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Familien sind vielfältig – das Kindeswohl fordert individuelle Lösungen

01.10.2018

Positionspapier der Sektion Rechtspsychologie im BDP und der DGPs zur Diskussion um das Wechselmodell als Regelmodell

Anfang des Jahres hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Familiengerichte unter eng definierten Kriterien auch gegen den Willen eines der Ex-Partner das "Wechselmodell" anordnen können. Das heißt, dass die Trennungskinder abwechselnd zu gleichen Teilen mit beiden Eltern leben. Kurz darauf wurden die Rufe nach einer gesetzlichen Verankerung des Wechselmodells als Regelmodell immer lauter. Auch die Justizministerkonferenz hat sich für eine Prüfung einer gesetzlichen Regelung des Wechselmodells ausgesprochen.

Die Befürworter des Wechselmodells übersehen in ihrer Argumentation eine entscheidende Grundvoraussetzung, die auch der Bundesgerichtshof in seinem Beschluss anbringt: Im Vordergrund muss immer das Wohl des Kindes stehen.

Und gerade dies ist das beste Argument gegen eine gesetzliche Verankerung des Wechselmodells als Regelmodell: Familien sind vielfältig und fordern eine individuelle Lösung für jedes einzelne Kind.

Es steht außer Frage, dass es für die Kinder am besten ist, wenn sich beide Elternteile gleichermaßen um sie kümmern. Das Wechselmodell als Regelmodell einzuführen, geht aber mit vielen organisatorischen und emotionalen Hürden einher. Eltern müssen trotz Trennung kooperieren, sich und das Kind bei dieser Regelung unterstützen, in räumlicher Nähe wohnen und auch Mehrkosten tragen können.

Auch stellt das Wechselmodell die betroffenen Kinder wegen des Pendelns zwischen Vater und Mutter vor besondere Herausforderungen, worauf sich Eltern flexibel einstellen müssen. Zudem ist das Alter des Kindes bei der Wahl des geeigneten Betreuungsmodells zu berücksichtigen. Besonders für Kleinkinder bis drei Jahre ist ein paritätisches Wechselmodell mit Pendeln und Übernachtungen als Regelfall eher nicht zu empfehlen.

Aus psychologischer Sicht gibt es keine Basis für die Forderung einer paritätischen Zeitaufteilung in der Kinderbetreuung. Wichtig ist allein, dass beide Eltern umfangreich in die Betreuung einbezogen sind – unabhängig von einer bezifferten Zeitaufteilung. Es gibt auch kein Land, in dem ein paritätisches Wechselmodell gesetzlich verankert ist.

Die Doppelresidenz kann in einigen Fällen sicherlich eine angemessene Regelung sein, als gesetzlicher Standard ist sie hingegen ungeeignet.

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP)

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) vertritt die beruflichen und politischen Interessen der niedergelassenen, angestellten und beamteten Psychologen und Psychologinnen aus allen Tätigkeitsbereichen. Diese sind unter anderem: Gesundheitspsychologie, Klinische Psychologie, Psychotherapie, Schulpsychologie, Rechtspsychologie, Verkehrspsychologie, Wirtschaftspsychologie, Umweltpsychologie, Politische Psychologie. Der BDP wurde 1946 gegründet und ist Ansprechpartner und Informant für Politik, Medien und Öffentlichkeit. Rund 12.000 Mitglieder sind hier organisiert.

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BDP und DGPs bilden zusammen die Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen und verstehen sich als Repräsentanten der Psychologenschaft in Deutschland.

Ansprechpartnerin

Dipl. Psych. Dr. jur. Anja Kannegießer
Vorsitzende der Sektion Rechtspsychologie des BDP
Tel.: 0251 490 28 42
E-Mail: akannegiesser@bdp-rechtspsychologie.de

 

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