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Berufliche Entscheidungen von Müttern: Einstellungen des Partners spielen eine wichtige Rolle

11.07.2017

Die Geschlechterrollenvorstellungen des Partners spielen für Frauen nach der Geburt des Kindes eine maßgebliche Rolle für ihre beruflichen Entscheidungen. Väter hingegen treffen ihre Entscheidungen unabhängiger. Das berichten Psychologinnen der RWTH Aachen in einer Studie, die gerade in der Fachzeitschrift „Journal of Vocational Behavior“ publiziert wurde. Die Forscherinnen befragten 306 Paare zu ihren Rollenvorstellungen und beruflichen Veränderungen im Zuge der Elternschaft.

Nach der Geburt eines Kindes stehen die frisch gebackenen Eltern vor weitreichenden Entscheidungen: Wer soll wie lange Elternzeit nehmen? Sollen beide Partner nach der Elternzeit wieder arbeiten? Wer sollte die Arbeitszeit reduzieren? „Unsere Analysen zeigen, wie sehr diese Entscheidungen von Paardynamiken beeinflusst werden“ sagt Anna M. Stertz, Psychologin an der RWTH Aachen und Hauptautorin der Studie. „Dabei spielen die Einstellungen zu Geschlechterrollen eine entscheidende Rolle.“

Befragung zu traditionellen und gleichberechtigten Geschlechterrollenvorstellungen

Gemeinsam mit Bettina S. Wiese, Professorin für Psychologie an der RWTH Aachen, und Thorana Grether analysierte Stertz Daten aus zwei größeren längsschnittlichen Forschungsprojekten. Im Fokus des ersten Projektes standen die berufliche und familiäre Situation werdender Eltern. Über einen Zeitraum von drei Jahren wurden 138 Paare viermal befragt. Die erste Befragung fand während der Schwangerschaft statt. Zu diesem Zeitpunkt wurden die Geschlechterrollenvorstellungen erfasst. Die werdenden Eltern gaben den Grad ihrer Zustimmung zu Aussagen wie „Frauen, die sich stark im Job engagieren, können nicht gleichzeitig gute Mütter sein“ an. Ein hoher Wert sprach für eine traditionelle Einstellung zu Geschlechterrollen, ein niedriger Wert für egalitäre, also gleichberechtigte Vorstellungen. Zusätzlich beantworteten die Eltern Fragen zur Dauer der Elternzeit sowie zu Veränderungen in ihrer wöchentlichen Arbeitszeit. Die weiteren Befragungen zu den Arbeitszeiten fanden sechs, zwölf, und 24 Monate nach der Geburt statt.
Das zweite Projekt betrachtete die erfolgreiche Berufsrückkehr von Müttern nach einer Familienpause. Dafür wurden 168 Mütter befragt, die sich zum ersten Zeitpunkt noch in der Elternzeit, aber kurz vor ihrem beruflichen Wiedereinstieg befanden. Etwa fünf Wochen nach dem Wiedereinstieg in den Beruf wurden auch die Väter mitbefragt. Beide Elternteile beantworteten auch hier Fragen zu ihren Geschlechterrollenvorstellungen und aktuellen Arbeitszeiten. Weitere Befragungen zu den Arbeitszeiten fanden elf Wochen sowie sechs Monate nach der Rückkehr in den Beruf statt.

Einstellungen der Männer beeinflussen die Entscheidungen der Frauen – nicht umgekehrt

Die Forscherinnen analysierten, wie die eigenen Geschlechterrollenvorstellungen und die des Partners mit beruflichen Entscheidungen zusammenhängen. Dabei zeigte sich, dass die Einstellungen der Väter einen Einfluss auf die beruflichen Entscheidungen der Mütter haben: Frauen mit traditionelleren Partnern nahmen längere berufliche Auszeiten, Frauen mit gleichberechtigt eingestellten Partnern vergleichsweise kürzere. Frauen mit traditionelleren Partnern reduzierten ihre Arbeitsstunden deutlicher als Frauen mit gleichberechtigt eingestellten Partnern. „Man kann allerdings nicht sagen, dass die Einstellungen der Frauen völlig unbedeutend sind“, erklärt Anna M. Stertz, „aber die Einstellungen des Partners haben einen darüber noch hinausreichenden Einfluss auf die Frauen.“
Im Gegensatz dazu ließen sich Väter in ihren Entscheidungen nicht von den Geschlechterrollenvorstellungen der Mütter beeinflussen. Hier zeigte sich, dass die eigenen Einstellungen vorhersagten, inwieweit Männer ihre Arbeitszeiten reduzierten. Gleichberechtigt eingestellte Väter verringerten ihre Arbeitszeiten stärker als traditionell eingestellte Väter.
Erklärungen für die Ergebnisse sehen die Autorinnen darin, dass Frauen generell stärker zur Berücksichtigung der Bedürfnisse ihres sozialen Umfelds neigen und sich überdies die Lebenssituation mit der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes für die Mütter stärker verändert als für die Väter. „Mütter berichten über stärkere Unsicherheiten nach der Geburt eines Kindes als Väter“ erklärt Anna M. Stertz. „In dieser Phase könnte eine Orientierung an den Präferenzen des Partners hilfreich und entlastend sein.“ Dementsprechend ließe sich auch erklären, warum die Einstellungen des Partners wichtiger waren, als die eigenen.

Die Originalstudie finden Sie hier:

Stertz, A. M., Grether, T. & Wiese, B. S. (2017). Gender-role attitudes and parental work-decisions after childbirth: A longitudinal perspective with dual earner couples. Journal of Vocational Behavior, 101, 104-118. doi: 10.1016/j.jvb.2017.05.005. Abrufbar unter www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0001879117300453

Kontakt für Presseanfragen:

Dipl.-Psych. Anna M. Stertz
Prof. Dr. Bettina S. Wiese
RWTH Aachen, Institut für Psychologie
Lehrstuhl Personal- und Organisationspsychologie
Jägerstraße 17-19
D-52066 Aachen
E-Mail: stertz@psych.rwth-aachen.de
Telefon: 0241 80 93 990

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