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Erfolgreiche Integration von Geflüchteten – psychologische Prozesse besser verstehen

17.05.2017

Münsteraner Psychologinnen und Psychologen erforschen die Chancen und Herausforderungen einer gelingenden Integration von Geflüchteten – erste Ergebnisse wurden im Rahmen eines Symposiums am 5. Mai 2017 präsentiert.

Das Thema „Integration von Geflüchteten“ steht, wie zurzeit kaum ein anderes, im Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses in Deutschland: Wie kann Integration gelingen? Worin bestehen Risiken? Was kann die Gesellschaft tun, um mögliche Risiken zu verringern und die Chancen zu vergrößern? Diese Fragen sind komplex und erfordern empirisch gesichertes Wissen über die sozialen und psychologischen Grundlagen von „Integration“. Um dieses Wissen systematisch zu generieren, haben sich im September 2016 sieben Arbeitseinheiten des psychologischen Instituts der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zusammengetan und die Initiative „Psychological Aspects of Refugee Integration“ (PARI) gestartet. Dabei wird das konzeptuelle, methodische und anwendungsorientierte Instrumentarium der beteiligten Fächer genutzt, um integrationsrelevante Prozesse (z.B. Wahrnehmung, Bedrohungserleben, Interaktion, Umgang mit Belastungen) besser zu verstehen. Folgende Professoren/innen sind an der Initiative beteiligt: Ulrike Buhlmann, Mitja Back, Gerald Echterhoff, Guido Hertel, Heinz Holling, Joscha Kärtner und Nexhmedin Morina.

„Integration ist ein Prozess, an dem stets zwei Seiten beteiligt sind – die Geflüchteten einerseits und die aufnehmende Gesellschaft andererseits“, sagt Gerald Echterhoff, Sozialpsychologe und Sprecher der Initiative. „Wir nehmen in der Initiative daher von Anfang an eine duale Perspektive ein und untersuchen relevante psychologische Prozesse sowohl auf Seiten der Geflüchteten als auch auf Seiten der aufnehmenden Gesellschaft.“

Die Vorhaben von PARI umfassen neben der fächerübergreifenden konzeptuellen Analyse relevanter Prozesse verschiedene Teilprojekte. In einem Teilprojekt werden derzeit das psychosoziale Wohlbefinden Geflüchteter in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen sowie deren Hoffnungen und Erwartungen bezüglich ihrer Integration untersucht. Andere Teilprojekte befassen sich mit ersten gegenseitigen Persönlichkeits- und Sympathieeindrücken von Geflüchteten und Deutschen, mit beruflichen Werten und beruflicher Integration, mit der psychischen Belastung Geflüchteter und ihrer Bereitschaft zur therapeutischen Behandlung. Ein in das Exzellenzcluster „Politik und Religion“ der Universität Münster eingebundenes Teilprojekt thematisiert die Rolle der Religionszugehörigkeit und Religiosität Deutscher und Geflüchteter für integrationsrelevante Einstellungen, Wahrnehmungen und Interaktionen. Ein weiteres Teilprojekt beschäftigt sich mit Erfahrungen und Erwartungen geflüchteter Eltern von Kleinkindern bezüglich der Entwicklung und Erziehung in Deutschland. Dabei sollen konkrete Empfehlungen entwickelt werden, wie spezielle Beratungsangebote für Geflüchtete gestaltet werden können.

Zudem wird die Integrationszuversicht auf Seiten der aufnehmenden Gesellschaft erforscht. Hier geht es unter anderem um den Einfluss von situativen Faktoren (wie etwa die Verfügbarkeit von Ressourcen für Integration) oder von Persönlichkeitsmerkmalen. „Wir haben erste Hinweise darauf, dass die wahrgenommene Offenheit für neue Erfahrungen auf Seiten von Geflüchteten die Integrationszuversicht der aufnehmenden Bevölkerung erhöht, allerdings in Abhängigkeit von weiteren Faktoren wie etwa der politischen Einstellung“, erklärt Gerald Echterhoff.

Fokus auf Flucht – „forced migration“

PARI widmet sich dezidiert den psychologischen Prozessen, die für die Integration Geflüchteter eine Rolle spielen. Der Fokus liegt also auf dem Umgang mit Fluchtmigration nach der Ankunft im Gastland, nicht auf Migration im Allgemeinen. „Flucht weist besondere psychologisch relevante Merkmale auf und unterscheidet sich hinsichtlich verschiedener Aspekte von anderen Formen der Migration“, erklärt der Koordinator des Projektes, Jens Hellmann. Auf der Seite der Geflüchteten gehören dazu unter anderem das Ausmaß von Kontrollverlust, erlebter Machtlosigkeit und Gewalt, der Grad der Traumatisierung sowie die zeitliche Perspektive im Gastland und damit verbundene Unsicherheiten.

Symposium zur Forschungsinitiative

Am 5. Mai stellte die Initiative zentrale Themen, Projekte und Ansätze zur wissenschaftlichen Analyse integrationsrelevanter psychologischer Prozesse vor. Präsentationen von Mitgliedern von PARI und eine Posterausstellung zu ersten Ergebnisse aus Teilprojekten wurden durch Gastvorträge der Sozialpsychologin Julia Becker (Universität Osnabrück) zu Hilfeverhalten gegenüber Geflüchteten und des Historikers Michael Schwartz (Institut für Zeitgeschichte München-Berlin) zur Vertriebenenpolitik in Ost- und Westdeutschland abgerundet. Die engagierte Beteiligung von Vertretern/innen aus der Praxis (z.B. der Leiterin der Institution „Die Brücke“ an der Universität Münster, Dana Jacob, sowie von Sozialarbeitern/innen der Stadt Münster und der Johanniter) und eine abschließende Paneldiskussion lieferten wichtige Anregungen für die weitere Arbeit.

Der Vorstand der DGPs ist begeistert von der Münsteraner Initiative. „PARI zeigt sehr eindrücklich, welchen Beitrag die Psychologie zum Umgang mit Flucht, Trauma und Integration leisten kann", sagt Mario Gollwitzer vom DGPs-Vorstand. „Dieses Wissen in den verschiedenen Disziplinen der Psychologie zu erforschen und dann zu bündeln, um daraus bessere Antworten auf relevante und komplexe Fragen abzuleiten – das ist die Stärke der PARI-Initiative und ein leuchtendes Beispiel dafür, was Psychologie für die Gesellschaft bewirken kann."

 

Mehr über die PARI-Initiative lesen Sie hier:

http://www.uni-muenster.de/Psychologie/forschung/pari/

 

Kontakt bei Rückfragen:

Prof. Dr. Gerald Echterhoff

E-Mail: g.echterhoff(at)uni-muenster.de

Tel.: 0251 8334386

 

Dr. Jens Hellmann

E-Mail: jens.hellmann(at)uni-muenster.de

Tel.: 0251 8331391

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