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Schlafmangel und die Nutzung von Ratschlägen

28.06.2016

Personen unter Schlafmangel sind empfänglicher für Ratschläge als solche ohne Schlafmangel – und berücksichtigen dabei die Kompetenz der beratenden Person weniger. Das zeigt eine Studie von Psychologinnen und Psychologen, die kürzlich in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde. Die Versuchspersonen wurden einem Schlafentzug von 24 Stunden ausgesetzt und sollten am Morgen danach Schätzaufgaben bearbeiten. Dabei konnten sie zusätzlich die Ratschläge von Beratern annehmen. Personen unter Schlafentzug nutzten die Hinweise anderer Personen stärker als ausgeruhte Personen einer Kontrollgruppe.

Wichtige Entscheidungen im politischen Betrieb oder im Wirtschaftskontext erfolgen oft im Zustand akuten Schlafmangels. Häufig werden bei der Urteilsbildung und Entscheidungsfindung Beraterinnen und Berater herangezogen. Dies wirft unmittelbar die Frage auf, inwiefern Schlafmangel die Nutzung von Ratschlägen beeinflusst. Befunde der psychologischen Schlafforschung zeigen, dass Menschen, die Schlafmangel ausgesetzt sind, allgemein empfänglicher für die Einflussnahme anderer Personen werden. „Ob Schlafmangel tatsächlich dazu führt, dass Menschen vermehrt Ratschläge nutzen, haben wir im Rahmen der Studie erstmals empirisch untersucht“, sagt Jan Häusser, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Gießen und Hauptautor der Studie.    

Schlafentzug im Labor

An der Studie nahmen 96 Versuchspersonen teil. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt. In der Experimentalgruppe (Schlafentzug) erschienen die Versuchspersonen abends im Labor und blieben dort unter Aufsicht die ganze Nacht wach. In der Kontrollgruppe kamen die Versuchspersonen nach einer Nacht mit normalem Schlaf morgens ausgeruht ins Labor. Die Nachtruhe wurde über ein Gerät kontrolliert, das Aktivitäts- und Bewegungsmuster aufzeichnet und eine zuverlässige Messung von Schlafdauer und Schlafqualität erlaubt.

Beide Gruppen bearbeiteten am nächsten Morgen am Computer Schätzaufgaben, bei denen sie die Entfernung zwischen verschiedenen europäischen Hauptstädten schätzen sollten (zum Beispiel Helsinki – Dublin). Nach ihrer ersten Schätzung wurde ihnen jeweils der Ratschlag eines vermeintlichen Beraters am Computer präsentiert. Es gab zwei Berater, die abwechselnd Ratschläge erteilten. Den Versuchspersonen wurde erklärt, dass die „Berater“ zwei frühere Versuchspersonen einer anderen Studie seien. Der eine Berater habe in der Aufgabe sehr gut (Rang 7 von 100), der andere im Mittelfeld (Rang 52 von 100) abgeschnitten. Die Versuchspersonen konnten ihre Entscheidung danach revidieren und eine erneute Schätzung abgeben, falls sie das wollten.

Stärkere Nutzung der Ratschläge bei Schlafentzug

Personen, die unter Schlafentzug standen, nutzten die Ratschläge stärker als ausgeruhte Personen: Bei ihren zweiten Schätzungen bewegten sich die Versuchspersonen der Schlafentzugsbedingung deutlicher auf die Schätzung des Ratgebers zu, als dies die ausgeruhten Personen taten.  

Insgesamt wurde der Rat des kompetenten Beraters stärker berücksichtigt als der Rat des weniger kompetenten Beraters. Außerdem zeigte sich, dass Personen der Schlafmangelgruppe den Rat des weniger kompetenten Beraters stärker folgten als Personen der ausgeruhten Kontrollgruppe.

Nutzen kompetenter Beratung

Versuchspersonen unter Schlafentzug schnitten bei ihrer ersten Einschätzung etwas schlechter ab als die der ausgeruhten Kontrollgruppe. In der zweiten, revidierten Einschätzung zeigte sich aber kein Unterschied mehr zwischen Personen mit und ohne Schlafmangel, wenn die Personen mit Schlafmangel dem Rat eines hochqualifizierten Beraters gefolgt waren.

„Menschen, die Schlafmangel ausgesetzt sind, sind sich dieser Tatsache meist bewusst und schätzen ihre verminderten kognitiven Kapazitäten auch adäquat ein“, erklärt Jan Häusser. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Nutzung guter Ratschläge helfen kann, derartige Defizite zu kompensieren. Unausgeschlafene Menschen sollten sich ihre Ratgeber allerdings gut aussuchen: inkompetente Ratgeber, oder solche, die eine starke eigene Agenda verfolgen, könnten bei müden Menschen einen stärkeren Einfluss auf die Urteilsbildung bekommen.“

 

Die Originalstudie finden Sie hier:

Häusser, J.A., Leder, J., Ketturat, C., Dresler, M. & Faber, N.S. (2016). Sleep deprivation and advice taking. Scientific Reports, 6, 24386.

Open access Zugang unter: http://www.nature.com/articles/srep24386

 

Kontakt bei Rückfragen:

Prof. Dr. Jan Häusser
Professur für Sozialpsychologie
Justus-Liebig University Gießen
Otto-Behaghel-Straße 10
35394 Gießen
Email: Jan.A.Haeusser(at)psychol.uni-giessen.de
Tel.: 0641 9926240

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