Mitteilungsdetail

Die DGPs reagiert auf die Gewalttat in Erfurt

30.04.2002

Der Präsident der DGPs und Entwicklungspsychologe, Rainer Silbereisen, beriet in Erfurt wenige Tage nach der Gewalttat zusammen mit seinem klinisch-psychologischen Kollegen Miltner die interministerielle Arbeitsgruppe sowie den mit der Gesamtleitung beauftragten Polizeiführer, insbesondere was den Übergang von der Notfallhilfe zu einem mittel- und längerfristigen Betreuungskonzept anbelangt. In einer wahrscheinlich beispiellosen Aktion waren rund 40 Psychologen/innen bei der Betreuung von LehrerInnen und SchülerInnen im Einsatz, wobei sich diese Initiative spontan aus dem Thüringer Raum heraus gebildet hatte.

 

 

Alle Betroffenen brauchen jetzt rasche psychologische Hilfe. Posttraumatischen Stress kann niemand alleine bewältigen - Fachgesellschaft bietet Unterstützung

 

Von Wolfgang Hirsch, Thüringische Landeszeitung vom 27. April

 

Erfurt/Jena. (tlz) Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie warnt eindringlich davor, nach dem Erfurter Amoklauf möglichst rasch wieder zur Normalität überzugehen. In einer sofortigen E-Mail an Kultusminister Michael Krapp hat ihr Vorsitzender, der Jenaer Entwicklungspsychologe Professor Rainer Silbereisen, Hilfe angeboten: bei der Bildung eines Notfall-Teams, um die Hinterbliebenen, Schüler, Eltern und Lehrer zu betreuen. Zugleich forderte Silbereisen eine bessere psychologische Ausbildung der Lehrer.

 

Was geht in solchen Amokläufern vor?

Diese Taten sind niemals spontane Reaktionen auf eine unmittelbar erfolgte

Frustration. Sondern solche Menschen haben eine lange Geschichte von Unfähigkeiten, Konflikte zu lösen, hinter sich. Häufig fressen sie Frustrationen in sich hinein, fühlen sich leicht benachteiligt und ungerecht behandelt. Dafür gibt es fast immer schon Anzeichen im Vorfeld der Tat. Kommt dann ein Auslöser hinzu, eine besondere Entäuschung oder Bloßstellung, so entschließen sie sich zu einer Tat, der sie eine besondere Spektakularität zuschreiben: Solche Täter wollen heimzahlen, und sie kalkulieren meist dabei ihr eigenes Schicksal, den Tod mit ein. Aber so

etwas passiert nie ohne Ankündigung.

 

Welche Anzeichen sind das?

Bei ähnlichen Fällen in den USA haben die Täter konkret angekündigt, dass sie sich zur Wehr setzen würden, dass sie etwas Besonderes tun würden. Grundsätzlich muss man massive Zeichen von Abkapselung, von Unfähigkeit, mit Frustration umzugehen, sehr ernst nehmen. Jeder nicht erklärliche Wechsel in Verhalten, Alltagsroutinen, Freundschaften ist ein Warnzeichen.

 

Sind Eltern und Lehrer überhaupt in der Lage, das zu erkennen?

Eines ist klar: Wenn ein Lehrer einen Schüler von Berufswegen und aus guten Gründen heftig kritisiert, benachteiligen oder sogar nicht versetzen muss, dann ist das nicht bloß ein Verwaltungsakt. Sondern er greift in das Leben, in die Selbstachtung einer Person ein. Deswegen ist die Telefon-Hotline am Schuljahresende genauso ein wichtiges Instrument wie die Aufmerksamkeit der Pädagogen gegenüber offensichtlichen Pubertätsproblemen oder von Mitschülern berichteten Suizid-Fantasien. Letztlich ist das auch ein Problem der Kommunikation zwischen Schülern, Lehrern und Elternhaus.

 

Werden Lehrer hinreichend psychologisch ausgebildet?

Meine Fachgesellschaft hat eine Initiative gestartet, um das Curriculum für Lehrer in Sachen Psychologie zu verbessern. Die verantwortlichen Politiker und Behörden versuchen offenbar, an der falschen Stelle zu sparen. Und die Pisa-Studie ist insofern eine Gefahr für dieses Anliegen, als man meinen könnte, es müsse wieder mehr um Lehren und Lernen gehen. Dabei hat ein Lehrer nun einmal mit Heranwachsenden zu tun, die in einer ziemlich unsicheren Welt in eine ziemlich unsichere Zukunft gehen sollen. Sie müssen

also kinder- und jugendpsychologischen Verstand besitzen. Aber davon gibt’s zu wenig.

 

Würden restriktivere Waffen-Gesetze helfen, solche Taten zu vermeiden?

Nein. Wir sind hier nicht in Amerika. Wer eine solche Tat vorhat, wird auch einen Weg finden. Ein Metalldetektor am Schultor würde vielleicht blutige Auseinandersetzungen zwischen Gangs verhindern oder erschweren, aber nicht

den Racheakt einer gestörten Einzelpersonen.

 

Was muss konkret geschehen, um den Hinterbliebenen und Angehörigen der

Schule zu helfen?

Wir haben sofort eine E-Mail an den thüringischen Kultusminister geschickt

und ihm die Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie angeboten. Die Schüler, ihre Eltern und Lehrer brauchen unbedingt psychologische Hilfe von Fachleuten, die sich mit posttraumatischem Stress auskennen.

 

Wie äußert sich so etwas?

Man weiß aus der Verarbeitung von Traumen, dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, darüber zu reden, vielleicht sogar beteiligungslos wirken. Das sieht am Anfang harmlos aus, macht vielleicht scheinbar nur ein paar schlaflose Nächte. Aber damit ist es nicht getan. Man findet dann Wochen, Monate, mitunter noch Jahre später Symptome wie sehr leicht auslösbare Ängste oder Ähnliches. Das ist sehr ernst zu nehmen. Man muss sie

betreuen.

 

Wie?

Man muss ihnen die Möglichkeit zu individuellen Gesprächen und Gruppengesprächen geben. Am besten sollten auch die Eltern zusammenkommen und als Gruppe daran arbeiten. Und die Lehrer, die nächste Woche wieder mit den Schülern zu tun haben, muss man darin unterweisen, wie sie mit der Situation umgehen. Dazu braucht es einen Mediator. Ich kann mir vorstellen, dass sich Lehrer krankmelden, weil sie sich dem nicht gewachsen fühlen. Hier müssen Fachleute helfen. Das Kultusministerium muss ein Notfall-Team zusammenstellen, und wir bieten unsere Unterstützung dabei an.

 

Welche Konsequenzen sind generell für den Schulalltag zu ziehen?

Man muss auch in den Schulen die Frage behandeln, wie man mit lebenswichtigen Entscheidungen und schweren Frustrationen umgeht. Viele Lehrer sind damit überfordert, weil sie psychologisch nicht hinreichend aus-

bzw. weitergebildet worden sind. Und für Schüler gehört es zum Lernstoff, Frustrationen ertragen zu können.

 

Wann kann wieder so etwas wie ein geregelter Schulbetrieb am Gutenberg-Gymnasium einkehren?

Einen Schulbetrieb kann es natürlich so schnell wieder geben, wie die Logistik eines Ministeriums das hinkriegt. Aus psychologischer Sicht gilt für alle solcher schweren Traumen: Das dauert ein Jahr. Mindestens.

 

 

 

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