concerning loss” der amerikanischen Association of Death Counseling and Education. Im selben Jahr erhielt er auch ein Ehrendoktorat der Universität Louvain-la-Neuve (Belgien). Im Jahre 2005 ehrte ihn die European Association of Experimental Social Psychology mit dem Tajfel Award für “outstanding scientific achievements and contributions to the development of social psychology in Europe in general and to EASP in particular”, der nur alle drei Jahre vergeben wird. Und schließlich erhielt er bei seiner Emeritierung den königlichen Orden “Ridder in de orde van de Nederlandsche Lieuw” für seinen Beitrag zur niederländischen und europäischen Sozial- und Gesundheitspsychologie.


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