Ablauf eines Zertifizierungsvorgangs

Erläuterungen zum Ablauf eines Zertifizierungsvorgangs nach den Übergangsregelungen für die Weiterbildung in Rechtspsychologie

Stand: August 2002

Die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen hat nach jahrelangen Vorarbeiten am 18.11.1995 eine “Ordnung für Weiterbildung in Rechtspsychologie” (WBORP) verabschiedet. Die WBORP regelt den regulären Weiterbildungsgang in Rechtspsychologie und enthält außerdem Übergangsregelungen zur Zertifizierung als Rechtspsychologin/Rechtspsychologe ohne Teilnahme an einem regulären Weiterbildungsgang. Ausführungsbestimmungen für diese Übergangsregelungen in Artikel 8 der WBORP erfolgten durch den von der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen eingesetzten Akkreditierungsausschuß für die Weiterbildung in Rechtspsychologie (AKARP) in einer “Zertifizierungsordnung für die Anerkennung als Rechtspsychologe/Rechtspsychologin nach den Übergangsregelungen” (ZORPÜ) am 28.01.2000. Aus sprachlichen Gründen werden im folgenden nicht durchgängig geschlechtlich differenzierende Doppelformulierungen verwendet, sondern die männliche Form als neutrale Rollenbezeichnung gebraucht. Zur Klarstellung wird betont: Die Zertifizierung als Rechtspsychologe stellt eine Maßnahme der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen (und nicht eines ihrer Mitglieder) dar. Der AKARP, der u. a. für die Zertifizierung nach den Übergangsregelungen zuständig ist, ist paritätisch mit je drei Mitgliedern des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V. (BDP) und der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e. V. (DGPs) besetzt:

  • Prof. Dr. Thomas Fabian, Leipzig, BDP, derzeit stellvertretender Vorsitzender;
  • Dr. Christine Herbig, Arnsdorf, BDP;
  • Prof. Dr. Günter Köhnken, Kiel, DGPs;
  • Prof. Dr. Friedrich Lösel, Erlangen, DGPs;
  • Dipl.-Psych. Karin Schneider-Wolber, Ransbach-Baumbach, BDP;
  • Prof. Dr. Max Steller, Berlin, DGPs, derzeit Vorsitzender.

Der AKARP hat die Annahme und die verwaltungstechnische Bearbeitung der Anträge nach den Übergangsregelungen an die Deutsche Psychologen Akademie (DPA) delegiert, die dankenswerterweise diese umfangreiche Arbeit übernommen hat. (Anmerkung: Durch diese rein organisatorische Maßnahme mögen Mißverständnisse gefördert worden sein, die Weiterbildung in Rechtspsychologie bzw. die Zertifizierung nach der Übergangsregelung sei eine Angelegenheit des BDP.)

WBORP und ZORPÜ werden hier nicht im einzelnen referiert, sondern als bekannt vorausgesetzt. Die folgenden Darstellungen sollen die Praxis der Umsetzung von WBORP und ZORPÜ näher erläutern, wobei besonders auf Sachverhalte eingegangen wird, für die offenbar trotz WBORP und ZORPÜ ein Informationsdefizit besteht.

Nach Eingang eines Antrags auf Zertifizierung nach den Übergangsregelungen bei der DPA erfolgt von dort eine Eingangsbestätigung an den Antragsteller. Aufgrund von Informationen aus dem Antrag, die von der DPA an den AKARP-Vorsitzenden übermittelt werden, erfolgt durch den AKARP eine Zuordnung von zwei Gutachtern zu dem Antrag, wobei auf Kompetenz der Gutachter für die Schwerpunkte des Antragstellers geachtet wird, die unabhängig von dem individuellen Antrag in einer Gutachterliste des AKARP vermerkt ist (s. u.). Anschließend wird von der DPA je ein Antragssatz an die benannten Gutachter gesandt, von denen eine Bearbeitungszeit von maximal drei Monaten erbeten wird. Diese Frist ist in der Vergangenheit von den Gutachtern meistens aber naturgemäß wegen der starken Arbeitsbelastung der Kollegen nicht immer eingehalten worden. Insgesamt ergibt sich eine Bearbeitungszeit von Antragstellung bis Eingang der Gutachten bei der DPA von ca. vier bis sechs Monaten.

Bei zweifacher positiver Begutachtung erfolgt anschließend eine Befassung mit dem Antrag im AKA. In der Vergangenheit hat der AKARP alle (also auch eindeutig positiv begutachtete) Anträge in seinen Sitzungen erörtert. Bei einer Frequenz von jährlich zwei bis drei Sitzungen des AKARP konnten in ungünstigen Fällen dadurch Verzögerungen von vier bis sechs Monaten eintreten. Daher ist der AKARP in der jüngeren Zeit dazu übergegangen, eindeutig positiv beurteilte und auch vom Vorsitzenden des AKARP als eindeutig unproblematisch beurteilte Anträge im Umlaufverfahren zu bescheiden. Nach positiver Bescheidung eines Antrags durch den AKARP gehen die Unterlagen an die DPA zurück, die die Zertifizierungsurkunde vorbereitet und an den AKA-Vorsitzenden sendet, der sie an den Zertifizierten weiterleitet. Aus dem dargestellten Ablauf ergibt sich für eindeutig unproblematische Anträge eine Bearbeitungszeit von mindestens ca. acht bis gegebenenfalls zwölf/vierzehn Monaten. Eine mehrmonatige Verlängerung dieser Bearbeitungszeit ergibt sich, wenn Rückfragen oder Nachforderungen beim Antragsteller nötig geworden sind (z. B. wegen nicht beglaubigter Zeugnisse oder nach dem Stichtag erstellter Fallberichte und forensischer Gutachten).

Bei doppelt negativen, kontroversen oder uneindeutigen Gutachten über einen Antrag erfolgt eine ausführliche Berichterstattung über den Antrag und die eingeholten Gutachten durch ein AKA-Mitglied. Diese Berichterstattung im Umfang einer Drittbegutachtung wird in einer folgenden AKA-Sitzung vorgetragen und diskutiert. Da die Entscheidung über die Notwendigkeit einer Berichterstattung und die Zuordnung des jeweiligen AKA-Mitglieds in manchen Fällen erst nach Erörterung in einer AKA-Sitzung erfolgen kann und die eigentliche Beschlußfassung über solche Anträge natürlich erst in einer weiteren AKA-Sitzung geschehen kann, erreicht die Bearbeitungszeit für problematische Anträge ohne weiteres mindestens achtzehn Monate, bis es zu einer Entscheidung durch den AKARP kommen kann. Hinzuzurechnen ist dann noch die Zeit für die Abfassung der Ablehnungsbegründung und ihre Versendung an den Antragsteller. Vor einer Ablehnung prüft der AKARP regelmäßig von sich aus, ob vom Antragsteller weitere Unterlagen oder Auskünfte einzuholen sind oder ob der Antragsteller vom AKARP auf die Möglichkeit hingewiesen werden soll, daß er gemäß WBORP in Verbindung mit der ZORPÜ ein Kolloquium beantragen kann. In solchen Fällen verlängert sich die Bearbeitungszeit auf ca. zwei Jahre.

Ablehnungen können nach der WBORP in Verbindung mit der ZORPÜ auch ohne Angebote von Nachbesserungen oder Kolloquien durch den AKARP vorgenommen werden. Dies ist in der Vergangenheit erfolgt, und zwar dann, wenn der AKARP eine Zertifizierung auch nach solchen Maßnahmen für nicht möglich hielt.

Bei abgelehnten Zertifizierungsanträgen erhalten Antragsteller vom AKA-Vorsitzenden diese Mitteilung mit einer kurzen inhaltlichen Begründung der Ablehnung. Zu Beginn seiner Tätigkeit hatte der AKARP die Meinung vertreten, daß aufgrund der Komplexität der Beurteilungsvorgänge, der Anonymität der tätig gewordenen Gutachter und des enormen zeitlichen Aufwands für den AKARP eine Ablehnungsbegründung gar nicht erfolgen sollte. Ein derartiger Vorgang ist im wissenschaftlichen Kontext (z. B. Forschungsförderung) keineswegs ungewöhnlich. Der AKARP hat sich aufgrund von Hinweisen und Anregungen, auch von seiten des Föderationsvorstands, dahin gehend umstimmen lassen, daß nunmehr eine Ablehnungsbegründung gegeben wird.

Die Ablehnungsschreiben erfolgen ohne sogenannte Rechtsmittelbelehrung, was zuweilen gerügt wird. Da die rechtlichen Gegebenheiten aber keineswegs eindeutig erscheinen, diesbezügliche Vorgaben durch den Föderationsvorstand an den AKARP nicht erfolgten und alle AKA-Mitglieder Psychologen sind, würden “Rechtsmittelbelehrungen” am Schluß der Ablehnungsschreiben des AKA-Vorsitzenden rechtlichen Mutmaßungen entsprechen. Auch ohne jeglichen (“rechtlichen”) Hinweis kann sich ein abgelehnter Antragsteller mit einem begründeten Widerspruch gegen seine Ablehnung an den AKARP wenden. Dies ist der Vergangenheit auch geschehen. In einigen Fällen führte dies insofern zur Änderung der Entscheidungen des AKA, als zum Beispiel die zunächst vom AKARP als entscheidungsunerheblich erachtete Möglichkeit zur Durchführung eines Kolloquiums aufgrund der Widerspruchsbegründung eingeräumt wurde. In einigen Fällen wurde aber die Ablehnung der Zertifizierung nach den Übergangsregelungen auch nach erneuter gründlicher Befassung durch den AKARP aufrechterhalten. Dies wurde den widerspruchsführenden Antragstellern schriftlich vom AKA-Vorsitzenden mitgeteilt. Nachdem der AKARP einen begründeten Widerspruch ausführlich erörtert hat und seine ablehnende Entscheidung nicht revidiert hat, sind die Erörterungsmöglichkeiten des Antragstellers mit dem AKARP erkennbar erschöpft. Der AKARP ist ein Gremium, das - wie einleitend gesagt und wie Antragstellern ohne Rechtsbelehrung bekannt sein sollte - durch die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen eingesetzt wurde. Dadurch ist der mögliche Adressat bezeichnet für weitere Schritte von Antragstellern, die sich durch Entscheidungen des AKARP beschwert fühlen.

Im folgenden werden noch einige Gesichtspunkte behandelt, auf die wiederholt von Anfragenden oder Antragstellern hingewiesen wurde. Die Auswahl der Gutachter erfolgte durch den AKARP. Da zu Beginn des Inkrafttretens der Übergangsregelungen noch keine zertifizierten Rechtspsychologen existierten, wurden Kollegen als Gutachter in die Pflicht genommen, deren rechtspsychologische Kompetenz allen AKA-Mitgliedern unzweifelhaft erschien. In Analogie zum Peer-Review-Verfahren bei Wissenschaftsorganisationen wurde im AKARP Anonymität der Gutachter beschlossen und den Gutachtern zugesichert, soweit es ihre Zuordnung zu einzelnen Fällen angeht. Die Liste der Gutachter wurde in der Psychologischen Rundschau 53 (3), 2001, S. 176, und in Report Psychologie 26 (9), 2001, S. 574, publiziert.

Von den Antragsgebühren erhalten die beiden Gutachter je ca. ein Drittel als Entschädigung, was in keiner Weise dem zeitlichen Umfang der zu leistenden Arbeit entspricht, nämlich bewertende Durchsicht von zehn Falldarstellungen bzw. forensischen Gutachten und weiterem Antragsmaterial und Abfassung einer schriftlichen Stellungnahme über den Antrag. Das restliche Drittel der Antragsgebühren dient zur Deckung der erheblichen Unkosten der DPA für die Organisation der Antragsbearbeitung, das Verschicken der Unterlagen und die Fertigung der Urkunde. Die AKA-Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, auch die sogenannte Berichterstattung über einen problematischen Antrag im Umfang einer vollständigen Begutachtung durch ein AKA-Mitglied sowie die Durchführung der Kolloquien erfolgten in der Vergangenheit und erfolgen weiterhin ohne Bezahlung der AKA-Mitglieder. Auf dem Hintergrund eines traditionellen Verständnisses, daß die Förderung des eigenen Faches auch im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten zu den Pflichten eines Hochschullehrers gehört, wurden Organisationskosten (z. B. Inanspruchnahme eines Sekretariats, Kopier- und Versandkosten) auf seiten der bisherigen AKA-Vorsitzenden stillschweigend nicht in Rechnung gestellt. Der derzeitige Umfang der Tätigkeit für den AKARP wirft aber die Frage auf, ob dies in Zukunft noch vertretbar sein kann.

Prof. Dr. phil. Max Steller, Vorsitzender des AKA
Institut für Forensische Psychiatrie
Universitätsklinikum Benjamin Franklin
Freie Universität Berlin


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